Aktuelle Nachrichten – Deutschland
25.07.2008
Berlin – Keine Ahnung vom Mauerbau, Adenauer und Brandt als DDR-Politiker – Schüler haben gravierende Bildungslücken über den SED-Staat. Die Mehrheit von 5.200 befragten Schülern wusste beispielweise nicht, ob die DDR durch demokratische Wahlen legitimiert war. Das ergab eine Studie, die die Freie Universität Berlin am Freitag vorstellte. Der Beauftragte des Bundes für die neuen Länder, Wolfgang Tiefensee, appellierte als Reaktion an die Eltern, „ihren Kindern die Wahrheit über das Leben in der DDR zu erzählen“.
Denn oft sind es der Studie zufolge die Eltern, die Versuche der Schulen blockieren, sachlich über die deutsch-deutsche Vergangenheit zu informieren. Verantwortlich für die Bildungsmisere ist aber dennoch vor allem der mangelhafte Unterricht in den Schulen.
So wissen Gymnasiasten in Brandenburg weniger über die DDR als bayerische Hauptschüler, wie die Autoren Monika Deutz-Schroeder und Klaus Schroeder vom Forschungsverbund SED-Staat herausfanden. Befragt wurden Schüler in Bayern, West-Berlin, Ost-Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. Die Mehrzahl der Schüler war zum Zeitpunkt der Befragung 16 oder 17 Jahre alt.
Für die Schulen fällt die Studie übel aus. Nur die wenigsten der befragten Schüler hatten ihre Kenntnisse über die DDR und das geteilte Deutschland aus dem Unterricht. Zwei Drittel erklärten, sie hätten in der Schule zu wenig oder gar kein Wissen über den SED-Staat erworben.
Wenn Wissen vorhanden ist, dann kommt es der Studie zufolge aus Gesprächen in den Familien und ist entsprechend geprägt: Westdeutsche Schüler favorisierten die alte Bundesrepublik, ostdeutsche mehrheitlich die DDR. So hielten nicht einmal zwei Drittel der ostdeutschen Jugendlichen die Leistungen des Wirtschaftssystems im Westen für besser als das der DDR (Westen: etwa 80 Prozent).
Das politische System der Bundesrepublik erhielt gar nur von knapp 57 Prozent der Jugendlichen aus den beiden ostdeutschen Untersuchungsregionen Zuspruch – gegenüber gut 83 Prozent aus den westdeutschen Bundesländern. Nur gut ein Drittel der ostdeutschen Jugendlichen beurteilte das bundesdeutsche System vor 1989 ausdrücklich besser als das der DDR. Von den westdeutschen Klassenkameraden waren es zwei Drittel. Die Stasi bewerteten viele Schüler, vor allem ostdeutsche sowie Haupt- und Gesamtschüler, relativ positiv: Nur etwa jeder Zweite verneinte, dass das MfS ein Geheimdienst wie in einem demokratischen Staat gewesen sei.
Bekannte Politiker konnten kaum zugeordnet werden. So vermutete etwa jeder Vierte – im Osten mehr als jeder Dritte -, Konrad Adenauer und Willy Brandt hätten in der DDR gewirkt. Selbst Helmut Kohl wurde von etwa jedem Zehnten in den SED-Staat verpflanzt.
Die Forderung der Studienautoren ist eindeutig: „Je mehr die Schüler über den SED-Staat wissen, desto kritischer beurteilen sie ihn.“ Sie forderten die Schulen auf, ihre Lehrpläne stärker auf das Thema DDR einzustellen. Außerdem sollten 2009 und 2010 als Erinnerungsjahre an den Fall der Mauer und die deutsche Vereinigung zur ausführlichen Beschäftigung mit der deutschen Teilung genutzt werden, raten sie.
Allerdings nützt offenbar der beste Unterricht nichts gegen die Ostalgie der Alten. „Eine in vielen ostdeutschen Schulen kaum überwindbare Barriere stellen Eltern und Großeltern von Schülern dar, die das von kritischen Lehrern vermittelte DDR-Bild zurückweisen und ihren Kindern ihre eigene nostalgische Sicht gleichsam aufzwingen“, haben die Forscher herausgefunden.
Tiefensee erklärte, das „Unwissen darf auf keinen Fall zur Verharmlosung oder gar Verklärung werden“. Eltern sollten ihren Kindern die Wahrheit über das Leben in der DDR erzählen, „über die schönen Erlebnisse, aber auch über das Leben hinter Mauer und Stacheldraht“. Er erinnerte an „Folterknäste, Tote an den Grenzen, Misstrauen und gegenseitige Bespitzelung“.
Geschichtsbewusstsein entstehe nicht nur in den Schulen, meinte der SPD-Politiker. Alle seien gefragt, ihren Betrag zur Aufarbeitung zu leisten.
http://web.fu-berlin.de/fsed/aktuelles.html (AP)
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