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13.07.2011
Foto: Bernd Kregel
Ach, wäre sie doch wahr, die alte Geschichte von dem unermesslichen Goldschatz in der feuchten Höhle hinter dem Skogafoss-Wasserfall! Zweifellos würde man damit einen großen Teil der Löcher stopfen können, die die Finanzkrise in der isländischen Staatskasse aufgerissen hat. Und noch besteht Hoffnung. Dafür bürgt einer der Metallgriffe, der einst bei einem Bergungsversuch aus der schweren Truhe herausgebrochen sein soll. Ihn kann man heute sogar im Museum bestaunen. Der Piratenschatz hingegen bleibt nach wie vor hinter dem dichten Wasservorhang verborgen.
Oder wird er gar bewusst dem menschlichen Zugriff vorenthalten? Von all den Elfen und Trollen, jenen unberechenbaren Wesen im Verborgenen, mit denen man überall auf dieser zerfurchten Insel rechnen muss? Geistwesen, die besser zu wissen scheinen, was dem Frieden in der Welt zuträglich ist und was nicht. Man denke nur an das Rheingold, das der Nibelung Alberich einst den Rheintöchtern entriss, um daraus seinen Ring zu schmieden. Ein verhängnisvoller Fehler, der eine Dynamik freisetzte, die in der „Götterdämmerung“ endete und damit der bestehenden Weltordnung ein Ende setzte. Ist es aber nicht jetzt schon wieder soweit, und stehen die Menetekel nicht längst an der Wand?
An apokalyptischen Vorzeichen mangelt es wahrlich nicht in diesem Land aus Feuer und Eis. Tiefe Abgründe tun sich hier auf bis hinein in die glühende Unterwelt. Und dann wiederum schießen kochende Wasserfontänen mit dampfendem Strahl hinauf in das Blau des Himmels. Nicht zuletzt gehören auch Vulkanausbrüche zum Drohpotenzial aus der Tiefe. Mit einem Szenario, das im letzten Jahr den gesamten Luftverkehr über Europa lahm legte.
Leben im Schatten des Vulkans
Olafur Eggertsson hat noch alles klar vor Augen und lässt sich nicht täuschen von dem heute wieder friedlich schlummernden Eyjafjallajökull hinter seinem Bauernhof. Seit zwanzig Jahren hatte er bereits mit einem solchen Ausbruch gerechnet. Und als der Berg sich schließlich mit polterndem Imponiergehabe seiner Fesseln entledigte, musste man mit dem Schlimmsten rechnen. Während er und seine Familie die Tiere auf den angrenzenden Weiden zusammen trieben, versäumte er es jedoch nicht, die Schreckensbilder mit seiner Kamera festzuhalten.
Diese bilden heute den Mittelpunkt eines Dokumentationszentrums, das an der südlichen Insel-Ringstraße interessierten Besuchern offen steht. Es entbehrt nicht der Ironie des Schicksals, dass Olafurs Großvater im Jahr 1906 ausgerechnet diesen Ort auswählte, um den Attacken des weiter nördlich gelegenen Hekla zu entgehen. Jenes Vulkans, der schon in Dantes „Göttlicher Komödie“ als Eingangstor zur Hölle beschrieben wurde. Doch dann kam alles ganz anders, und der Hausberg des Bauernhofes warf seine schwarze Decke über das normalerweise in leuchtendem Grün erstrahlende Umfeld.
Mit dem Ende des unheimlichen Spuks und dem Abschluss der Aufräumarbeiten ist sein Respekt vor dem Vulkan allerdings geblieben. Und doch stellt Olafur mit Erstaunen fest, dass „die Natur alles wieder gut hinterlassen hat“. Aus ihr allein und nicht aus der Religion oder einem besonderen Hobby gewinnt er seine Kraft, um auch weiterhin die Herausforderungen des harten Berufsalltags zu bewältigen. Denn stets gebe es für ihn und seine Familie auf dem fünfzig Hektar großen Grundstück genug zu tun. Eine Aussage, die sein zerfurchtes Gesicht und seine kräftigen Hände wortlos bestätigen.
Gletscherzunge in Bewegung
Einer ganz anderen Aufgabe hat sich Asgeir Arnorstefansson verschrieben. Er ist Gletscherführer auf dem Solheimajökull, der sich mit langer Zunge in südlicher Richtung vom Myrdalsgletscher herab windet. Auf sie führt er naturinteressierte Besucher, die er vorher mit rutschfesten Metallspitzen-Schuhsohlen und handlichen Eispickeln fachgerecht ausstattet. Am eisigen Ort des Geschehens erbringt er den Nachweis, dass sich der Gletscher gegenwärtig mit der rasanten Geschwindigkeit von 140 Metern pro Jahr in die Berge zurückzieht.
Damit erweist sich Asgeir schnell als ein Spezialist für das Thema „Erderwärmung“. Natürlich weiß er um die Phasen und Schwankungen in der Erdtemperatur, die stets einen Einfluss hatte auf die Festigkeit des Eises. Nun aber, wenn man genau hinhört, vernimmt man das Rauschen des milchigen Schmelzwassers, das sich in der Tiefe seinen Weg unter dem Eisschild hindurch bahnt. Alles scheint hier gegenwärtig in Bewegung zu sein. Selbst der kleine Anmarschpfad, der sich auf dem Rückweg stellenweise bereits in ein bröckelndes Nichts aufgelöst hat.
