Fernreisen - Die Welt entdecken – Südafrika auf neuen Pfaden – Bernd Kregel / Gastautor
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Neue touristische Konzepte Südafrika auf neuen Pfaden

Bernd Kregel / Gastautor

02.11.2011

Fröhliche Kinder in Knysna. Foto: Bernd Kregel
Fröhliche Kinder in Knysna.

Foto: Bernd Kregel

Neugierige Kinder
Neugierige Kinder

Foto: Bernd Kregel

Gut gebrüllt, Löwe! Genau so, wie die Tiere der Savanne seine mächtige Stimme kennen und fürchten. Und augenblicklich verbreitet sich im näheren Umkreis ein spürbarer Schauder, der alle Aktivitäten im Keim erstickt. Denn auf Unachtsamkeit, so weiß man es hier nur allzu gut, steht im Gesetzbuch der Natur die Todesstrafe. In einem solchen Moment ehrfurchtsvoller Ohnmacht hält es daher mancher Vierbeiner für angebracht, sich im Schatten eines Dornbusches möglichst unauffindbar zu machen.

Diesmal jedoch handelt es sich um einen Fehlalarm. Denn es ist nicht die Vorstellung vom großen Fressen, die das stolzeste Mitglied aus dem erlauchten Kreis der Big Five erregt. Vielmehr ist es die ihm von Mutter Natur verliehene ehrenvolle Aufgabe, als stärkster Löwe der Umgebung für Nachwuchs zu sorgen. Ein neuer „König der Löwen“ muss her, damit der „Kreislauf des Lebens“ sich zur nächsten Generation hin wieder schließt. Nicht einmal die aus dem Geländefahrzeug heraus auf ihn gerichteten Ferngläser scheinen ihn bei dieser ernsten und zugleich anstrengenden Aufgabe zu stören.

Wiederherstellung der Wildnis

Der Ausbreitungdrang des Menschen war nicht immer zum Segen der Natur, wie beispielsweise hier an der südafrikanischen Gartenroute östlich von Post Elizabeth, wo Schafzüchter einst die Wildnis zähmten und sie ihres ursprünglichen Charakters beraubten. Bis man sich vor Kurzem auf ihre natürlichen Grundlagen besann und mit dem „Amakhala Tierreservat“ die ursprüngliche Ordnung wieder herzustellen versuchte. Nicht ohne Hintergedanken. Denn auf dem 7000 Hektar großen Buschgelände wurden elf Resorts versteckt, die als Ausgangspunkt für Tierbeobachtung höchsten Ansprüchen genügen. Zum Beispiel die „Amakhala Bush Lodge“, die mit ihrem stilvollen Ambiente und ihrem herausragenden kulinarischen Angebot den Sprung in den Tatler Tourist Guide mit seinen 101 besten Hotels der Welt hinein schaffte. Ein Ort, an dem sich im Schein des Lagerfeuers die unvergleichliche Stimmung der afrikanischen Nacht wie von selbst einstellt.

Fair Trade“ im Amakhala Tierreservat

Oder die „Woodbury Lodge“, die von einer Felskante oberhalb des Bushmans River den Blick freigibt auf eine weite Ebene, in der sich – wie bei der legendären Dschungelpatrouille – eine Herde von zwanzig Elefanten im Gänsemarsch auf eine Wasserstelle zubewegt. Eine Aussicht und eine Atmosphäre, wie man sie in ähnlicher Form auch in anderen Gegenden antreffen mag. Und doch ist vieles anders im „Amakhala Tierreservat“ mit seinen kunstvollen, ja sogar künstlerisch ausgestalteten Anlagen.

Das macht natürlich neugierig auf das Betriebsgeheimnis, das dahinter steht. George, der Inhaber der Woodbury Lodge, erklärt sich abends im Schein der glimmenden Holzscheite bereit, die Decke des Geheimnisses ein wenig zu lüften. Für ihn ist es das erst wenige Jahre alte Konzept des „Fair Trade“, dem er über die „Amakhala Resorts“ hinaus eine weltweite Vorreiterrolle für gehobenen Tourismus zugesteht. „Fair Trade“? Erinnert das nicht eher an den Kaffee und Kakao in den Regalen unserer Dritte-Welt-Läden?

Doch damit hat, so wird im Gespräch schnell deutlich, der hier praktizierte „Fair Trade“ wenig zu tun. Vielmehr gehe es um ein Gesamtkonzept, das faire Arbeitsverhältnisse für jedermann ebenso beinhalte wie hohe ethische Standards im täglichen Umgang miteinander. Nicht zu vergessen den Respekt vor den Menschenrechten, vor der heimischen Kultur sowie – natürlich! – der Umwelt. Es geht also um nicht weniger, als der vielfach geforderten „Nachhaltigkeit“ auf breitester Ebene Geltung zu verschaffen.

Hohe Worte? Der Anfang sei getan, beruhigt George, und verweist auf die 70 Einzelprojekte im Land, die sich den strengen „Fair Trade“-Kriterien bereits verschrieben hätten. Und gerade, so versichert er, seien die europäischen Reiseveranstalter im Begriff, diese Vision eines Urlaubs mit Modellcharakter für ihre Kundschaft zu entdecken. Denn hier könne jeder davon ausgehen, dass er mit seinem für den Urlaub aufgewendeten Geld zugleich das Land voranbringe.

