Aktuelle Nachrichten – Sport
30.10.2011
Foto: Rike/Pixelio
Düsseldorf – Berichte über "schwarze Konten", Ermittlungen gegen 21 aktive und frühere Referees sowie harsche Kritik an den Leistungen auf dem Rasen: Die einst so hochgelobte Schiedsrichter-Gilde des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) steht nach einem turbulenten Wochenende sportlich wie juristisch am Pranger. Laut eines Berichts des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" zieht der Steuer-Skandal immer weitere Kreise. So soll der Weltverband FIFA deutschen Unparteiischen Honorare auch auf Konten im Ausland überwiesen haben. Demnach sollen Einkünfte im sechsstelligen Bereich nicht versteuert worden sein.
Als ob die Negativ-Schlagzeilen mit immer neueren Enthüllungen nicht schon genug Wirbel verursachten, rückten die Schiedsrichter auch noch am elften Bundesliga-Spieltag ins Kreuzfeuer der Kritik. Ein Hand-Tor von Weltstar Raul, ein nicht gegebener Elfmeter für Jung-Nationalspieler Mario Götze, ein Abseitstor von Marco Reus, eine strittige Szene in Mainz – die Entscheidungen der Schiedsrichter sorgten für hitzige Diskussionen.
Insbesondere Mainz-Trainer Thomas Tuchel ließ mächtig Dampf ab. "Zum fünften Mal hat eine krasse Fehlentscheidung zum Gegentor geführt. Das muss aufhören. Die Schiedsrichter sollen vernünftig pfeifen, dann muss sich niemand aufregen", echauffierte sich Tuchel nach dem 1:3 gegen Werder Bremen. Auf Schalke redeten sich die Hoffenheimer (Stanislawski: "Ein Klientel, das unantastbar ist") nach dem Raul-Tor die Köpfe heiß und bei Meister Borussia Dortmund brachte der Tritt gegen Götze insbesondere Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke auf die Palme. "Muss man denn Mario erst ein Bein wegtreten, damit man bei ihm Elfmeter pfeift?", fragte Watzke aufgebracht.
Schiedsrichter Lehrwart Lutz Wagner nahm seine jungen Kollegen in Schutz. "Schiedsrichter-Entscheidungen zu kritisieren ist immer der schnellste und einfachste Weg. Keine der Aktionen war aber ein klarer Fehler. Ich fand die Entscheidungen nicht so extrem", sagte Wagner der Nachrichtenagentur dapd. "Ganz und gar nicht" wollte der langjährige Bundesliga-Unparteiische ein Zusammenhang der Leistungen mit den Ermittlungen gegen 21 aktuelle und frühere DFB-Schiedsrichter sehen. "Da sollte man erst einmal abwarten, was am Ende auf dem Tisch liegt. Das Schlimmste sind Vorverurteilungen", sagte Wagner
Doch die Anschuldigungen sind gravierend und bekommen durch eine mögliche Beteiligung der FIFA noch eine weitaus brisantere Note. Der Weltverband wollte mit Hinweis auf das "laufende Verfahren" zu den Vorgängen keine Stellung nehmen. Die Steuerfahnder halten laut "Spiegel" in einer Notiz fest: "Scheinbar ist die FIFA nicht an ordentlichen Abwicklungen interessiert."
Auslöser der Ermittlungen, die am Montag in ganz Deutschland zu einer Razzia bei Schiedsrichtern führten, ist demnach der frühere Unparteiische Manfred Amerell. Über sieben Monate belieferte Amerell Steuerfahnder laut "Spiegel" mit selbstrecherchierten Daten und Hintergrund-Informationen zu internationalen Spielen seiner früheren Kollegen. Amerell bestätigte dies am Samstag der Nachrichtenagentur dapd.
Mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) hatte Amerell schon mehrere juristische Auseinandersetzungen. Der Verband wirft dem 64-Jährigen vor, in seiner Funktion als Mitglied des DFB-Schiedsrichterausschusses über Jahre seine Amtspflichten verletzt zu haben. Er soll Schiedsrichter Michael Kempter sexuell belästigt haben. Amerell weist den Vorwurf zurück und spricht von einvernehmlichen Kontakten zu dem 28- Jährigen. Amerell streitet auch mit Kempter vor Gericht.
Am Freitag stellte der DFB bei der Staatsanwaltschaft in München Strafanzeige gegen unbekannt im Zusammenhang mit der am Montag in der DFB-Zentrale erfolgten Maßnahme der Steuerfahndung Augsburg. Hintergrund sind Hinweise darauf, "dass Einzelheiten der Aktion der Steuerfahnder offensichtlich bereits im Vorfeld an die Öffentlichkeit gelangt waren". Dies begründe "den Verdacht, dass Amtsträger pflichtwidrig Dienstgeheimnisse an Außenstehende weitergegeben haben."
Außerdem mahnte der DFB Amerell und seinen Anwalt ab und forderte beide zur Abgabe einer Unterlassungserklärung auf. Der Grund ist die laut DFB unwahre Behauptung Amerells in Medienberichten, der DFB habe den Anwalt Christoph Schickhardt für dessen Mandaten Kempter bezahlt.
(dapd)
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