Kultur – Swakopmunder Musikwoche: Lasst es mehr als nur einen Traum sein – Rosemarie Frühauf
The Epoch Times - Deutschland

Aktuelle Nachrichten – Kultur

Orchestermusik in der Wüste Swakopmunder Musikwoche: Lasst es mehr als nur einen Traum sein

Rosemarie Frühauf

12.01.2012

Swakopmunder Musikwoche: Hier dabei zu sein ist alles... Foto: Anke Pfeffer
Swakopmunder Musikwoche: Hier dabei zu sein ist alles...

Foto: Anke Pfeffer

Einmal im Jahr veranstaltet eine deutschgeprägte Kleinstadt in Namibia ein ungewöhnliches und engagiertes Festival: Die Swakopmunder Musikwoche.

Im Südwesten des afrikanischen Kontinents, am Rand der sengenden Namibwüste, wo antarktische Ströme den Atlantik und starke Winde die Luft kühlen, liegt Swakopmund.

Das Küstenstädtchen wurde 1892 von Deutschen gegründet, als Namibia die Kolonie „Deutsch-Südwestafrika" war. Den Höhepunkt seiner Berühmtheit erreichte es 2006 - als Brad Pitt und Angelina Jolie hier ein halbes Jahr verbrachten.

Von der evangelischen Kirchengemeinde gegründet, verbindet die Swakopmunder Musikwoche seit 46 Jahren Menschen über ethnische und kulturelle Grenzen hinweg. Und zumindest für ein paar Tage überbrückt sie eine horrende soziale Kluft. Von 9. bis 18. Dezember 2011 fand sie wieder statt und war so erfolgreich wie noch nie.

Und die Deutschen organisieren das Ganze ...

Christiane Berker leitet die Musikwoche, die mittlerweile von einer Art Verein getragen wird. Die große, graugelockte Dame mit Basecap und Musikwochen-Shirt strahlt stets Gelassenheit aus.

Egal, ob im Kabelsalat ihres improvisierten Büros aus Laptops, dass sich in einem leer stehenden Klassenzimmer ausbreitet, oder im mehrsprachigen Dialog (englisch, deutsch, afrikaans)  mit ihren Helfern. Traditionell findet das Treffen kurz vor Weihnachten statt, denn dann sind hier Sommerferien. Die Räume der Namib Primary School sehen etwas abgenutzt aus. Ein Zettel an der Tür ermahnt die Lehrer, ihren Schülern Vorbild zu sein.

Frau Berker stolperte als Helferin geradewegs in die Festivalleitung - unter anderem wegen ihres Organisationstalents. Die 52-jährige Diplom-Pychologin arbeitet sonst im HIV/AIDS-Bereich. Nun bringt sie die Anliegen von rund 250 Personen unter einen Hut: Teilnehmer und Dozenten aus Swakopmund, Südafrika, Deutschland und den USA. Schwarz und Weiß, Alt und Jung musizieren hier gemeinsam unter dem Motto „Der Weg ist das Ziel". Für eine kleine Gebühr kann sich jeder anmelden. Nur Instrumente und Notenständer muss man selbst mitbringen. Am Ende geben Orchester, Chor und Bigband mit Spannung erwartete Konzerte. Denn Orchestermusik ist im dünn besiedelten Wüstenstaat Namibia fast nie zu hören.

Was ein Stadtrundgang erzählt

Warum das Festival ausgerechnet hier stattfindet, klärt ein Gang ins Museum von Swakopmund. Als die Deutschen hier landeten, brachten sie neben ihrer Technik und Infrastruktur auch ihre Kultur mit, die ihnen  Halt und Identität gab. Zum historischen Hausrat gehörte unverzichtbar ein Klavier. Und neben Uniformen, Handfeuerwaffen, ausgestopften Zebras und Erdmännchen prangt im Museum eine Urkunde, mit der der Deutsche Sängerbund in den 70er-Jahren dem Swakopmunder Gesangsverein zum 75-jährigen Bestehen gratulierte.

Heute hängen weihnachtliche Drahtbilder aus LED-Schnüren an den Straßenlaternen, mit Tannenzweigen, Rentieren, Robben und Delphinen. Swakopmund erinnert mit seinen kunterbunten Ladenschildern an eine amerikanische Kleinstadt. Alles ist zubetoniert, sonst stünde man auf staubigem Wüstenboden.

Rund 30.000 Einwohner hat das Städtchen und jeder kennt jeden. Zumindest im jeweiligen Umfeld.  Und so betreiben „Uschi und Diane" ein Immobilienbüro unter ihren Vornamen.

