Nachrichten Deutschland – Soldaten mit Einsatzerfahrung werden Bundeswehr künftig prägen – André Uzulis
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Militärexperte: "Unfassbare Illusion" Soldaten mit Einsatzerfahrung werden Bundeswehr künftig prägen

André Uzulis

22.05.2012

Soldaten der afghanische National Armee sollen zügig für die Sicherheit im Land sorgen.   Foto: AP Photo/Anja Niedringhaus
Soldaten der afghanische National Armee sollen zügig für die Sicherheit im Land sorgen.

Foto: AP Photo/Anja Niedringhaus

Frankfurt/Main – Zehn Jahre Krieg in Afghanistan haben nach Ansicht des Militärexperten Marco Seliger die Bundeswehr so stark verändert wie nichts in ihrer Geschichte zuvor. Kampfverbände hätten erstmals seit 1955 echte Gefechte geführt, Professionalisierung und Spezialisierung hätten deutlich zugenommen, die Technik sei den Gegebenheiten solcher Einsätze angepasst worden, etwa durch gepanzerte Fahrzeuge und Drohnen. Nicht zuletzt habe der Afghanistan-Einsatz eine Generation von Soldaten zwischen 20 und 40 Jahren geprägt.

"Diese Soldaten wachsen nun allmählich in Führungsfunktionen hinein und werden das Denken in der Bundeswehr künftig verändern", sagte Seliger in einem Gespräch mit dapd. Der Chefredakteur der Fachzeitschrift "Loyal" und Kenner Afghanistans geht nicht davon aus, dass es nach dem Abzug der westlichen Truppen aus Afghanistan 2014 zu einem dauerhaften Frieden am Hindukusch kommt. Seliger sagte, die Einflussgebiete in dem Land für die Zeit nach 2014 würden schon jetzt abgesteckt. Im Prinzip handele es sich bei der Situation in Afghanistan um einen versteckten Bürgerkrieg zwischen Paschtunen, Tadschiken und Usbeken, der nach Abzug der NATO-Schutztruppe offen ausbrechen könne.

Die jüngsten Anschläge in der Hauptstadt Kabul seien eine Machtdemonstration gewesen – militärisch sinnlos, aber ein "starkes Zeichen" dafür, dass sich die unterschiedlichen Gruppierungen – auch die Taliban – in Stellung bringen. Seliger bezweifelt, dass der Westen seine Ziele am Hindukusch erreicht hat: "Wir haben diejenigen finanziell stark gemacht, die wir als Warlords bezeichnen. Wir wissen nicht, was mit einem Großteil der Hilfsgelder passiert ist, die wir im Laufe der Jahre ausgegeben haben." Nach dem Abzug der westlichen Streitkräften werde die Macht im Land neu verteilt – zu befürchten sei, dass dies blutig geschehe.

Gefahren für den Abzug der Bundeswehr sieht Seliger indes nicht. "Die Warlords sind froh, wenn wir und die anderen NATO-Soldaten abziehen, weil wir sie bei ihren Geschäften stören. Sie werden uns unbehelligt gehen lassen." Im Gegensatz zum Abzug der russischen Truppen 1989 wird ein Großteil des deutschen Geräts nicht auf dem Land, sondern auf dem Luftweg zurückverlegt. Immerhin verbleiben nach Seligers Einschätzung etwa 1.500 bis 2.000 deutsche Soldaten auch über 2014 hinaus im Land. Heute sind es knapp 4.900. Damit wird Deutschland über eine sehr viel größere Truppenstärke in Afghanistan verfügen als in der Öffentlichkeit bisher bekannt.

1.500 bis 2.000 Mann bleiben über 2014 hinaus in Afghanistan

"Wir werden etwa zehn bis 15 Ausbilderteams mit jeweils 30 bis 60 Mann vorhalten, die die afghanischen Sicherheitskräfte schulen sollen. Diese Teams brauchen Unterstützung durch Sanitäter, Aufklärer, Hubschrauberbesatzungen und Drohnenbedienern sowie Logistiker. Macht zusammen 1.500 bis 2.000 Mann", so der Militärexperte. Die Hoffnung des Westens, damit Afghanistan dauerhaft zu stabilisieren, nennt Seliger zweifelhaft. "Als die Sowjets abzogen, beließen sie zwei Jahre lang ebenfalls Militärberater im Land. Genützt hatte es nichts."

In seinem kürzlichen erschienenen Buch "Sterben für Kabul" (Mittler-Verlag), nennt Seliger den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr einen "verdrängten Krieg". Er wirft der Politik vor, kein wirkliches Interesse gezeigt zu haben, die Gesellschaft vom Afghanistan-Einsatz zu überzeugen. "Wie denn auch? Die Politik hatte ja zu keinem Zeitpunkt eine nachvollziehbare Begründung für die Entsendung deutscher Truppen an den Hindukusch." Insgesamt rund 100.000 deutsche Soldaten hatten im Laufe der zurückliegenden zehn Jahre in Afghanistan gedient.

Seliger glaubt nicht, dass sich Deutschland in überschaubarer Zeit wieder auf ein ähnlich langwieriges und teures militärisches Vorhaben wie Afghanistan einlassen wird. Afghanistan sei im Nachhinein eine "unfassbare Illusion" gewesen. In Zukunft werde es eine solche flächendeckende und lang angelegte Operation kaum mehr geben, dazu sei sie zu schwer vermittelbar. Seliger geht davon aus, dass die NATO-Staaten künftig verstärkt begrenzte Einsätze mit Spezialkräften führen, dass die "Roboterisierung des Krieges" mittels unbemannter Drohnen voranschreiten werde oder dass man sich alternativ "eine Truppe kauft" – indem der Westen etwa eine Bürgerkriegspartei unterstützt, wie in Libyen mit den Rebellen gegen Gaddafi geschehen.

(dapd)

 

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