Kultur – Streitbar, erfolgreich, energiegeladen – Holger Mehlig
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Rolf Hochhuth wird 80 Streitbar, erfolgreich, energiegeladen

Holger Mehlig

28.03.2011

Am 1. April feiert Hochhuth seinen 80. Geburtstag. Foto: Patrick Sinkel/dapd Photo
Am 1. April feiert Hochhuth seinen 80. Geburtstag.

Foto: Patrick Sinkel/dapd Photo

Berlin – Einen symbolträchtigeren Wohnort kann es für einen wie ihn kaum geben. Wenn Rolf Hochhuth aus der fünften Etage seiner Plattenbau-Wohnung blickt, tut sich unter ihm das Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals in Berlin auf. Die NS-Zeit ist das große Lebensthema des erfolgreichen Dramatikers. Bereits in seinem ersten Stück, dem Doku-Drama "Der Stellvertreter", untersuchte er die Mitschuld von Papst Pius XII. am Holocaust. Das war 1963. Das Werk und der damit ausgelöste Skandal machten ihn weltberühmt.

Am Freitag (1. April) feiert Hochhuth seinen 80. Geburtstag. Verbringen wird er den Ehrentag in Moskau. Dort will er aus seinem in Russland erscheinenden Band mit den Stücken "Soldaten" und "Ärztinnen" vorlesen. Der nächste Höhepunkt folgt dann bereits einen Monat später: Anfang Mai kommt sein Buch "Essayistische Prosa und Gedichte" auf den Markt – inklusvie dem neuen Drama "Der Fliehende Holländer" und zahlreichen erotischen und pornografischen Gedichten.

Hochhuth sprüht auch im fortgeschrittenen Alter vor Energie und Ideen. Er wolle sehr gerne noch eine Komödie mit dem Titel "Die Nackte von Köpenick" und vor allen Dingen einen Marlene-Dietrich-Monolog schreiben, sagt er und nippt an einem Glas Weißwein-Schorle. In der Komödie wolle er "den BRD-Mief drastisch darstellen".

Ein Mann der radikalen Worte

Hochhuth ist ein Mann der klaren und radikalen Worte, was ihm auch viele Feinde bescherte. Sein erstes Werk "Der Stellvertreter", uraufgeführt vor 48 Jahren von Erwin Piscator an der Freien Volksbühne Berlin, sorgte wegen der heftigen Kritik an der Rolle der katholischen Kirche in der NS-Zeit für den größten Eklat der deutschen Nachkriegstheatergeschichte. Anschließend erlebte das Drama großen internationalen Erfolg bei Aufführungen in 28 Ländern.

Auch später legte sich Hochhut, der im hessischen Eschwege geboren wurde, gerne mit sogenannten Obrigkeiten an. In seinem Schauspiel "Juristen" klagte er die Rolle früherer Nazi-Richter an. Mit Vorliebe sucht er sich auch provokante Stoffe aus. So untersuchte er einmal die Mitverantwortung des englischen Premiers Winston Churchill an den Luftangriffen auf deutsche Städte im Zweiten Weltkrieg ("Soldaten, Nekrolog auf Genf", 1967), ein anderes Mal prangerte er die auf Profit ausgerichteten Praktiken der Pharmaindustrie an ("Ärztinnen", 1980).

Für hitzige Debatten sorgte sein 1993 uraufgeführtes Stück "Wessis in Weimar" über das Wirken der Treuhand im Osten Deutschlands, über Verzweiflung und Miss-Management. Schon im Vorfeld hatte Hochhuth über den am 1. April 1991 von RAF-Terroristen ermordeten Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder wissen lassen, "wer so etwas wie Rohwedder tut, soll sich nicht wundern, wenn er erschossen wird".

Düstere Zukunftsaussichten

Anfang und Mitte der 90er Jahre machte Hochhuth vor allem als verhinderter Theaterbesitzer von sich reden, der einmal das Berliner Schlosspark-Theater, dann die Freie Volksbühne begehrte, beide Spielstätten aber nicht bekam. 1996 klappte es dann doch: Die 1993 von ihm im Namen seiner Mutter gegründete Ilse-Holzapfel-Stiftung ist seitdem neue Eigentümerin des Berliner Ensembles, das er laut Mietvertrag jeweils im Sommer mit eigenen Stücken bespielen darf. Regelmäßig gibt es darüber aber Streit mit dem Intendanten des Hauses, Claus Peymann.

Legendär ist die immer wieder hervorgebrachte Kritik an seinen Werken: Der Moralist Hochhuth schreibe mit erhobenen Zeigefinger immer wie direkt von der Kanzel und fühle sich immer im Recht. Seine Werke sprühten die dramatische Wirkung von gesprochenen Leitartikeln aus. Die Kritik macht Hochhuth aber nichts aus. Dann inszeniert er eben einfach selbst.

Langsam geht die Sonne über dem Holocaust-Mahnmal unter. Die Zukunft zeichnet Hochhuth in düsteren Bildern: "Im Augenblick sind wir im Sturmschritt auf dem Weg dahin, dass Banken und Wirtschaft derart die Oberhand bekommen, dass sie nur durch eine Revolution gezähmt werden können – und das wird keine friedliche sein", sagt er. Es werde schon die Generation seiner Enkel sein, die zuschlagen werde. "Was früher die Nazis waren, sind heute die Wirtschaftsgiganten."

(dapd)

 

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