Aktuelle Nachrichten – Trends
23.11.2011
Foto: Charlotte Fischer
„Hör mal, ob dein Herz noch schlägt“ – so war es auf einem Graffiti an einer Brücke der Emscher im nördlichen Ruhrgebiet zu lesen. Das Ruhrgebiet wird von den beiden Flüssen Ruhr und Emscher durchflossen. Als man sich jedoch zu Beginn des letzten Jahrhunderts entschied, die Ruhr zum reinen Trinkwasserfluss werden zu lassen, wurde die nördlich fließende Emscher „geopfert“, um alle Abwässer aufzunehmen. Der Fluss wurde begradigt und in Beton gefasst und so zu einer reinen Abwasserkloake, in der jegliches Leben erstarb. „Hör mal, ob dein Herz noch schlägt“, nun an einer Emscherbrücke zu lesen, spricht Bände.
Zum Ende des 20. Jahrhunderts, als das Bewusstsein für die Müll- und Abwasserentsorgung neu erwachte, entschieden sich nachhaltig denkende Menschen, der Emscher wieder ihre eigentliche Gestalt zurückzugeben, sodass sich wieder ein neues Leben in ihr entfalten konnte. An einigen Stellen kann der Fluss schon wieder in seiner natürlichen Gestalt durch neu entstandene Auen ziehen und siehe da – neues Leben erwacht! Das Herz der Emscher scheint unter allen Begrenzungen und Verschmutzungen doch noch zu schlagen.
Fern-Hören statt Nah-Hören?
Nicht nur, wenn man heute in der Pädagogik tätig und dazu noch Musikpädagoge ist, ist diese Frage: Hör mal, ob dein Herz noch schlägt, ein ständig mitklingender, sorgender, manchmal ratlos machender Cantus firmus, wenn man auf das oft bis zum Verschwinden gebrachte Hören-Wollen der Kinder schaut. Es betrifft uns alle, aber die Kinder zeigen es am deutlichsten.
Können wir den zarten Strom des Zuhören-Wollens wieder von dem „Hör-Müll“ befreien? Können wir dem Kind seine eigenen „Hör-Wege“ zugestehen? Können wir dem Kind seine eigene Hör-Zeit geben und seinen eigenen Hör-Raum wieder eröffnen? Und können wir das für uns auch tun? Dann könnte der Hörstrom sein eigenes „Flussbett“ finden, an dem es blüht, an dem man freudig verweilt und neue Kraft schöpfen kann.
Ist es denkbar, dass wir seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts durch die Erfindung des Fern-Hörens das Nah-Hören vernachlässigt haben?
Nicht-mehr-hören-wollen-Können
Die Grundlage des Zuhörens ist eine Art von zurückgehaltener Bewegung, das Stillwerden, dem Raum-geben, für das, was da tönt oder klingt. Aber erlebt man als Pädagoge nicht täglich, dass bei sehr vielen Kindern die Bewegung keinesfalls zurückgehalten wird, ja, dass sie überschießt, unkontrolliert hervorbricht und im gleichen Maße das Hören-Wollen abgenommen hat? Ich spreche absichtlich nicht vom Hören-Können, denn das ist latent vorhanden, aber noch nicht geweckt, häufig zugeschüttet oder zubetoniert, sodass es sich weitgehend um ein Nicht-mehr-hören-wollen-Können handelt. Wem über längere Zeit nicht zugehört wird, der verschließt auch seine eigenen Ohren. Entweder geschieht der Rückzug, man verstummt und fühlt sich selbst nicht mehr oder man revoltiert und wird laut und fühlt sich auch nicht mehr. Die Resonanz fehlt, die Schwingung, die das Hören zu dem Prozess des gegenseitigen Austausches werden lässt. Zuhören ist nie einseitig, es gelingt nur, wenn dieses gegenseitige sich Einschwingen zustande kommt. Zuhören ist immer ein freiwilliger Akt, ein Akt des sich Öffnens, ein Zulassen.
Umweltschutz für die Nerven
Hat man jedoch einmal durchschaut, dass die Unruhe und das nicht mehr Hören-wollen, somit auch das nicht mehr Gehorchen-Können eine tiefere Ursache haben, so können sich Wege finden, den Kindern und uns selbst zu helfen, sie aus ihrem zwanghaften Bewegungstrieb zu befreien und sie zu einem Hören-Wollen zu führen.
Auch hier müsste ein gewisser Sinn für Umweltschutz entstehen, sodass Kinder aufwachsen können in einer lebendigen, beschaulichen und manchmal stillen Landschaft, um ihrem eigenen Bewegungslauf folgen und sich frei entwickeln zu können. Hier ist nicht gemeint, dass wir uns auf das Land zurückziehen sollen. Stille ist nicht Abwesenheit von Lärm, Stille ist eine Haltung. Umweltschutz ist überall angesagt.
Hören-Wollen statt Langeweile
Hör-Räume zu entwickeln, in denen der Hörfluss wieder zum Leben erweckt werden kann, das kann auch im größten Trubel einer Stadt gelingen. Es ist das Zugewandtsein, das sich Zeit-Nehmen, das Innehalten, das Interesse, das schon immer eine Grundvoraussetzung für das Zuhören war. Wir haben es nur in unserer lauten und so schnellen Welt vergessen. Zuhören braucht viel Zeit, ja manchmal sogar eine lange Weile.
