Aktuelle Nachrichten – Umwelt
23.09.2009
Sermilik-Fjord/Grönland – Walflossen schneiden in der Ferne durch das Wasser, während Ruth Curry auf dem stürmischen Deck eines Eisbrechers eine Sonde einholt. Eine orangene Röhre, befestigt an einem Metallrahmen, bricht durch die Oberfläche, die Aufzugswinde hört auf zu knirschen. In der Sonde: Daten über die Wassertemperatur tief unten in dem eisigen Fjord südöstlich von Grönland.
„Wenn man die Hand reinsteckt, fühlt es sich gar nicht so warm an“, sagt die amerikanische Klimaforscherin. „Aber es ist warm. Warm genug, um Eis zu schmelzen. Und das ist das Entscheidende.“
Curry und ihre Kollegen von der Woods Hole Oceanographic Institution in Massachusetts sind im August um die majestätischen Eisberge im Sermilik-Fjord gefahren. Sie suchten nach Beweisen, dass Ströme aus niedrigeren Breitengraden oder subtropische Wassermassen bis hinauf in diese entlegene, kühle Region vordringen.
Sie haben sie gefunden. Den ganzen Weg entlang.
Zusammen mit ähnlichen Daten aus Westgrönland kann die Entdeckung Aufschluss geben, warum die Gletscher seit dem vergangenen Jahrzehnt schneller wandern – und schmelzen. Ein alarmierendes Phänomen, denn die Eisschmelze beschleunigt den Anstieg der Meeresspiegel.
„Messungen alleine reichen nicht aus, um die beschleunigte Eisschmelze auf die subtropischen Ströme zurückzuführen“, sagte Teamleiterin Fiamma Straneo. „Aber die Bilder verdichten sich.“
Die Gruppe schöpfte 4 Grad warmes Wasser aus den Tiefen des Sermilik-Fjordes. Es ist das Ergebnis einer gigantischen Unterwasserschlacht im Nordatlantik: Arktische Ströme, die für gewöhnlich diese Region dominieren, weichen zunehmend subtropischen Gewässern, die vom Golfstrom nordwärts getrieben werden. Eigentlich ist das ein völlig natürlicher Prozess. Aber die deutlich steigenden Temperaturen in den subtropischen Ozeanen deuten darauf hin, dass die Balance aus dem Gleichgewicht geraten ist.
„Wir haben das Wasser an seiner Quelle gemessen, und wir haben seine steigende Temperatur gemessen. Sie ging hoch, hoch und höher“, sagt Curry. „In einer Deutlichkeit, die sich ohne den menschlichen Einfluss nicht erklären lässt.“ Ein klarer Hinweis auf die Wechselwirkung zwischen den Ozeanen und der Klimaerwärmung.
Die Meere sind eine der wichtigsten Naturkräfte gegen den Treibhauseffekt. Sie absorbieren rund die Hälfte des vom Menschen produzierten CO2s. Aber das Wasser dehnt sich auch aus, wenn es wärmer wird. Und so steigen die Meeresspiegel. In der Zeit von Juni bis August war die Oberflächentemperatur der Ozeane die wärmste seit Beginn der Messungen 1880. Mit 17 Grad lag sie 0,6 Grad über dem Durchschnitt des 20. Jahrhunderts.
Der Nordatlantik war von den Temperaturschwankungen besonders betroffen. Die vordringenden Meeresströme waren um zwei Grad wärmer als noch in den 90er Jahren, sagte der Wissenschaftler Helge Drange von der Universität Bergen.
Der Einfluss auf die Ökosysteme war gewaltig. Plötzlich haben Fische im hohen Norden gejagt, die sich vorher nie dorthin getraut hätten. Mehr als zwanzig Fischarten sind erstmals vor Island gesichtet worden, darunter Blauhaie und Butte. Die Einwohner der Insel freuen sich besonders über den Kabeljau.
Für die natürlichen Bewohner der Region wird es dagegen eng. Eisbären und Robben verlieren ihren Lebensraum. „Wir bewegen uns auf ein Klimaextrem zu. Und das wird ein Schneeballeffekt“, warnt Curry. (AP)
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