„Living with Locals“ in Knysna

Auch anderswo wird über neuartige Konzepte nachgedacht. Zum Beispiel in Knysna, dem zauberhaft an einer weitläufigen Lagune gelegenen Städtchen an der Gartenroute, das sich mit seinem alljährlich im Juli stattfindenden Austern-Festival auch über die Landesgrenzen hinweg einen Namen gemacht hat. Das hier praktizierte neue Programm heißt, auf eine kurze Formel gebracht, „Living with Locals“. Gemeint ist das Wohnen unter dem gleichen Dach mit Einheimischen, um bei solchem Familienanschluss einen besseren Eindruck zu bekommen vom Alltag der Menschen im neuen Südafrika nach der Epoche der Apartheid.

Zugleich soll damit aber auch der Touristenstrom gelenkt werden in die „Townships“, in die hinein sich bislang nur wenige Besucher verirrten. Das soll helfen, Vorurteile abzubauen, Gefahren realistischer einzuschätzen und nicht zuletzt den an diesem Konzept beteiligten Menschen zu einem angemessenen Wohlstand zu verhelfen. Die entsprechende Bausubstanz für dieses Konzept hat sich seit dem „Wiederaufbau-Entwicklungsprogramm“ (RDP) aus dem Jahr 1994 längst herausgebildet.

An der Eingangstreppe des „Bethany Homestay“ im Township Hornlee wird der Gast begrüßt durch Magda, der man ihre Buschmann-Familientradition sofort ansieht. Ihre Räume und Gästezimmer entsprechen modernen Standards und verfügen nur über wenige afrikanische Accessoires. Das trifft besonders zu für die Küche, wo an diesem ersten Abend ein gemeinsames „Cook In“ am heimischen Elektroherd zelebriert wird. Schon dabei wird klar, wie trefflich Magda ihr Handwerk versteht. Und wie gut sie sich auskennt in ihrer Stadt. Gleichsam eine sprudelnde Quelle, um als Besucher die Dinge des täglichen Lebens aus erster Hand zu erfahren und zu bewerten.

Begegnungen mit menschlichem Tiefgang

Die Führung durch die einzelnen Bezirke des Knysna Townships übernimmt tags darauf Mawande, der mit seiner einfühlsamen Art jede einzelne Begegnung zum Erlebnis werden lässt. Der Weg beginnt bei den Bretterbuden, die inzwischen jedoch alle über Strom- und Wasseranschluss verfügen. Dass sie auch wohnlich sein können, zeigt der Besuch bei einer Familie, die hier nach einem Praktikum des Familienvaters bei der Polizei darauf wartet, dass endlich ein Arbeitsplatz für ihn frei wird.

Einen Höhepunkt im Kaleidoskop der Begegnungen stellt zweifellos Ella dar. Sie organisiert das „Safe House for Kids“, in dem sie dreißig Kinder von eins bis siebzehn betreut und – besonders die Mädchen – vor den Tücken des Alltagslebens bewahrt. Pure Lebensfreude spricht aus allen Augen, wenn bei rhythmischen Trommelklängen afrikanische Lieder gesungen werden und sich Gesang fast unmerklich in rhythmische Bewegung verwandelt.

Völlig anders gestaltet sich der Aufenthalt in der Hütte der Schamanin Dorothea, die als „Witch Doctor“ den Menschen mit Kräutern und Ratschlägen über ihre Probleme hinweghilft. Diesen Beruf habe sie sich nicht selber ausgesucht, beteuert sie. Vielmehr sei sie dazu berufen worden und stehe nun in der langen Tradition afrikanischer Weisheit, die hier sicherlich denselben praktischen Stellenwert besitze wie anderswo die westliche Medizin.

Und noch eine exotische Besonderheit gibt es im Township zu bestaunen. Es ist die Gemeinschaft der „Rastafari“, die – wie ihr Mitglied Dawie erklärt – gleich einen doppelten Ursprung aufzuweisen haben. Einmal die äthiopische Tradition um den einstigen Kaiser Haile Selassie, dem hier fast göttliche Verehrung zuteil wird. Und zum anderen Bob Marley, durch dessen Vorbild man hier den täglich praktizierten Marihuana-Konsum gerechtfertigt sieht. Von alledem legen ausdrucksstarke Wandgemälde beredtes Zeugnis ab.

Wandel der Verhältnisse zum Besseren

Demgegenüber wird es noch einmal richtig „normal“, als Magda kurz vor dem Abschied aus ihrem Haus zum Sonntagsgottesdienst in die benachbarte anglikanische Kirche einlädt. Der Raum füllt sich schon bald bis auf den letzten Platz mit Menschen in ihrer schönsten Sonntagskleidung. Natürlich hat die anglikanische Tradition ihre festen Regeln. Doch die Predigt ist gespickt mit Humor, sodass lautes Gelächter sie stellenweise unterbricht. Ein wunderbares Erlebnis, den Menschen des Townships ganz nahe zu sein.

Und die haben offensichtlich nichts dagegen, durch „Living with Locals“ Besuch zu bekommen, der sich bei ihnen umschaut. Denn die meisten von ihnen werden getragen von der Überzeugung, dass sich die Verhältnisse zum Besseren gewandelt haben. Und den damit verbundenen Stolz möchten sie Anderen gern vorzeigen.

www.amakhala.co.za, www.visit.knysna.co.za, www.dein-suedafrika.de

 

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