Aktuelle Nachrichten – Welt
27.11.2008
Bombay – Das Terrordrama von Bombay ist in seinen zweiten Tag gegangen. Mehr als 24 Stunden nach Beginn des Angriffs an zehn verschiedenen Orten der indischen Metropole waren nach Polizeiangaben noch zahlreiche Geiseln in der Gewalt der Extremisten. Bei den Anschlägen und Schießereien kamen mindestens 119 Menschen ums Leben, unter ihnen auch ein Deutscher und vier weitere Ausländer. 288 Menschen wurden verletzt.
Schwarz gekleidete Kommandotruppen stürmten am Donnerstag zwei Luxushotels der Finanzmetropole, konnten zunächst aber noch nicht alle Terroristen überwältigen. In zwei Hotels sowie einem jüdischen Gemeindezentrum hielten sich am Abend noch zehn bis zwölf Täter mit Geiseln verschanzt. Die übrigen Angreifer wurden nach Militärangaben erschossen oder gefangen genommen.
Im Fünf-Sterne-Hotel Taj Mahal Palace konnten sich einige Geiseln selbst befreien, andere wurden von der Polizei gerettet. Allerdings wurden auch mehrere Leichen aus dem Gebäude getragen. Aus den oberen Stockwerken schlugen am Donnerstag erneut Flammen, nachdem das Gebäude bereits am Mittwochabend in Brand geraten war.
Nach Einbruch der Dämmerung führten Soldaten mehrere Dutzend Gefangene aus dem Hotel Oberoi heraus. Einer der Befreiten sagte, er habe in dem Hotel viele Tote gesehen. Nach Angaben des Innenministeriums des Unionsstaates Maharashtra wurden 45 Geiseln aus dem Oberoi befreit, 35 waren am Donnerstag noch in der Gewalt der Extremisten. Unter ihnen waren Amerikaner, Briten, Italiener, Spanier, Schweden, Kanadier, Jemeniten, Israelis und Türken.
„Die Sicherheit der eingeschlossenen Menschen ist sehr wichtig“, sagte Polizeioffizier A.N. Roy. Daher dauere der Einsatz seine Zeit, werde aber erfolgreich abgeschlossen. Die Soldaten gingen von Zimmer zu Zimmer.
Das 1903 erbaute Taj Mahal gilt als eines der Wahrzeichen von Bombay. Die Angreifer, gekleidet in schwarze Hemden und Jeans, stürmten das Hotel am Mittwoch gegen 21.45 Uhr Ortszeit (17.15 Uhr MEZ) und begannen wahllos auf Gäste und Angestellte zu schießen.
Augenzeugen zufolge suchten die Angreifer gezielt Briten und Amerikaner. Im Taj Mahal hätten sie gerufen: „Wer hat amerikanische oder britische Pässe?“ sagte der Brite Ashok Patel. Dort wohnte auch eine europäische Parlamentariergruppe, die sich retten konnte. Bei dem toten Deutschen handelt es um den Münchner Medienunternehmer Ralph Burkel, wie sein Geschäftspartner Ralph Piller mitteilte. Er habe versucht, sich aus dem Taj Mahal zu retten und sei dabei zu Tode gestürzt.
Ein weiteres Angriffsziel war die Zentrale der jüdisch-orthodoxen Organisation Chabad Lubavitch. Zum Zeitpunkt des Überfalls hielten sich nach Angaben der Organisation acht Israelis in dem Haus auf, unter ihnen der Rabbiner Gavriel Noach Holtzberg mit seiner Frau.
Eine bislang unbekannte Gruppe namens Deccan Mujahideen bekannte sich in E-Mails an indische Medien zu der Anschlagsserie. Aus britischen Geheimdienstkreisen verlautete, die Art der Anschläge erinnere an die Al Kaida. Allerdings seien die Angriffe wohl kaum von der Führung des Terrornetzwerks in Auftrag gegeben worden.
Bombay, das in Indien offiziell Mumbai heißt, ist wiederholt Schauplatz von Terrorakten gewesen, für die meist islamische Extremisten verantwortlich gemacht wurden. Bei einer Serie von Bombenexplosionen im Juli 2006 kamen 187 Menschen ums Leben. Seit Mai hat sich eine Gruppe namens Indian Mujahideen zu mehreren Anschlägen bekannt, bei denen mehr als 130 Menschen getötet wurden.
Die Anschlagswelle wurde weltweit scharf verurteilt. Bundeskanzlerin Angela Merkel bot der indischen Regierung Hilfe bei der Bewältigung der Anschläge an. US-Präsident George W. Bush sprach nach Angaben des Weißen Hauses dem indischen Ministerpräsidenten Manmohan Singh sein Beileid aus. Der russische Präsident Dmitri Medwedew erklärte, die Terroristen hätten der gesamten Menschheit geschadet. Papst Benedikt XVI. sprach den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus und forderte ein Ende aller terroristischen Anschläge.
Als Konsequenz aus den Anschlägen strich die Lufthansa am Donnerstag ihre beiden Verbindungen nach Bombay. Wie das Unternehmen mitteilte, wurden die Flüge von Frankfurt und München annulliert. (AP)