Der namibische Staat hingegen hat die deutsche Ordnungsliebe übernommen: Offiziell gibt es in Swakopmund keine Obdachlosen. Wer sich bei den Behörden meldet, bekommt auch ohne Einkommen eine Adresse am Stadtrand zugewiesen, in einer Straße mit Straßenlaternen,  fließendem Wasser und Toiletten. Rund 6.000 schwarze Menschen wohnen dort derzeit in selbstgebauten Hütten in der Wüste.

Das große Abschlusskonzert

Der beschauliche Swakopmunder Stadtkern ist am Abend des Abschlusskonzerts wie ausgestorben. Die Deutschen strömen zum Konzert in die Schulaula, die auch „Bank Windhoek Kultur Aula" heißt. Ein Veranstaltungsort für alle Fälle - mit dem Charme einer Turnhalle mit Nadelfilzboden. Ein Publikum, wie man es von hiesigen Kulturveranstaltungen gewöhnt ist, nur familiärer, enthusiastischer.

Für 50 Namibia-Dollar, sprich fünf Euro, kann man heute Namibias einzigem Orchester lauschen.

Etwas Brahms, etwas Borodin und „My heart will go on" auf zwanzig Querflöten. Alle 460 Plätze sind belegt, es gibt sogar eine Warteliste. Das Ergebnis der achttägigen Probenarbeit  stellt sich als sensationell heraus und die Freude des vielfarbigen Orchesters ist einfach ansteckend. Auch die professionellen Dozenten sind überaus entspannt und beglückwünschen sich herzlich, denn Konkurrenz gibt es hier nicht.

Alexander Fokkens ist seit Jahren musikalischer Chef der Musikwoche. Der freischaffende Dirigent und Kontrabassist aus Kapstadt lobt besonders die Arbeit, die sein US-amerikanischer Kollege Steven Meier mit der Bigband geleistet hat. Es war Meiers Musikwochen-Debut und Fokkens attestiert ihm: „Heute Abend hat es hier das erste Mal geswingt!"

Sogar „O Fortuna" klappt

Hans-Jochen Stiefel vom Karlsruher Helmholtz-Gymnasium sah auf der Probe aus wie ein  Radsportprofi, wenn er den Chor, in der Überzahl weiße Seniorinnen, zu Höchstleistungen anspornte. Nun dirigiert er von einem Podest aus, weil Chor und Orchester gar nicht gemeinsam auf die Bühne passen. Nur mit Unterstützung des ansässigen Mascato Coastal Youth Choir wurde die Aufführung von fünf Stücken aus Carmina Burana möglich. Der Verlag Schott stellte das Notenmaterial kostenlos zur Verfügung, welches unerschwinglich gewesen wäre.

Was beim Open Air drei Tage zuvor nach viel Mut klang, hat sich in ernstzunehmenden Orff verwandelt. Alle packen an, um das Stück zu stemmen. Die Dozenten mischen sich unter das Orchester. Fokkens, eben noch Dirigent von zwei saftig-schwungvollen Ungarischen Tänzen, schlägt beim „O Fortuna" die große Trommel. Und nicht nur die Mitwirkenden, auch das Publikum jubelt.

Ein Glücksfall für Namibia

Marcellinus Swartbooi, der mitgesungen hat, bringt es auf den Punkt: „Diese Musik kennen wir nur aus Filmen! Das wir sie jetzt selbst spielen, ist das Größte!" Und der junge Komponist fügt hinzu, wie gut es Deutschland doch mit den ganzen Profichören habe: „Wenn ich meinen musikalischen Gedanken mal uneingeschränkt freien Lauf lasse, sagt mein Chor mir, das ist zu schwer, das können wir nicht singen." Weil er als einheimischer Musiker keine Weiterbildungschancen hat und ständig ausgebremst wird, war er schon kurz davor, die Musik ganz aufzugeben. Nach dem Musikwochen-Workshop mit dem deutschen Komponisten und Dirigenten René Giessen, weiß er aber wieder, dass er mit seinen Visionen nicht allein ist. „Ich bin ein ganz neuer Mensch geworden!", sagt Swartbooi. „Bisher dachte ich immer, dass ich verrückt bin. Aber René sagte mir: Verrücktsein ist eigentlich normal."

Die Sorgen der schwarzen Talente

Auch Engelhardt Unaeb hat als Solist mitgesungen. Der rastalockige Bariton, dessen Kopfstimme in kraftvollen Alt umbricht, ist als Sänger und Komponist ein Lokalstar. Gerade wurde er als erster Namibier ausgewählt, um im Rahmen des Projekts „S.O.U.L." (Singers of United Lands) Botschafter des afrikanischen Kontinents zu sein. Mit drei anderen Sängern wird er ein halbes Jahr durch die USA touren und dort das authentische Liedgut seiner Heimat in Workshops und Konzerten vorstellen.

