Menschen & Meinungen – Statt zum Abitur in den Stasi-Knast der DDR – Thorsten Graupe & Steffen Andritzke
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Unvergessen nach Jahrzehnten Statt zum Abitur in den Stasi-Knast der DDR

Thorsten Graupe & Steffen Andritzke

16.12.2011

Thorsten Graupe, Finanzberater des Jahres 2006.  Foto: Steffen Andritzke
Thorsten Graupe, Finanzberater des Jahres 2006.

Foto: Steffen Andritzke

Für manche Menschen ist der 8.Dezember ein Tag wie jeder andere – für Thorsten Graupe ist dies aber der Tag, an dem er ein neues Leben beginnen konnte.

Er hatte sich vor allem durch seine Standhaftigkeit aus dem Joch der DDR-Diktatur befreit. Er beschrieb für uns, was mit einem Menschen passieren konnte, wenn er sich nicht der ideologischen Gleichschaltung des DDR-Regimes unterordnen wollte und sich erdreistete, eine eigene Meinung zu haben …

Nachdem ich meine Berufsausbildung erfolgreich abgeschlossen hatte, wollte ich eigentlich auf der Abendschule mein Abitur nachmachen, damit ich später noch studieren könnte. Aber zu meinen Studienplänen im Sozialbereich sagte die Kaderleitung: „Dann nützen Sie ja unserem Betrieb nach dem Studium gar nichts. Deshalb stimmen wir nicht zu, dass Sie auf der Abendschule das Abitur nachholen können.“

Ich war erschüttert! Unfassbar, dass man mir einfach so verbieten konnte, mich weiter zu entwickeln. Wenn du nicht immer wieder dazulernen darfst – wo ist denn da noch eine Perspektive für so ein junges Leben? Ich war damals 19 Jahre alt, als ich feststellen musste, dass mein Leben gänzlich fremdbestimmt war. Und obwohl ich wusste, dass Republikflucht lebensgefährlich war, war es dieser Gedanke, der von nun an mein Leben bestimmen sollte.

Zur Flucht entschied ich mich für eine Stelle in der Nähe von Eger, dem jetzigen Cheb in Tschechien, und das einzige Hilfsmittel, das ich mir organisieren konnte, war eine Wanderkarte aus diesem Bereich. In Eger hab ich mir ein Hotel gesucht und am nächsten Abend ging ich an einen Stausee, der unmittelbar an die Grenze zur BRD heranreichte. Ich bin am Ufer des Sees unter Büsche gekrabbelt und war immer noch der Meinung, ich sei unentdeckt bis dorthin gekommen.

Kurz darauf schaute ich in diverse MG-Mündungen. Da kam die kalte Angst hoch und es entstand in mir der Gedanke, dass dieser Fluchtversuch möglicherweise auch einer von denen sein könnte, die tödlich enden. Mir blieb nur noch, mit erhobenen Händen in Richtung Ufer zu gehen und in das Boot der „Grenzer“ einzusteigen.

Beim Eintreffen in der Grenzstation ging es gleich mit dem „Verhör“ los und es gab auch erst einmal so richtig was „auf die Fresse“. Natürlich hatten die „kommunistischen Friedensgrenzer“ nicht vergessen, mich vorher mit Handschellen an der Heizung festzumachen. Dann hatte ich etwa zwei Stunden Pause und als nächstes wurde mir eine vorgefertigte Erklärung vorgelegt, in der stand, dass „ich am 16.3.1983 versucht habe, die Grenze zu überschreiten“. Im Anschluss daran gab es erst einmal drei Tage Kellerhaft.

Von dort aus wurde ich nach Prag gebracht, aber ich wusste nie, was nun mit mir passiert. Nach 14 Tagen wurde ich in ein Flugzeug gesteckt und bei der Landung konnte ich den Fernsehturm von Berlin sehen, sodass ich wenigstens wusste, in welcher Stadt ich jetzt war.

Und immer wieder diese Ungewissheit und diese Angst. „Vielleicht fahren sie dich ja jetzt in einen Steinbruch und knallen dich über den Haufen.“ Wenn meine Familie wüsste, was mit mir hier gerade geschieht ... Man vegetiert diese Wochen unter permanenter Anspannung. Man weiß nie, was als nächstes mit einem passiert.