„Unwägbarkeiten, mit denen man hier rechnen muss“, gibt Asgeir zu bedenken und erzählt die Geschichte von den beiden deutschen Gletscherwanderern, die hier gleichsam über Nacht von der Bildfläche verschwanden. Ihr Zelt wurde irgendwann wieder vom Gletscher ausgespuckt. Von den leblosen Körpern jedoch fehlt immer noch jede Spur.
Existenzielle Tiefen isländischer Literatur
Auf eine andere Art heimatverbunden erweist sich Steinunn Sigurdardottir, die vielleicht bekannteste Repräsentantin isländischer Gegenwartsliteratur. Es ist ein Vergnügen, im fahlen Licht der Mitternachtssonne mit ihr am Strand bei Selfoss entlang zu schlendern und die Nuancen der graublauen Farbtöne am Abendhimmel zu beobachten. Hier im Süden des Landes liegen ihre Wurzeln. Und selbst als überzeugte Kosmopolitin zieht es sie immer wieder hierher.
So erinnert sie sich noch genau an jene wilden Zeiten in den Sechzigerjahren, als man – völlig verrückt – das ganze Wochenende in Reykjavik durchtanzte und sich in der nordatlantischen Abgeschiedenheit völlig unter seinesgleichen wusste. Die ganze Stadt galt damals als eine einzige Kulisse für ausgelassene Partys. Heute ist das für sie im Rahmen der Globalisierung kaum noch vorstellbar.
Was aber hat es mit dem „Sonnenscheinpferd“ auf sich, das auf dem Titel eines ihrer letzten Romane auftaucht? In Island, so erklärt sie, versteht man darunter ein Pferd, das nur bei gutem Wetter auf die Weide getrieben wird, um es nicht unnötig den Unbilden der Natur auszuliefern. Eine der Hauptpersonen in ihrem Buch ist eine Frau, die als Mädchen von ihrer Mutter stets gesagt bekam, es sei kein solches Sonnenscheinpferd. Eine Formulierung, mit der die stets durchlittene emotionale Vernachlässigung kaschiert werden sollte.
Ihr neuester Roman handelt demgegenüber von einem „Muttersöhnchen“, das in einer späteren Zweierbeziehung scheitert und dazu noch von seiner Partnerin öffentlich vorgeführt wird. „Der gute Liebhaber“ heißt dieses Werk, das im Herbst 2011 pünktlich auf der Frankfurter Buchmesse erscheinen soll, zu der Island als spezielles Gastland eingeladen ist. Auch in diesem Roman, so betont die Autorin im Gespräch, tun sich existenzielle Tiefen auf. Dabei ist es jedoch dem Leser vorbehalten, von der Handlungsebene ausgehend „so tief einzutauchen wie er will“. Man darf also gespannt sein.
Monument isländischer Auferstehung
Alle Wege jedoch führen zurück in die Hauptstadt Reykjavik. Hier wird neuerdings – ähnlich wie in Hamburg – die Hafenkulisse geprägt von einer nagelneuen Konzerthalle, auf die ganz Island schon seit Jahrzehnten gewartet hat. Bereits jetzt probeweise zur Nutzung freigegeben, soll sie im August 2011 offiziell eröffnet werden. Allein vom äußeren Erscheinungsbild her handelt es sich hierbei um ein architektonisches Meisterwerk, dessen parzellierte Glasfassade an die für Island charakteristischen Basaltsäulen erinnert.
Zur künstlerischen Direktorin des Hauses wurde die Pianistin Steinunn Ragnarsdottir berufen, die auch die Führung durch den Innenbereich des Gebäudes übernimmt. Drei unterschiedlich ausgestaltete Säle wecken bereits im Vorfeld das Interesse für das Herzstück des Hauses, den in gefälligem Rot ausgelegten Konzertsaal. Bei 1800 Sitzplätzen verfügt er über eine ausgezeichnete Akustik, wie Pianistin Steinunn mit einem Stück von Franz Schubert am Steinway-Konzertflügel umgehend beweist.
Doch ist der Saal, so gesteht sie emotional deutlich angerührt, mehr als nur Architektur. Sie hält ihn und das Gebäude insgesamt gar für das „Monument unserer eigenen Auferstehung“, das in der Krise des Landes nun genau zum richtigen Zeitpunkt fertig gestellt wurde. Ein für isländische Verhältnisse geradezu „einmaliger Ort kultureller Validität“. Und damit natürlich auch ein neues musikalisches Mekka, das selbst ausländische Künstler bereits fest in ihrem Terminkalender vorgemerkt haben. Schon bald soll ein Opernreigen mit Mozarts „Zauberflöte“ eröffnet werden.
So befindet sich Island trotz Finanzkrise und launischer Natur zweifellos im kulturellen Aufwind.
Das wird sich spätestens im Herbst 2011 bei der Buchmesse und der Eröffnung dieser Konzerthalle europaweit herumsprechen. Und heute schon tut man gut daran, sich innerlich darauf einzustellen.
www.visiticeland.com, www.visitreykjavik; www.south.is
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