Umwelt – Slow Food: „Dann stellt sich auch der Genuss wieder ein“ – DAPD
The Epoch Times - Deutschland

Aktuelle Nachrichten – Umwelt

Sich Zeit nehmen: Slow-Food Slow Food: „Dann stellt sich auch der Genuss wieder ein“

DAPD

31.07.2009

"Gut, sauber und fair" sollen Lebensmittel sein - das fordert die Intiative Slow Food. (AP Photo/Franka Bruns)
"Gut, sauber und fair" sollen Lebensmittel sein - das fordert die Intiative Slow Food. (AP Photo/Franka Bruns)

Frankfurt/Main – „Gut, sauber und fair“ sollen Lebensmittel sein – das fordert die Initiative Slow Food. „Wenn man in diesem Dreiklang lebt, stellt sich auch der Genuss wieder ein“, sagt der Vorsitzende der deutschen Sektion, Otto Geisel. Im AP-Gespräch erklärte der mehrfach ausgezeichnete Hotelier, weshalb man sich für den Einkauf Zeit nehmen sollte, warum die italienische Armen-Küche vorbildlich ist und wie man Kindern Wintergemüse schmackhaft machen kann. Im Folgenden das Interview im Wortlaut:

AP: Herr Geisel, können Sie die Slow-Food-Philosophie auf den Punkt bringen?

Geisel: Uns geht es um den Dreiklang „gut, sauber und fair“. Gut muss der Geschmack sein, sauber die Produktionsmethode und fair die Bezahlung der Produzenten. Zu einer sauberen Produktionsmethode gehören artgerechte Tierhaltung, möglichst kurze Transportwege, der Erhalt alter Kulturpflanzen und die Verringerung des CO2-Ausstoßes. Dazu soll der Landwirt oder Lebensmittel-Handwerker – also der, der selbst Brot bäckt oder Wurst herstellt – angemessen bezahlt werden. Wenn man in diesem Dreiklang lebt, stellt sich auch der Genuss wieder ein.

AP: Und warum soll das alles „slow“ – also langsam – passieren?

Geisel: Die Zeit ist ein wichtiger Faktor. Man muss sich einfach Zeit nehmen, fürs Essen und fürs Vorbereiten. Wenn man täglich dreieinhalb Stunden vor dem Fernseher sitzt, hat man natürlich wenig Zeit für gesundes Essen. Doch wenn man eine halbe Stunde davon in den Lebensmitteleinkauf investiert und zum Beispiel in einen Hofladen geht, kann man den Genuss gleich deutlich erhöhen.

AP: Nennen Sie doch mal ein Beispiel für ein typisches Slow-Food-Gericht.

Geisel: Nehmen Sie die Pizza – die muss nicht immer aus der Truhe kommen. Bestellen Sie doch mal bei einem Bäcker einen frischen Hefe-Teig, rollen Sie ihn aus, belegen Sie ihn mit frischem Gartengemüse und frischem Schinken, der nicht bloß aus verklebten Teilen besteht, und sie tun was für Ihren Genuss und für die Umwelt.

AP: Woher kommt der Slow-Food-Gedanke?

Geisel: Es ist ein alter und gleichzeitig moderner Gedanke. Slow Food sieht sich in der Tradition der Regional-Küche Italiens, der so genannten Cucina Povera (“Küche der Armen“, Anm. der Red.), wo man mit einfachen Produkten im regionalen und saisonalen Kontext wunderbares Essen herstellen kann. Essen, das uns hier sehnsüchtig werden lässt.

AP: Das naturverbundene Kochen ist in Italien also verbreiteter als bei uns?

Geisel: Im Mittelmeerraum ist es lebendiger, richtig. Vielleicht liegt es an den beiden Kriegen in Deutschland und der Not-Zeit dazwischen, dass wir glaubten, wie müssten alle Nahrungsmittelprozesse industrialisieren und immer weiter optimieren – und das Ergebnis sehen wir heute. Doch wir sind dabei, das einfache Kochen wiederzuentdecken: Im Schwäbischen zum Beispiel erinnert man sich wieder an die sogenannten Ofenschlupfer, die aus Brotresten gemacht werden, an Arme Ritter oder Schupfnudeln. Diese Gerichte erleben gerade eine Renaissance.

AP: Um das zu fördern, gehen Sie auch in die Schulen. Und Sie haben die Initiative „Essbare Schulgärten“ gestartet – was steckt dahinter?

Geisel: Das Anlegen oder Reaktivieren von Schulgärten kann eine ganz wichtige pädagogische Maßnahme sein. Hier können Kinder mit anpacken und den Tomaten beim Reifen zugucken. Und wenn das frische Gemüse aus dem Schulgarten dann auch noch auf den Tisch kommt – umso besser. Es gibt zwar Schuldirektoren die sagen: „Mit heimischem Wintergemüse müssen wir den Kindern gar nicht kommen, das essen die nicht.“ Doch ich behaupte das Gegenteil: Wenn Kinder spüren, dass etwas mit Sorgfalt und Zuneigung gemacht ist, essen sie es auch. Kommt das Schulessen dagegen aus der benachbarten Krankenhaus-Küche, ist die Akzeptanz deutlich geringer.

AP: Auf der anderen Seite ist Fast Food ungeheuer beliebt – wie erklären Sie sich das?

Geisel: Fast Food ist unkompliziert, geht schnell und entspricht dem Zeitgeist. Der Erfolg hängt aber sicher auch an den vielen Werbemillionen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Ketten die gleiche Marktakzeptanz hätten, wenn sie nicht so massiv werben würden. Aber wir wollen Fast Food ja nicht verteufeln. Wir wollen ein Netzwerk von Leuten sein, die auf traditionelle Weise Lebensmittel produzieren und solche Lebensmittel mögen. Wir wollen eine Alternative aufzeigen und sagen: „Koch doch mal selber was – vielleicht macht es ja sogar Spaß.“

AP: Fürchten Sie nicht, die Menschen zu überfordern?

Geisel: Wir sind kein elitäres Gourmet-Grüppchen mit erhobenem Zeigefinger. Und wir haben ein stetes Mitgliederwachstum, auch in der Wirtschaftskrise. Gute Küche bedeutet ja auch nicht, dass kompliziertes Handwerk dahinter stecken muss – gute Produkte müssen dahinter stecken! Wenn Sie ein gutes Freiland-Huhn haben und es in einem Römertopf oder einem offenen Bräter in den Ofen tun, dann wird es von selbst gut. Schnibbeln Sie dann noch ein bisschen Gemüse rein und tun Sie einen Rosmarin-Zweig und etwas Knoblauch dazu, und Sie haben ein richtiges Festessen. Wenn man erlebt, wie einfach Kochen ist, geht man schon viel lockerer an die Sache.

AP: Würden Sie sagen, dass gutes Essen glücklich macht?

Geisel: Mit Sicherheit.

Die Fragen stellte Matthias Armbors.

(AP)

 

Schlagworte

Webnews einstellen
 
Anzeige
Weitere Artikel
Anzeige