Aktuelle Nachrichten – Welt
11.01.2010
Foto: Diptendu Dutta/AFP/Getty Images
Ein Knatsch zwischen den beiden führenden Ländern, die die Globalisierung gepusht haben, könnte einen schwerwiegenden Einfluss auf die schnell zusammenwachsende Welt haben. Doch scheinen trotz der im Hintergrund verstärkten Rhetorik und Retourkutschen-Devisen die Chancen für ruhige Köpfe gut zu stehen, sowohl in Peking als auch in Neu Delhi.
Zum ersten Mal nach über einem Jahrzehnt - seit Indien von China eine Bedrohung ausgehen sah und 1998 mit Nukleartests reagierte - tragen die beiden bevölkerungsreichsten Länder ihren Streit öffentlich aus.
In den vergangen Monaten hat China die lange währenden Grenzstreitigkeiten über den nordöstlichen indischen Staat Arunachal Pradesh angeheizt; dabei hat es fast unmerklich Indien mit seinem Anspruch auf die Region Kaschmir herausgefordert; und seine Kritik an Indien in den offiziellen Medien intensiviert.
Indien für seinen Teil hat seine Streitkräfte an der Grenze zu China verstärkt; seine eigenen territorialen Ansprüche demonstrativ unterstrichen; seine Unterstützung für das im Exil lebende spirituelle Oberhaupt Tibets, den Dalai Lama, bekräftigt; und Tausende ungelernter chinesischer Arbeiter ausgewiesen. Die Botschaft: Indien möchte nicht herumgeschubst werden von seinem größeren Nachbarn.
Die beiden Länder - die sich ein Drittel der Weltbevölkerung teilen - haben keinen Krieg mehr gegeneinander geführt, seit China 1962 kurzerhand in Ostindien einmarschierte. Gleichzeitig ist dieser öffentliche Schlagabtausch Beweis eines verstärkten, und von Hause aus unberechenbaren, Wettstreits zwischen Nuklear-Mächten, die sich selber für althergebrachte Zivilisationen halten und die sich nach ihrer Meinung erneut auf dem Weg zu einer globalen Vormachtstellung befinden.
Wie die beiden Nationen ihre Beziehungen gestalten, hat bedeutsame Auswirkungen auf die Region und die Welt. Bis jetzt hatte kein Land die Wahl zwischen einem nahezu imposanten China und einem schnell emporschießenden Indien. Währenddessen heißen, besonders in Südostasien, viele Länder Indiens Rolle als natürlicher Gegenpart zur chinesischen Hegemonie willkommen. Ein eskalierender Konflikt jedoch könnte Länder dazu zwingen, die Zurückhaltung aufzugeben und entweder Chinas Ambition als Asiens unhinterfragtes Schwergewicht hinzunehmen oder sich offen dagegen zu stellen.
Indien als Gegengewicht zu China
Der Raum für Fehleinschätzungen scheint größer auf Seiten Pekings, denn auf denen von Neu Delhi. Erstere aalen sich immer noch im Nachglanz der erfolgreichen Olympischen Spiele 2008, haben eine rapide Modernisierung des Militärs zu verzeichnen und eine Wirtschaft, die die indische um das Dreifache übertrifft - und schneller wächst. Für die Chinesen dürfte es verlockend sein, das Gerede über Gleichberechtigung zwischen den beiden Nationen ein für allemal aus der Welt zu schaffen.
Wie 1962, als ein entscheidender chinesischer Sieg in einem kurzen Krieg Indiens Ambition, als ebenbürtig angesehen zu werden, eine tiefe Kerbe schlug. Ebenso würde die lang gehegte chinesische Strategie, Indien in eine regionale Umzäunung zu verbannen, eine Krönung erfahren, indem man starke Bindungen pflegt mit dessen Grenznationen - Burma (Myanmar), Bangladesch und ganz besonders Pakistan.
Mit einem von starkem Bevölkerungsrückgang betroffenen Japan dürfte ein demütiges Indien in der Debatte darüber, welches Regierungsmodel nun besser auf die Bedürfnisse der Region abgestimmt wäre - Chinas Einparteiensystem oder Indiens lockere Demokratie - ebenso zum Scheitern verurteilt sein.
Heimische Zwänge dürften das Verhalten Chinas ebenso erklären. Einseitige Entwicklung und ein Mangel bei den Menschenrechten haben die gespannten ethnischen Verhältnisse zu den Buddhisten in Tibet und den muslimischen Uiguren in Xinjiang zum Stocken gebracht. Freilich, Chinas lautstarker Disput über den indischen Anspruch auf Arunachal Pradesh - von Peking als südliches Tibet ausgewiesen - ist teilweise von der Angst getragen, die Tibeter könnten einen Nachfolger für den Dalai Lama nominieren aus einem Gebiet, das außerhalb von Chinas Kontrolle liegt.
Die Grenzstreitigkeiten gehen zurück auf das Jahr 1914, als die Briten zwischen den beiden Ländern die so genannte McMahon-Linie zogen. Von Indien wurde diese Grenzlinie anerkannt, von China nicht. (Im Gegenteil, China besetzte einen Teil Kaschmirs, auf den Indien Anspruch hatte.) In den vergangenen sechs Jahren scheiterten dreizehn Gesprächsrunden bei dem Versuch, eine Einigung zu erzielen.