In Erfurt war ich drei Monate in Untersuchungshaft. Ständige Verhöre. „Das kann doch gar nicht sein, dass du das ganz alleine gemacht hast. Da hängen doch mindestens noch deine Eltern mit drin. Oder Arbeitskollegen, die dir geholfen haben; Kumpels und überhaupt ein ganzes Netzwerk von Staatsfeinden. Los, sag das jetzt, gib es doch endlich zu!“

Die hatten ein großes Problem damit, dass es Menschen gibt, die etwas für sich alleine entscheiden und die für sich und ihr Leben Verantwortung übernehmen. Das haben die gehasst. Der Einzelne war wertlos.

Ich kann mich heute noch sehr gut daran erinnern, dass mir damals jeder Sonnenstrahl wichtig war. Das mag pathetisch klingen. Doch diese Schweinebuchten, in denen wir „Ausgang“ hatten, waren nicht größer als 12 bis 15 Quadratmeter. Meterhohe Betonwände und oben ein Gitter darauf. Da mussten wir Runden laufen. Nicht stehenbleiben. Manchmal hat da die Sonne hinein geschienen und das Laufen durch den Sonnenstrahl war wie eine Sekunde des Aufbauens. Das gab mir wieder etwas Lebensmut und die Sonne schien zu sagen: „Halte durch, es geht vorbei.“ Aber es war selten, dass man draußen sein durfte; das wurde mir nicht jeden Tag gewährt. Schikane halt.

Noch eine Woche später „durfte“ ich zum ersten Mal Besuch bekommen. Meine Eltern kamen. Bis dahin wussten sie nicht, wo ich verblieben war und ob ich überhaupt noch am Leben war. Sie hatten von mir auf dem Kühlschrank nur einen Zettel vorgefunden „ Bin ein paar Tage in Prag“. Seitdem waren knapp sieben Wochen vergangen. Sie hatten nur in der Zwischenzeit reichlich Besuch von der Stasi bekommen und auch sie wurden verhört. Wie gerne hätten sie meinen Eltern noch Mittäterschaft angehängt. Konnten sie aber nicht. Konsequenzen gab es aber trotzdem für meine Familie: Meine Eltern durften nicht mehr arbeiten gehen und meine Schwester durfte nicht mehr die Schule besuchen; sie durfte ihr Abi nicht weitermachen. Nun waren sie arbeits- und perspektivlos.

Meine Eltern haben mir dann einen Anwalt besorgt, der auch wirklich meine Interessen vertreten hat. Der hat mich in dieser Zeit auch zweimal besucht. Schon beim ersten Mal, als er herein kam, hat er den Finger an die Lippen gelegt und mir zu verstehen gegeben, dass wir abgehört werden. Mit dem habe ich dann verbal völlige Belanglosigkeiten ausgetauscht. Das Wesentliche haben wir schriftlich in Kurzform über den Tisch hin- und hergeschoben.

Mein Strafmaß von einem Jahr hatte unter den Mithäftlingen den Effekt „Wer weiß, was du für einer bist. Du kannst ja keiner von uns, den politischen Häftlingen, sein, wenn du das Strafmaß von 12 und 24 Monaten nicht hast.“

Im Juli nach der Gerichtsverhandlung wurde ich in die Strafvollzugsanstalt nach Naumburg verlegt. Gleich nach meiner Ankunft versuchte ein Politoffizier, mir eine Spitzeltätigkeit anzutragen. Man wollte mir dafür im Gegenzug gewisse Vorzüge angedeihen lassen. Aber auch das habe ich in aller Deutlichkeit abgelehnt, damit die wussten woran sie sind.

Bei solchen „Gesprächen“ kommst du in ein Zimmer, das ist komplett kommunistenrot angestrichen und mit Wimpelchen, Fähnchen und Sprüchen „geschmückt“, dass der rote Terror letztendlich doch siegen wird. Da fragt dich der Politoffizier dann jedes Mal: „Na, wie sieht‘s aus, konnten wir Sie hier vom Gegenteil überzeugen? Nehmen Sie jetzt Abstand von Ihrem Vorhaben, die Staatsbürgerschaft der DDR abzulegen?“ Wankelmütigkeit hilft dir da wenig!