„Wie er lebt, ist unvorstellbar", meint Christiane Berker. „Ein kleines Zimmer, in dem das Keyboard die Hälfte des Raums einnimmt. Eigentlich müsste eine Persönlichkeit wie er von staatlicher Seite gefördert werden", sagt sie. Weil das aber nicht passiert, hätten die Swakopmunder für seine Reise Geld gesammelt: „Wir hoffen, dass er im Ausland neue Impulse bekommt, aber uns hier erhalten bleibt."

Für die Musikwoche hat Engelhardt, wie ihn alle liebevoll nennen, ein Kindermusical geschrieben. „Desert Express" beschreibt den Traum eines kleinen Jungen, der von den Tieren der Wüste lernt, an das Wohl anderer zu denken. Er sieht, wie im Streit um das knappe Wasser ein Elefant mit Pauken und Trompeten beinahe einen Löwen tottrampelt.

Die Geschichte von Tangelis Traum wurde mit Kinderchor, Geigenanfängern und Engelhardt als Erzähler unter großem Beifall - und Lampenfieber aller Beteiligten - uraufgeführt.

Zehn Kinder kommen aus dem „Arts Performance Center" (APC) in Tsumeb, im Norden Namibias. Das Projekt der Schweizerin Lis Hidber gibt seit 1993 Straßenkindern und Aids-Waisen eine Perspektive durch umfassende musikalische Ausbildung. Rund 100 Schüler besuchen derzeit das APC. Frau Berker würde gerne noch mehr APC-Kindern eine Teilnahme an der Musikwoche ermöglichen. Doch es fehlt am Geld für Unterkunft und Verpflegung.

Entwicklungschancen und Grenzen

„Die Musikwoche hat in den letzen zwei Jahren einen Schub bekommen und wir müssen uns Gedanken machen, wo wir eigentlich hinwollen, denn wir haben nun endgültig die kleine, überschaubare Laienveranstaltung hinter uns gelassen, die wir noch vor fünf Jahren waren", sagt Frau Berker. Mit der steigenden Professionalisierung wächst auch das verführerische Potenzial, die ganze Sache etwas zu kommerzialisieren.

Vielleicht könnte die Swakopmunder Musikwoche als Event auch touristisch interessant werden? Namibia ist derzeit hauptsächlich ein Safari-Reiseziel. Aus diesem Gedanken heraus ist das Namibia Tourism Board  zum ersten Mal Sponsor der Musikwoche geworden. Seine Zielsetzung ist, den Tourismus zu nutzen, um die Lebensbedingungen der einheimischen Bevölkerung zu verbessern - genau das macht auch die Musikwoche. Aber wie die Veranstaltung vergrößert werden kann, die die größte Bühne des Städtchens bereits zum Bersten bringt und für dessen Teilnehmer  verschiedene Hotels Unterkünfte zur Verfügung stellen, ist eine spannende Frage.  

Der Traum vom Wüstenkonzert

Wie wäre es mit einem Open-Air-Event an spektakulärem Ort? Zum Beispiel in der „Mondlandschaft", den jahrmillionenalten Felsformationen der Namibwüste?

Der engagierte Vollblutmusiker René Giessen hat einige kreative Ideen, die den Swakopmundern Publicity und Geld bringen könnten. Dies soll vor allem den Kindern, denen er Harmonika spielen beigebracht hat, zugutekommen. Giessens Vision ist es, mit Leihinstrumenten und freiwilligen Dozenten ein soziales Musikprojekt ähnlich des Jugendsinfonieorchesters von Venezuela aufzubauen. Mit ein paar prominenten Unterstützern aus Deutschland müsste das doch realisierbar sein ...

Am nächsten Morgen müssen alle früh raus

Trotz allgemeiner Partystimmung zerstreuen sich Musiker und Publikum nach dem Schlussapplaus schnell. Kein Wunder, denn eine handverlesene Truppe soll morgen früh schon um sieben mit René Giessen zu einem „Wüstensoundcheck" aufbrechen. Abends werden sie dann das Abschlusskonzert noch einmal wiederholen und ausgiebig feiern.

Beim Gehen entschuldigt sich noch der Lichttechniker bei Frau Berker, denn während Franz Lehars „Ballsirenenwalzer" waren auf einmal die Bühnenspots aus- und die Notbeleuchtung angegangen. Aber so ein kurzer Stromengpass, fügt er hinzu, tritt eigentlich bei jeder Großveranstaltung auf.

Frau Berker lächelt gelassen wie immer: „An dieser Leitung hängen wir, das Hotel, zwei Restaurants und der Weihnachtsmarkt ... Ja, das ist Afrika!"

www.namibia-tourism.com

Schlagworte

Webnews einstellen
 
Anzeige
Anzeige