Aktuelle Nachrichten – Deutschland
28.10.2011
Foto: Clemens Bilan/dapd
Berlin – Die Bundesregierung will in ihrer Familienpolitik künftig stärker den Faktor Zeit in den Blick nehmen. "Der Wunsch nach mehr Zeit für Familien eint alle Familien und ist noch stärker ausgeprägt als der Wunsch nach mehr Geld", sagte Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) am Freitag in Berlin bei der Übergabe des achten Familienberichts der Bundesregierung. Zeit sei daher die "Leitwährung" der Familienpolitik.
Der vorgelegte Bericht "markiert den Einstieg in eine Zeitpolitik für Familien", sagte Schröder weiter. Opposition und Verbände forderten einen Ausbau der Kinderbetreuung, um Familie und Job besser vereinbaren zu können.
In ihrer 226-seitigen Studie mit dem Titel "Zeit für Familie" fordern die acht Experten unter der Leitung des Arbeitsrechtlers Gregor Thüsing von der Politik stärkere Anstrengungen, um den Zeitbedürfnissen von Familien gerecht zu werden. Dazu schlagen sie unter anderem vor, Arbeitszeiten und Öffnungszeiten von Betreuungseinrichtungen besser zu koordinieren. Hier seien besonders die Kommunen gefordert. Auch sollten die Möglichkeiten älterer Menschen stärker genutzt werden, beispielsweise durch den Bundesfreiwilligendienst.
Dem Bericht zufolge leiden mehr als 40 Prozent der Eltern mit minderjährigen Kindern oft oder immer unter Zeitdruck. Zudem hätten 63 Prozent der Väter und 37 Prozent der Mütter mit minderjährigen Kindern angegeben, zu wenig Zeit für ihre Kinder zu haben.
Schröder hob hervor, dass die zunehmende Verbreitung von Telearbeit zwar auf der einen Seite einen Gewinn für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bedeute. Die ständige Erreichbarkeit führe jedoch auch zu dem "sehr bedenklichen Trend", dass Arbeit und Familie immer schwerer zu trennen seien und es keinen Raum für Privatheit gebe.
Thüsing verwies darauf, dass häufig nicht der Umfang der Arbeit den beschäftigten Eltern Probleme mache, sondern Ort und zeitliche Lage der Arbeit. Wichtig sei auch eine verlässliche Arbeitszeitplanung, um die Zeit für die Familie sicher koordinieren zu können. Der Familienbericht regt laut Thüsing zudem an, die Sozialauswahl bei Kündigungen in Zukunft stärker davon abhängig zu machen, ob Arbeitnehmer unterhaltspflichtige Kinder haben. Das mache den Schritt zur Familiengründung leichter.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund sieht in der Situation der Arbeitnehmer einen Grund für familiäre Zeitkonflikte. "Überstunden und eine Kultur der Dauerpräsenz bestimmen den Alltag der Beschäftigten", sagte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock. Die Organisation der Arbeitszeit sei der Schlüssel für eine familienfreundliche Arbeitswelt.
Der Bundesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt, Wolfgang Stadler, zeigte sich von Ergebnissen des Berichts nicht überrascht. "Familien müssen noch viel stärker als bisher dabei unterstützt werden, Familie, Pflege und Beruf miteinander vereinbaren zu können", sagte Stadler. Neben einem Zuwachs an "Handlungssouveränität" sei vor allem der Ausbau einer qualifizierten und wohnortnahen Kinderbetreuung Grundlage für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Die SPD-Vizevorsitzende Manuela Schwesig warf der Bundesregierung Versäumnisse bei der Unterstützung von Familien vor. Der Bericht zeige, dass sich für die Familien kaum etwas verbessert habe, sagte Schwesig in Schwerin. Dies gelte sowohl für Eltern mit kleinen Kindern als auch für Menschen, die ihre Angehörigen pflegten.
Nach Ansicht der Grünen-Fraktionsvorsitzenden Renate Künast muss Schröder nun einen Plan vorlegen, wie sie den Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz ab 2013 einhalten wolle. Die zwei Milliarden Euro für das laut Künast "unsinnige Betreuungsgeld" sollten besser in Kinderbetreuungsplätze investiert werden.
Die Familienberichte der Bundesregierung werden seit 1968 in der Regel im Abstand von fünf bis sechs Jahren vorgelegt.
(dapd)
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