Als Politischer konnte man sich auch ganz schnell Einzelhaft und Dunkelhaft einhandeln, indem man auf die Provokationen der Wärter reagierte. Als ich zu meinem 20. Geburtstag einen Brief von meinen Eltern bekam (außer meinen Eltern und meiner Schwester durfte mir keiner Briefe schicken), hat mir der Genosse den Brief gezeigt und mit einem zynischen Grinsen gesagt „Den kann ich Ihnen leider nicht aushändigen, denn da steht etwas drin, was man Ihnen nicht sagen darf. Wir halten das für falsch, wenn Sie den bekommen würden.“ Dann hat er den Brief vor meinen Augen zerrissen. „So, und jetzt können Sie wegtreten.“

In der Naumburger Haftanstalt musste ich Metallteile bearbeiten. Ohne Arbeitshandschuhe nicht entgratete scharfkantige Stahlteile ausstanzen. Alle hatten zerschundene Hände und unter der Dusche haben die Aufseher uns IMI (das ist ein Scheuersand) auf die wunden, aufgerissenen Hände gestreut. Körperliche Schmerzen, seelische Schmerzen – das ganze Programm!.

Andere Häftlinge mussten ohne Mundschutz, ohne Atemschutz, ohne Absauggerät Metallschienen polieren. Die dort arbeiteten, sahen nach jeder Schicht rabenschwarz aus – deren Lunge wohl auch. Ich habe miterlebt, dass politische Häftlinge, die sich bei der Arbeit im Strafvollzug dauerhaft verletzt hatten, überhaupt keine Chance mehr hatten, die DDR zu verlassen, denn das wäre ja der Beweis für die schlechten Strafvollzugsbedingungen gewesen.

Es deutete sich eine Veränderung an als wir – es waren noch drei andere Häftlinge dabei – eines Tages nach dem Morgenappell auf dem Hof stehen bleiben mussten. Kurz und knapp und ohne Angaben von Gründen ist uns dann gesagt worden, dass wir unsere persönlichen Sachen aus der Zelle zu holen haben. Auch das ist wieder solch ein mieses Ausnutzen der Macht und es ist Absicht, die Menschen permanent in solch einem verunsicherten Zustand zu halten. Eine halbe Stunde später wurden wir in einen Lkw verladen und ab ging die Reise. Wohin, wusste keiner und als wir im neuen Knast die Eingangsbestätigung unterschreiben mussten, haben wir gesehen, dass wir uns nun im Strafvollzug von Karl Marx Stadt (heute wieder Chemnitz) befanden.

Was aber alle von uns wussten, war, dass das der Strafvollzug war, von dem aus alle in der DDR einsitzenden politischen Häftlinge abgeschoben wurden. Trotzdem ging die Mühle da wieder von vorne los. Wieder Verhöre, Überprüfungen, ob man immer noch daran festhält ... es ist schier unglaublich, wie arrogant und von sich überzeugt dieses menschenverachtende System war.

Und irgendwann am Donnerstag, am 8. Dezember 1983, war es dann so weit und du kannst es kaum glauben, wenn die Tür aufgeschlossen wird; wenn sie deine Häftlingsnummer rufen und dann darfst du den langen Flur entlang gehen, die Treppen hinunter. Mit zittriger Hand unterschreibst du deine Ausbürgerung und bekommst die paar persönlichen Sachen wieder, die du anhattest als sie dich gefangen haben. Du siehst diesen Bus da stehen und dir wird klar, dass es jetzt nicht mehr lange dauern wird – wenn du nur nicht die Nerven verlierst.

An der Bustür stand Rechtsanwalt Vogel mit einer langen Liste und hat alle Namen abgehakt. Dann alle rein in den Bus und auf der hinteren Bank saß schon das Stasi-Begleitpersonal. Herr Vogel hat noch einmal kurz eine ermahnende Ansprache gehalten, dass wir uns unbedingt ganz ruhig verhalten sollten und er hat gesagt, dass dieser Bus jetzt in die BRD fährt ...

Kurz vor der Grenze hat der Bus angehalten und unsere Begleitpersonen sind ausgestiegen und das war ein Moment, da hab ich gedacht, der Bus kippt um ... da saßen ja schon seit Stunden Ehepaare getrennt in dem Bus, die nicht miteinander reden durften, und als die Stasi endlich raus war, ist natürlich jeder Damm gebrochen, das war unglaublich. Angekommen, endlich angekommen, unbeschreiblich, da sind die von den Kommunisten gequälten Leute vor Freude auf die Knie gefallen und haben den Boden geküsst. Sie haben gejubelt, geschrien, gedrückt, geküsst, Wahnsinn, mächtige große Gefühle, von denen man sich nicht vorstellen kann, dass die in einem drin sind.

Heute ist Thorsten Graupe ein erfolgreicher, selbstständiger Finanzberater; er wurde unter anderem zum Finanzberater des Jahres 2006 gewählt.

 

 

 

 

 

 

 

 

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