So wie in jedem Menschen ein natürlicher Trieb lebt, sich bewegen zu wollen, lernen zu wollen, so lebt auch in jedem Menschen der Drang, hören zu wollen.
Hören-Wollen aber führt immer zur Stille, zu mir selbst. So ist jede Hör- und Horcherziehung immer auch ein Weg zum eigenen Selbst, zum eigenen Ursprung. Auf diese Weise entsteht eine Möglichkeit, an die eigenen Ziele und Aufgaben zu gelangen. Stille nicht nur gezwungenermaßen auszuhalten – was kein erstrebenswertes Ziel ist, denn dann ist sie keine Stille – sondern sie selbst zu schaffen durch die Bewegung, aus der Bewegung; Stille als schöpferischen Quell zu entdecken, das ist ein therapeutisches, ein heilendes Mittel in der Pädagogik, das wir heute mehr und mehr wiederentdecken müssen.
Vertrauen oder Angst
Stille ist der Ort, an dem Vertrauen lebt, an dem Verständnis, Ermutigung und Verstärkung sein können. In einer solchen Atmosphäre kann es auch laut sein, kann viel Bewegung vorhanden sein, aber Bewegung aus der Lust, aus der Freude und nicht aus der Langeweile oder aus unbefriedigter Lernlust. Dann kann die Schule wieder ein Ort werden, an dem Kinder nicht überwacht werden müssen oder als lästige Gegner empfunden werden, sondern als Mitarbeiter an einem neuen brüderlichen Zusammenleben von Menschen mit den unterschiedlichsten Begabungen und Möglichkeiten.
In seiner bemerkenswerten Autobiografie beschreibt der palästinensisch-amerikanische Literaturprofessor Edward W. Said seinen langen Leidensweg durch alle Instanzen der Erziehung zu Hause und in der Schule, gipfelnd in dem erschütternden Satz: „Alles schien darauf angelegt, mich zum Schweigen zu bringen und von dem abzulenken, der ich war, mich zu jemand anderem zu machen.“
Hier wird noch eine andere Dimension deutlich, nicht nur der Blick auf das Kind, das wieder zum Hören erweckt werden möchte, sondern auch auf den Erwachsenen, der in demselben Maße wieder hören lernen muss, um auf das innere Kind und seine ureigenen Impulse lauschen zu lernen. Das Kind soll nicht zum Schweigen gebracht und von seinen eigenen Impulsen abgeschnitten werden, sondern auch der Erwachsene und der Heranwachsende können das Hören als eine Quelle entdecken, in der Stille zur schöpferischen Kraft werden kann.
Nur wenn wir das Hören wieder einer selbstbestimmten Führung unterstellen, wird der Ort der Stille nicht mehr ein Ort der Angst sein, den wir durch ständigen Lärm und Beschallung auslöschen müssen, um ihm zu entgehen, sondern er wird ein immer wieder gern aufgesuchter innerer Raum – ein eigener Hör-Raum – aus dem wir neue Kraft schöpfen können. So ein Ort kann und sollte auch in der Schule wieder entstehen. Zuzuhören und sich Zeit zu nehmen sind eine Möglichkeit, dem inneren Verbrennen – dem Burn-out – sowohl als Lehrer, als Mutter oder Vater wie auch als Kind zu entkommen.
Auf Entdeckungsreise
Hier könnte der Einwand entstehen, „Stille als innerer Raum“ sei doch noch nicht für kleine Kinder zu erleben oder zu wünschen. In der Tat verfügt das KleinkKind noch nicht über denselben seelischen Innenraum wie der Erwachsene. Aber es gibt einen stillen Umraum, den man bei einigen Kindern bemerken kann. Solche Kinder sind ohne Reizüberflutung aufgewachsen, in ihrer Umgebung ist Stille kein Fremdwort. Das sind Kinder, die schon im frühen Alter mit sich etwas anzufangen wissen, die trotz lauten Spielens etwas Stilles um sich haben, für die spielen – auch alleine – eine Selbstverständlichkeit ist. Sogar ihren Sprechstimmen kann man es anhören, dass sie in einer sie pflegenden und liebenden Umgebung aufgewachsen sind, in der ihnen zugehört wird; ihre Stimmen sind noch weich und warm, bar jeder Schrillheit.
Wieder aufeinander zu hören schafft eine Öffnung, in der verkrustete Urteile sich auflösen können, das Leben wieder neue Energie entwickeln kann, weil Neues zutage treten kann.
Zuhören ist kein passiver Vorgang, sondern ein kreativer Prozess, bei dem ich nicht schon vorher weiß, was der andere mir sagen will.
Zuhören ist, auf Entdeckungsreise zu gehen, bei der das Herz wieder zu schlagen beginnt!
Zur Autorin: Reinhild Brass hat das Instituts für Audiopädie in Witten gegründet und einen HörRaum entwickelt.
http://hoerraum.wittenannen.net/index.html
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