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Südenglische Steilküste Seeluft schnuppern im sommerlichen Brighton

Bernd Kregel / Gastautor

18.07.2011

Foto: Bernd Kregel

Foto: Bernd Kregel

Die Küstenstadt Brighton am Ärmelkanal ist das größte und beliebteste Seebad Großbritanniens. Sportliche und kulturelle Events machen sie besonders in den Sommermonaten zu einem besonderen Anziehungspunkt.

Adel verpflichtet, selbst im Bett. Queen Victoria kam dieser Verpflichtung nach, indem sie gleich vier Matratzen übereinander in ihrem Bett stapeln ließ. Nicht etwa, weil sie, wie die berühmte „Prinzessin auf der Erbse“, ihr zartes Hinterteil vor Unregelmäßigkeiten in der Unterlage schützen wollte. Sondern allein deswegen, weil sie auf diese Weise erheblich höher lag und damit selbst in dieser wenig majestätischen Position dem Dienstpersonal immer noch über-legen war.

Das heute noch gut erhaltene Möbelstück stand jedoch nicht in einem ihrer Londoner Paläste. Vielmehr fand es seinen Platz in dem südenglischen Küstenort Brighton, nur ein paar Kutschenstunden von der englischen Metropole entfernt. Hier hatte Georg IV., einer ihrer Vorgänger im Amt, einen „Royal Pavilion“ errichten lassen, der nicht nur ein repräsentatives königliches Ausflugsziel darstellte, sondern zugleich alles in den Schatten stellte, was die Weltmacht England an Exotik zu bieten hatte.

Ästhetische Perfektion und orientalische Verspieltheit

Vielleicht war es der schmerzhafte Verlust Neuenglands unter Georg III., der seinen Nachfolger dazu veranlasste, mit einem Bauwerk aufzutrumpfen, das ebenso auch in einem der reichsten überseeischen „Kronjuwelen“ hätte stehen können. Denn in der verspielten Außenfassade spiegelt sich eindeutig der Glanz eines indischen Maharaja-Palastes wider, mit schwungvollen Kuppeln, die dem unübertroffenen Mogul-Grabmal des Taj Mahal an Eleganz sehr nahe kommen. Ästhetisch perfekt und in einer orientalischen Verspieltheit, die niemand in dieser ausgeprägten Form auf den Britischen Inseln vermuten würde.

In seinem Inneren hingegen überzeugt das Prachtgebäude mit chinesischen Preziosen, die zur damaligen Zeit hoch im Kurs standen. So beispielsweise die kostbaren Stehlampen und die edlen Porzellanvasen als überzeugender Inbegriff royaler Repräsentation. Ein überaus schwelgerisches Gesamtkunstwerk und – wie bei allen großen Bauten jener Zeit - ein Musterbeispiel für den neuesten Stand der Technik.

Den schwelgerischen Höhepunkt bietet zweifellos der Bankettsaal als die standesgemäße Kulisse für die königlichen Dinners jener Zeit. Teil der phantasievollen und gewagten Ausstattung ist der prächtige Kronleuchter, neun Meter lang und eine Tonne schwer, der aus den Klauen eines versilberten Drachens in der Mitte des Saals von der Decke herabhängt. Den festlich hergerichteten Tisch ziert vergoldetes Silbergerät jener Epoche, die bedeutendste öffentlich ausgestellte Kollektion ihrer Art.

Entspanntes Schlendern in den „Lanes“

Heute noch färbt der „Royal Pavilion“ ab auf die unmittelbare Umgebung. Denn nicht nur schwelgt die Stadt in bunten Gärten und gepflegten Parkanlagen, in stolzen Hausfassaden und malerischen Plätzen. Auch im Auftreten der Menschen spiegelt sich noch das stolze Selbstbewusstsein, wie es einst einer solchen vom Alltag abgehobenen Tradition entsprang und bis heute in einer bemerkenswerten Lässigkeit seinen Ausdruck findet.

Gemütlich zu schlendern in den „Lanes“ der Innenstadt ist besonders am Wochenende ein ausgesprochenes Vergnügen. Entspannung statt Hektik begegnet hier allenthalben auf den Märkten und in den Studentenkneipen, in den Pubs und an den langen Tischreihen auf den Bürgersteigen. Ob wohl im Wirkungsbereich der „feinen englischen Art“ die Uhren tatsächlich etwas langsamer gehen und die persönlichen Kontakte sich im Small Talk etwas unkomplizierter entwickeln?

Fast mediterran erscheint bei schönem Wetter das „Eating Out“, das vor zahllosen Restaurants zelebriert wird. „Etwa mit der englischen Küche?“ mag hier jemand kritisch anfragen. Doch auch auf den Britischen Inseln hat man in dieser Beziehung offenbar dazugelernt, sodass der vorschnelle Spötter achtgeben solle, dass ihm nicht vor Erstaunen der Leckerbissen im Hals stecken bleibt. Zum Beispiel in der „Latin Lounge“ in der West Street oder dem „Ginger Boy“ am College Place. Und nicht zuletzt im „Chilli Pickle“ in der Jubilee Street, wo englische und indische Küche gemeinsam mit alten Vorurteilen aufräumen.

