Aktuelle Nachrichten – International
23.08.2011
Tripolis – Einen Tag nach dem Einmarsch der Aufständischen ist in der libyschen Hauptstadt Tripolis mit unverminderter Härte um die Vorherrschaft gekämpft worden. Rebellen und Regierungstruppen lieferten sich am Dienstag Straßenkämpfe in mehreren Vierteln. Besonders heftig tobten die Gefechte in der Nähe von Gaddafis Residenz Bab al Asisija. Neuen Auftrieb verschaffte den Soldaten offenbar ein Auftritt des vermeintlich gefangen genommenen Gaddafi-Sohns Seif al Islam.
Dichter Rauch hing über der Stadt, während schweres Gewehrfeuer und Explosionen zu hören waren. Seif als Islam tauchte am Morgen überraschend im Rixos-Hotel in der Hauptstadt auf, in dem sich etwa 30 ausländische Journalisten aufhalten, darunter Reporter der Nachrichtenagentur AP. Der Sohn von Machthaber Muammar al Gaddafi lud die Journalisten zu einer Fahrt durch die Stadt in seinem Konvoi ein.
Der Konvoi aus gepanzerten Geländewagen fuhr durch Straßen voller bewaffneter Gaddafi-Gefolgsleute und durch das Viertel Bu Slim, das als Hochburg der Regimetreuen gilt. Vor Gaddafis Gebäudekomplex Bab al Asisija warteten mindestens 100 Männer auf Waffen, die an Freiwillige zur Verteidigung des Regimes verteilt wurden. Seif al Islam äußerte sich zuversichtlich, die Aufständischen noch zu besiegen.
"Wir sind hier. Das ist unser Land. Das ist unser Volk", erklärte er. "Wir leben hier und wir sterben hier." Die Menschen stünden auf der Seite der Regierung, "darum werden wir gewinnen". Er fügte hinzu: "Wir werden den Rebellen das Rückgrat brechen."
Am Montag hatten die Aufständischen erklärt, Seif als Islam sei ebenso wie ein weiterer Gaddafi-Sohn, Al Saadi, am Vortag festgenommen worden. Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) hatte die Festnahme Seif al Islams zunächst bestätigt, der wie sein Vater wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt ist. Am Dienstag erklärte jedoch ein IStGH-Sprecher, der Gerichtshof habe von den Rebellen nie eine offizielle Bestätigung über die Festnahme von Seif al Islam erhalten.
Ein dritter Sohn, Mohammed, stand nach Angaben der Opposition unter Hausarrest, konnte aber entkommen. Die Rebellenführung schien verblüfft darüber, das Seif al Islam in Freiheit war. Ein Sprecher hatte keine Erklärung und sagte nur: "Das könnten alles Lügen sein."
In Bengasi, der Hochburg der Rebellen, erklärte der Vorsitzende des Nationalen Übergangsrats, über den Aufenthaltsort von Staatschef Muammar al Gaddafi sei nichts bekannt. "Der wahre Moment des Sieges kommt, wenn Gaddafi gefangen genommen ist", sagte Mustafa Abdel Dschalil. Rebellensprecher Mohammed Abdel Rahman sagte in Tripolis, solange Gaddafi nicht gefasst sei, bestehe Gefahr. Seine Gefolgsleute seien in den Außenbezirken stationiert und könnten "in einer halben Stunde mitten in der Stadt sein".
Ein US-Regierungsbeamter erklärte, nach Einschätzung des Weißen Hauses stünden 90 Prozent von Tripolis unter der Kontrolle der Rebellen. Die Regierungstruppen herrschten noch über die Städte Sirte und Sebha. Nach US-Angaben feuerten die libyschen Streitkräfte am Montagabend erneut eine Scud-Rakete ab. Wo das Geschoss landete und ob es Verletzte gab, war nicht bekannt.
Die NATO setzt ihre Angriffe in Libyen trotz des Einzuges der Rebellen in die Hauptstadt fort. Der Raketenbeschuss von Misrata durch die Truppen Gaddafis habe gezeigt, "dass unser Einsatz notwendig bleibt", sagte eine NATO-Sprecherin am Dienstag in Brüssel. Die Mission "Unified Protector" werde so lange fortgesetzt, wie es zum Schutz der libyschen Bevölkerung notwendig sei.
Nach Angaben von NATO-Sprecherin Oana Lungescu will sich das Militärbündnis auch nach dem Ende des Gaddafi-Regimes in Libyen engagieren. Dafür nannte sie aber drei Bedingungen: Die Führung werde bei den Vereinten Nationen liegen. Es würden keine Bodentruppen entsendet. Und die Unterstützung der NATO werde angefordert.
(dapd)
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