Foto: dapd/Matthias Rietschel
Dresden – Die kostbaren Vorhänge hängen in Fetzen von den Wänden, im pompösen Opernhaus macht sich ein seltsames Völkchen breit: Soldaten mitsamt ihrem Anführer, einem charismatischen General, haben die Semperoper besetzt und dort ihr Hauptquartier aufgeschlagen. Die schönen Künste sollen sie heilen von ihrem grausamen Alltag. Eine verstörende Szenerie tut sich auf an diesem Eröffnungsabend der neuen Spielzeit des Dresdner Opernhauses. Die aufwühlende Antikriegsoper "Wir erreichen den Fluss - We come to the river" des deutschen Komponisten Hans Werner Henze setzt am Donnerstagabend ein Ausrufezeichen für die Richtung, in die Intendantin Ulrike Hessler das oft zu traditionelle Haus lenken wollte. Den großartigen Erfolg der Premiere hat sie nun selbst nicht mehr miterleben können, denn sie starb Ende Juli an einer Krebserkrankung.
Großer Jubel für die junge Regisseurin
Das wohl politischste Werk des inzwischen 86-jährigen Komponisten Henze ist selten auf einer Opernbühne zu erleben, zuletzt 2001 in Hamburg. Zu spröde, zu störrisch, zu politisch und vor allem zu aufwendig sei das Stück, heißt es. Und es stammt aus dem Jahr 1976, als Henze noch selbst bekennender Marxist und die junge Generation der Bundesrepublik politisch elektrisiert war. Doch die junge Regisseurin Elisabeth Stöppler ließ sich nicht schrecken von all den Vorbehalten und entwickelte für die Oper ihr ganz eigenes Konzept. "Der General mit seinen Truppen sucht sich die Semperoper als Hauptquartier, denn die inmitten des Krieges möchten sie sich in einer angenehmen Umgebung aufhalten", erläuterte sie vorab.
Mehr als 50 Solisten in den unterschiedlichsten Rollen - vom Soldaten bis zum Wahnsinnigen - bewegt die 35-jährige Stöppler mitreißend auf den drei Bühnen des Opernhauses. Mit kaum erwartet einhelligem Jubel wird sie am Ende für ihre beherzte Interpretation gefeiert. Bühnen- und Zuschauerraum scheinen förmlich aufgehoben, mehr als 200 Sitzplätze mussten weichen, um Bühnen und Orchester unterzubringen. Überwältigen Applaus gibt es auch für den musikalischen Leiter des Abends, Erik Nielsen. Er dirigiert von der Mitte des Zuschauerraumes aus drei Orchester, die mit den unterschiedlichsten, zum Teil exotischen Instrumenten, mal beherzt aufspielen, um dann wieder ganz leise Töne anzuschlagen und die zunehmend verstörende Handlung wie mit einem Requiem zu begleiten.
Sänger in Höchstform
Dazu bietet die Inszenierung ein überzeugendes Sängerensemble auf - allen voran Simon Neal als General, der durch seine beginnende Erblindung erkennt, welche Greueltaten er in seinem Leben verübt hat und dem Wahnsinn verfällt. Anke Vondung als Kaiser und John Packard als Gouverneur stechen an diesem Abend ebenfalls noch aus dem großen Kreis der überzeugenden Sängerriege hervor.
Der größte Applaus des Abends aber gebührt Henze selbst: Elegant gekleidet, mit kahlem Kopf und auf einen Stock gestützt verfolgt der 86-Jährige sein Meisterwerk. Schon vor Beginn der Aufführung wird er vom Publikum stürmisch gefeiert. Henze gilt als der meist gespielte zeitgenössische Komponist. "Wir erreichen den Fluss" bildete den Auftakt zu einer Henze-Hommage, die sich mit weiteren Opern, Konzerten und einem Ballett über die gesamte Spielzeit erstrecken wird.
dapd
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