Selbst das Nachtleben von Brighton kann sich in Sachen Frechheit und Witz durchaus sehen lassen. Eines der ersten Häuser am Platze ist - temperamentvoll und nicht in jeder Hinsicht jugendfrei - „The Brighton Ballroom“ am Raston Place. Überwölbt von einer Glaskuppel aus vornehmeren Zeiten, die sich flach über den Innenraum spannt, geht hier zu später Stunde die Post ab. Besonders am Wochenende, wenn DJ Boogalu Stu in poppigem Outfit auflegt und die Brightoner Schickeria ein Tänzchen miteinander wagt.

Pures Leben in alle Facetten

Dazu gibt es außerhalb der Innenstadt ein zweites Zentrum, an dem sich Einheimische und Gäste zumindest ebenso häufig ein Stelldichein geben. Es ist der Brighton Beach der zwar nicht über einen weißen Sand von Waikiki-Qualität verfügt, dafür jedoch über Unmengen rund geschliffener Kieselsteine, soweit das Auge unterhalb der südenglischen Steilküste reicht. Hier enden alle Wege der Stadt, denn hier ist zweifellos „des Volkes wahrer Himmel“.

Im Mittelpunkt der Strand- und Amüsiermeile steht, wie bereits seit vielen Jahrzehnten der „Brighton Pier“, auf dem sich zu allen Tageszeiten das pure Leben entfaltet. Esslokale, Spielhallen und  Kirmesbuden ziehen die Besucher hinauf auf den langen Brettersteg. Dazu abenteuerliche Fahrgeräte, die ihre Passagiere hoch in die Luft wirbeln, sodass deren entsetzte Schreie weit über den Strand hallen.

Ganz im Unterschied zu einem zweiten Pier am Strandabschnitt des Stadtteils Hove, der nach einem Brand als Stahlgerippe schon seit längerer Zeit auf seine Wiedererrichtung wartet. „Paddle around the Pier“, lautet seit mehreren Jahren die Devise eines Volksfestes am entsprechenden Strandabschnitt, bei dem Hunderte von Booten an dem größten Paddelwettbewerb der Welt teilnehmen. Unzählige Stände und Unterhaltungsprogramme sorgen hier für Zerstreuung. Ein besonderer Blickfang sind dabei die Skate Boarder und Fahrradakrobaten, die sich von einer riesigen U-Tube aus hoch in den blauen Himmel hinauf schwingen.

Wen es dagegen hinab zieht in den Untergrund, für den stehen die Türen des Sea Life Centre aus victorianischer Zeit offen. Unglaublich die visionäre Kreativität und der Stand der Technik, mit denen bereits im Jahr 1872 das Meeresleben gleichsam an Land geholt wurde. Riesenschildkröten, Haie und Octopusse tummeln sich in den realistisch ausgestalteten geräumigen Becken dieses Aquariums. Und eine von Fischen umwimmelte Galionsfigur aus alten Zeiten macht die Meeresgrund-Illusion perfekt.

Sportlicher Auslauf im Wasser und an Land

Und doch lässt sich die Küstenlinie von Brighton nicht vollständig beschreiben ohne die etwa zwei Kilometer vom „Pier“ entfernte Marina. Eine kleine historische Elektrobahn ersetzt den Fußmarsch entlang der Wasserkante, und dann ist es nur noch ein kurzes Stück bis zu dem wellengeschützten Hafenbecken. Hier warten lange Reihen von Segelbooten auf ihren Aufbruch in die häufig stürmischen Kanalgewässer, wenn nicht sogar in die Nordsee oder den Nordatlantik. Eine sportliche Herausforderung im Kampf mit den Naturgewalten, wie die letzte Regatta in der Nähe der Isle of Wight mit zahlreichen Karambolagen gezeigt hat.

Doch auch die grün gewellte Kalklandschaft von East Sussex bietet genügend sportlichen Auslauf. Auf sommerlich bunten Feldwegen geht es mit Fahrrädern vorbei an einem der schönsten Täler Südenglands und dann wieder hinauf zu einem jener Aussichtspunkte, an denen sich Land und Meer in einem einzigen Blick vereinigen. Sommerromantik, die umgehend an Shakespeares Sonett vom „Sommtertag“ erinnert.

Wen wundert’s, dass die Londoner längst ihren kleinen Ableger vor der eigenen Haustür für sich entdeckt haben und das Monumentale gegen das Überschaubare eintauschen. Die Festland-Europäer werden es ihnen sicherlich schnell darin gleichtun.

www.visitbrighton.com

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