Kultur – Siegen für Deutschland verboten – Wolfgang Hübner
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Kinofilm „Berlin '36“ Siegen für Deutschland verboten

Wolfgang Hübner

07.09.2009

Frankfurt/Main – In New York lebt eine 95-jährige Frau, die eine Lebensgeschichte erzählen kann, wie sie nur die unseligste Periode des vergangenen 20. Jahrhunderts einer deutschen Jüdin aufzwingen konnte. Gretel Bergmann heißt die alte Frau, die 1936 wahrscheinlich Olympiasiegerin im Hochsprung geworden wäre, wenn die nationalsozialistischen Machthaber nicht ein so teuflisches Spiel mit ihr getrieben hätten. Wie das geschah, zeigt der Film „Berlin '36“, der am 10. September in die Kinos kommt.

Es ist ein weithin unbekanntes, aber dramatisches, noch immer beschämendes Kapitel der deutschen Sportgeschichte, das der Regisseur Kaspar Heidelbach nach einem Drehbuch von Lothar Kurzawa mit Karoline Herfurth in der Hauptrolle der Gretel Bergmann für die Leinwand in Szene gesetzt hat. Zwar sieht man dem 100-minütigen Film leider zu oft an, dass er mit keinem großen Etat und eher fürs Fernsehen produziert wurde. Doch die Geschichte einer Leichtathletin, die nicht an den Olympischen Spielen in Berlin 1936 teilnehmen durfte, ist spannend und bewegend genug, um das vernachlässigen zu können.

Die aus Laupheim bei Ulm stammende Bergmann war eine vielseitige Sportlerin, die besonders im Hochsprung Höchstleistungen erreichte. 1933 wurde sie wegen ihrer Herkunft aus ihrem Ulmer Verein ausgeschlossen und emigrierte nach London. Dort konnte sie 1934 den britischen Meistertitel in ihrer Spezialdisziplin erringen.

Vor den Olympischen Spielen in Berlin bestand für die NS-Machthaber die Gefahr, dass die USA ihre Teilnahme wegen der Diskriminierung von deutschen jüdischen Sportlern absagen könnten. Auf Drängen ihrer in Deutschland lebenden Eltern kehrte Bergmann in die alte Heimat zurück und durfte sich mit anderen Glaubensgenossen auf die Spiele vorbereiten.

Hauptdarstellerin meistert auch sportliche Herausforderung

Sie gewann die Württembergische Meisterschaft, stellte mit 1,60 Meter den damaligen deutschen Rekord ein und lag 1936 an der Spitze der Weltrangliste der Hochspringerinnen. Doch als die amerikanische Olympia-Mannschaft schon auf dem Schiff unterwegs nach Europa war, erhielt Bergmann die Nachricht, unter durchsichtigen Vorwänden aus dem deutschen Berlin-Aufgebot gestrichen worden zu sein. Statt ihrer konnte eine sehr maskulin wirkende „Frau“ teilnehmen, die dann aber nur den medaillenlosen vierten Platz belegte. Zwei Jahre später entpuppte sich diese „Frau“ als Mann. Gretel Bergmann wanderte 1937 in die USA aus, wurde auch dort Meisterin und ist seit 1942 amerikanische Staatsbürgerin.

Regisseur Heidelbach, der die Geschichte in Abstimmung mit Bergmann inszeniert hat, zeigt nicht nur die Verfemung der Sportlerin, sondern auch ihre Freundschaft mit der Rivalin Marie Ketteler, die doch schon längst darum weiß, keine Frau zu sein, das aber angstvoll zu verbergen sucht. Sebastian Urzendowsky mit seiner androgynen Ausstrahlung ist die Idealbesetzung für diesen unglücklichen Menschen, der erst vor wenigen Jahren in völliger Anonymität gestorben ist.

Große Anerkennung verdient selbstredend auch die Leistung von Karoline Herfurth, die inzwischen als die herausragendste Erscheinung unter den jungen deutschen Filmschauspielerinnen gelten kann. Die zierliche Berlinerin, die zugibt, sich nie hätte vorstellen können, einmal eine Hochspringerin zu spielen, ist in der Rolle auch in sportlicher Hinsicht sehr glaubwürdig. Natürlich kann Herfurth nicht annähernd so hoch springen wie seinerzeit Bergmann. Aber wie sie die Latte überquert, das sieht schon sehr gut aus. Die 25-jährige hat zusammen mit dem ein Jahr jüngeren Urzendowsky trainiert und dabei „die Erfahrung geteilt, wie sich der Kampf um die Zentimeter anfühlt“.

TV-Star Axel Prahl verkörpert Bergmanns in Ungnade fallenden Trainer, der brillante Thomas Thieme stellt den poltrig-verschlagenen Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten dar. „Berlin '36“ ist kein großer, aber ein sehenswerter deutscher Film. (AP)

 

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