Aktuelle Nachrichten – Unternehmen
28.07.2008
Frankfurt/Hamburg – Verpufft der ver.di-Streik, oder ist dies nur die Ruhe vor dem Sturm? Diese Frage stellten sich Tausende Lufthansa-Passagiere am Montag auf dem Frankfurter Flughafen. Bis zum frühen Nachmittag lief der Betrieb weitgehend reibungslos. Sätze wie: „Das kann doch noch nicht alles gewesen sein“, waren zu hören. Konzernsprecher Klaus Walther musste den wartenden Reportern lediglich von „ein paar Einschränkungen beim Catering“ berichten. Gleichwohl war für das Management Großkampftag: „Hinter den Kulissen spüren wir den Streik sehr wohl“, hieß es.
Im Terminal 1, der Heimat der Lufthansa: Gegen 13.00 Uhr sind so gut wie alle Schalter besetzt. Von Verspätungen sind nicht mehr Passagiere betroffen als jedem x-beliebigen Vormittag in der Hauptreisezeit. „Ich bin total erleichtert“, sagt Claudia Waskönig, die den zwölfjährigen Theo und Emil (7) in den Flieger nach Mailand setzen will. „In Italien werden sie von Verwandten abgeholt. Deshalb wäre es richtig blöd, wenn die Jungs erst Stunden später ankämen.“
Auch Katja Elsner bereitete der Gedanke an Flughafen-Chaos Kopfzerbrechen. „Ich hab mir vorher echt total Sorgen gemacht“, sagt die 19-Jährige, die ein Praktikum in Indien absolvieren will und fürchtete, in Bombay den Anschlussflug in die Provinz zu verpassen. „Ich dachte: Ausgerechnet, wenn ich mal so weit fliegen will, wird gestreikt.“ Ein Anruf bei der Lufthansa-Hotline beruhigte sie dann aber: „Dort sagte man mir, dass alle Langstreckenflüge planmäßig stattfinden. Das war eine große Hilfe.“
Im Terminal selbst stehen Mitarbeiter der Airline Rede und Antwort und zeigen orientierungslosen Ankömmlingen den Werk zum richtigen Schalter. Gestresst wirken sie nicht, einige tragen T-Shirts mit der Aufschrift: „I'm not on strike – ich streike nicht.“
Günther Zimmermann und seinen Sohn Oliver beruhigt der Blick auf die riesige Anzeigetafel: „Bisher sieht es so aus, als ob unsere Maschine nach Mexiko pünktlich starten kann“, sagt der 14-Jährige, der sich auf einen Besuch bei seinem Onkel freut. Fast schon verdächtig ruhig kommt seinem Vater die Lage im Terminal und an den Lufthansa-Schaltern vor: „Hier ist ja alles wie immer. Nach den Berichten der letzten Tage hatte ich eigentlich erwartet, dass hier einiges drunter und drüber geht.“ Aber vielleicht, so vermutet der erfahrene Passagier, sei dies ja nur die Ruhe vor dem Sturm.
Die Wut der Beschäftigten ist dagegen auf der Hamburger Lufthansa-Werft zu spüren. Wer dort arbeiten wollte, musste an erbosten Streikenden vorbei. „Immer geradeaus. Da gibt's Arbeit satt für die Streikbrecher“, ruft ein Streikposten einem Autofahrer zu, der sich vor dem einzigen offenen Werkstor eingereiht hat. Mehrere Dutzend ver.di-Mitglieder mit Streikwesten, Fahnen und Trillerpfeifen lassen die Autos nur im Schritttempo passieren. Insgesamt 1.500 Mitarbeiter bestreikten seit den frühen Morgenstunden das Gelände, wie ver.di mitteilt.
„Wir werden heute und die kommenden Tage so weiter machen“, sagt der zuständige Fachbereichsleiter von ver.di Hamburg, Dietmar Stretz, und kündigt an: „Wir rechnen damit, dass der Flugverkehr Mitte der Woche stärker und Ende der Woche massiv betroffen sein wird.“ Hamburg ist zwar ein verhältnismäßig kleiner Flughafen, aber der Standort für die beiden wichtigen Bereiche Lufthansa Technik und Logistik.
Ulrich Meyer, Betriebsrat von Lufthansa Technik, sieht deshalb folgenschwerere Auswirkungen auf den Konzern zukommen: „Irgendwann werden die Teile knapp werden.“ Von der Logistikzentrale in Hamburg aus würden Flugzeugteile in alle Welt geliefert. „Wenn die Teile nicht bereitgestellt werden, wird es nach drei bis vier Tagen eng.“
Für ihn sind die Forderungen der Mitarbeiter mehr als berechtigt. „Wenn ums Sparen geht, sind wir immer zum Mithelfen bereit. Wir wollen auch irgendwann mal was vom Gewinn abhaben.“ Auf seinem roten T-Shirt steht daher auch ein kämpferischer Spruch: „Gute Leute, gute Arbeit, gutes Geld.“
Gerade die Kollegen von Lufthansa Technik fühlen sich ungerecht behandelt. „Offensichtlich wird unsere Arbeit nicht so wertgeschätzt wie die von anderen“, sagte Torsten Schmidt, der bei der VIP-Umrüstung von Maschinen arbeitet. Schließlich habe sich die Lufthansa bei den Piloten auch bewegt. Für Schmidt hat der Streik eine Bedeutung über die aktuelle Gehaltsforderungen hinaus: „Ich sehe das als Machtprobe. Es geht nicht nur um ein paar Prozentpunkte.“
Wut auf die Geschäftsleitung ist es, die Frauke Ritter von Sporschill zum Streik treibt: „Die hat ihr Gehalt um 48 Prozent ihrer Variablen Vergütung aufgestockt.“ Die 39-Jährige arbeitet als Ticketverkäuferin im Terminal und gehört zu den wenigen Mitgliedern des Bodenpersonals, die sich an dem Streik beteiligen. „Ich finde es traurig, dass viele Kollegen zur Arbeit gegangen sind. Wir müssten einmal Geschlossenheit demonstrieren, um eine gute Verhandlungsbasis zu haben.“ (AP)
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