Im Juni gelang China noch eine Steigerung, als es gegen einen 2,9-Milliarden-Dollar-Kredit der asiatischen Entwicklungsbank (ADP) an Indien stimmte. Es wäre ein kleiner Beitrag für Bewässerungsprojekte in Arunachal Pradesh auf der indischen Seite der McMahon-Linie gewesen. Zu Beginn hatte Neu Delhi noch genug Unterstützung innerhalb der ADB, um Chinas Einwänden zu begegnen. In nachfolgenden Verhandlungen blockierte China - mit Unterstützung von Japan, Korea und Australien - den Teil des Kredits, der für die umstrittene Region gedacht war.
Im November protestierte Peking öffentlich gegen eine Reise des Dalai Lama nach Tawang - zum Ort eines historischen buddhistischen Klosters und Geburtsstätte des sechsten Dalai Lamas (1683 bis 1706) in Arunachal Pradesh. Ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums attackierte den Führer im Exil, der seit seiner Flucht aus Tibet 1959 in Indien lebt, wegen „separatistischer" Aktivitäten und beschuldigte ihn des „Aktes der Sabotage der chinesischen Beziehungen mit anderen Ländern".
Kaum eine Woche zuvor hatte der indische Premierminister Manmohan Singh am Rande des ASEAN-Treffens (Association of Southeast Asian Nations) dem chinesischen Premier Wen Jiabao erklärt, der Dalai Lama sei ein „ehrwürdiger Gast", der frei im ganzen Land reisen könne. Gleichwohl aus Rücksicht auf die chinesischen Befindlichkeiten charakterisierte Indien den Besuch als rein religiös und untersagte den internationalen Medien, über den Besuch in Tawang zu berichten.
Indiens Besorgnis
Neben dem Versuch Neu Delhis, das Ausmaß der Verschlechterung seiner Beziehungen mit Peking herunterzuspielen, haben eine Reihe kleinerer Vorfälle Indiens Besorgnis über den gigantischen Nachbarn unterstrichen. Indien hat mehr Fälle wegen Preisdumping gegen China bei der WHO (Welthandelsorganisation) eingereicht, als jede andere Nation. Außerdem hat es die Einfuhr von chinesischen Spielsachen, Milch und Schokolade, angeblich aus Sicherheitsgründen, verboten.
Im vergangenen Sommer hat Indien seine Visa-Bestimmungen geändert. Betroffen waren mehrere Tausend ungelernte chinesische Arbeiter - viele davon in Infrastrukturprojekten involviert - die infolgedessen das Land verlassen mussten. Indien hat ebenso die chinesische Botschaft in Neu Delhi scharf kritisiert, weil sie Visa an indische Bürger der umstrittenen Regionen Jammu und Kaschmir auf einem separaten Papier ausstellt. Ein Zeichen, dass China den indischen Gebietsanspruch nicht anerkennt.
Kurz- und mittelfristig haben jedoch weder China noch Indien Interesse, ihren Meinungsverschiedenheiten zu erlauben, außer Kontrolle zu geraten. Beide konzentrieren sich vornehmlich auf die wirtschaftliche Entwicklung.
Auf lange Sicht muss Peking lernen, Indien so zu sehen, wie die Inder selbst, wenn es die Beziehungen zu Neu Delhi erfolgreich meistern will. Trotz unzureichender Infrastruktur, größerer Armut und kleinerer Wirtschaft halten Inder ihr Land für ebenbürtig mit China.
Indiens außenpolitisches Establishment und strategische Elite sind mehr als willig, die chinesischen Belange bezüglich sensitiver Themen wie Tibet, Taiwan und Xinjiang zu respektieren. Sie sehen auch ein Zusammenfließen der Interessen im Bereich bilateralen Handels. Neben den Vorwürfen von Dumping ist China doch Indiens Top-Handelspartner. Auch ist man sich in Belangen des Klimawandels einig. Beide Länder wollen sich nicht auf Grenzen für den Kohlendioxidausstoß festlegen oder sich diesbezüglich international überwachen lassen.
Gleichzeitig machen es Indiens raue Demokratie, seine pulsierende freie Presse und sein Sinn für einen schnellen Auftritt auf der Weltbühne für Neu Delhi fast unmöglich, Konzessionen an Peking zu machen. Denn diese würden den eigenen Gesichtsverlust bedeuten. Ein streitlustiges China schürt Indiens Ängste nur weiter und schiebt es in Richtung vertiefter Kooperation mit den Vereinigten Staaten.
Das würde auch die Region destabilisieren und den Einsatz erhöhen für die südostasiatischen Nationen, die gerne beide Länder prosperierend sehen möchten, anstatt sich auf eine Seite schlagen zu müssen. Wie Peking seine angespannten Beziehungen zu Neu Delhi gestaltet, wird auf lange Sicht die kleineren Nationen rückversichern, ob sie Chinas oft ausgesprochener Theorie vom „friedlichen Wachstun" vertrauen können.
Sadanand Dhume ist Autor und Journalist aus Washington. Abdruck mit Genehmigung von YaleGlobal Online. Copyright © 2009, Yale Center for the Study of Globalization, Yale University.
Originalartikel auf Englisch: Bickering by Champions of Globalization in Asia Worries the Region
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