Aktuelle Nachrichten – Kultur
26.07.2011
Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath
Das Wunder ist ein Schlüsselwort in Wagners Tannhäuser. An exakt zwanzig Stellen wird in dem Minnesängerepos vom „Wunder“ gesungen und dieser Wunderbegriff ist weit. Er umfasst alles, vom Wunder der sinnlichen Liebe bis zum weltumspannend göttlichen Wirken. „Allmächt’ger, dir sei Preis! Hehr sind die Wunder deiner Gnade“, entfährt es dem Ritter, als er, den lusthungrigen Armen der Liebesgöttin Venus noch einmal entronnen, in die Menschenwelt zurückkehrt. Und als er, der wankelmütige Spötter, dann von Elisabeth, dem Sinnbild der verantwortungsvollen Frau, die eigentlich seine große Liebe ist, später gefragt wird, was ihn zurück geführt habe, antwortet er: „Ein Wunder war’s, ein unbegreiflich hohes Wunder!“
Tannhäuser im 21. Jahrhundert könnte ein Drama sein über die unterschiedlichen Erwartungen, die Männer und Frauen aneinander haben. Im Sängerwettstreit werden verschiedene Entwürfe von Männlichkeit gezeigt, die alle Ritterlichkeit und Verantwortungsbereitschaft zum Thema haben. Da manövriert sich Tannhäuser, der Triebhaftigkeit über alles stellt und damit die Basis zivilisierten Zusammenlebens unterminiert, natürlich als „Sünder“ ins Abseits.
Ein ewig menschlicher Konflikt
Regisseur Baumgarten antwortete auf diese Tannhäuser-Problematik marxistisch-freudianisch: Die Religion als gesellschaftlicher Überbau, der verlangt, dass Es (in diesem Fall alles Fleischliche und Emotionale) unterdrückt wird. Alkohol ist die Droge, die’s möglich macht und seine Bühnengesellschaft stabilisiert. Und so wird ein riesiger roter Tank mit der Aufschrift „Alkoholator“ zum Container der Verheißung und die Trompeten blasen zum kollektiven Besäufnis. Deshalb begrüßt also der Chor die edle Halle so freudig.
Der Venusberg ist ein Käfig mit einer überdimensionalen roten Fleischlandschaft, in dem sich tierisch gebärdende, haarige Steinzeitwesen und Haifisch-Embryonen tummeln, die zu Wagners orgiastischem Klangrausch lustig auf und ab hüpfen. Bei Bedarf werden sie per Hubpodium in den Keller versenkt, da wo sie katholisch-korrekt hingehören. Venus ist ihre schwangere Gebieterin im Glitzerkleid. Im Schlussbild hat sie dann ihr Baby, begleitet von monumentaler Videoprojektion (Christopher Kondek).
Das Wunder der Erlösung bei Wagner wird bei Baumgarten mit dem Wunder des Lebens und der Fortpflanzung als Happy End in Einklang gebracht. Doch zuvor wird der Zuschauer Zeuge allerlei bizarrer Szenen. So schubst ausgerechnet Wolfram Elisabeth in den Biogastank, auf dass sie als Frau und Opfer des Systems ihr seliges Ende finde ...
In der Eventfalle
Wunder allerorten. Wenn schon in Wagners Tannhäuser nichts Normalität ist, dann darf es auf Baumgartens Bühne auch nichts Normales geben. Ein Experiment, das konsequent durchgeführt wird. Die Kostüme von Nina von Mechow sind bunt, elegant, rockig oder trashig und weder zeitlich noch stilistisch einzuordnen. Von Anfang an wird auf den Vorhang verzichtet und die Maschinenlandschaft bekommt enorme Aufmerksamkeit. Fünfzig Zuschauer sitzen erstmals auf der Bühne und können die Innenseite des Orchestergrabens sehen. Im Tannhäuser wird zwar empfohlen, Geheimnisse zu hüten, Bayreuth gibt jedoch an diesem Abend alle Geheimnisse preis und dies ist das Erfolgsrezept: „Baumgartens Tannhäuser“ ist eigentlich ein Event. Auch in den Pausen ist das Haus geöffnet und die letzten Geheimnisse, etwa was sich Joep van Lieshout bei seinem Biogas-Bühnenbild dachte, werden per Film gelüftet.
Dass Baumgartens Regie mit ihren trivialen Gesten und inhaltlichen Verdrehungen eine totale Persiflage des Werkes darstellt, dessen Personen und Textaussagen sie ständig ins Lächerliche zieht, wurde als notwendiges Übel in Kauf genommen. Das Premierenpublikum machte gute Miene und erhob erst beim Schlussapplaus einen ernstzunehmenden Buh-Chor, der allerdings mehr erschöpft als empört klang.
Der Glanz kam aus dem Graben
Ein Wunder gab es dennoch. Dirigent Thomas Hengelbrock, bekannt als Erforscher des Originalklangs, entzauberte dem Festspielorchester Unglaubliches, mit einer Natürlichkeit und Frische, die Wagner in die Nähe von Mendelssohn rückte. Wie er das Orchester zu diesem lupenreinen Klang, in dem jede einzelne Stimme hörbar war, auch gedrillt haben muss – es war kein gewohntes Wogen und Rauschen, nein, eher ein Rollen wie in einem perfekten Kugellager und doch wie von einem pulsierendem Herzschlag getrieben, poetisch und inspiriert in seinen stillen Momenten. Und auch die Schweigepausen, die er immer wieder, besonders in den Dialogen setzte, waren mit knisternder Spannung gefüllt.
Die Solostimmen des Orchesters blühten auf wie Blumen auf einer Frühlingswiese. Auch schaffte Hengelbrock die Überblendungen der sakralen Pilgermusik mit den Venusbergmotiven, ohne sein zügiges Tempo zu verlieren. Über die gesamte Spiellänge boten er und das Orchester ständige Überraschungen, unerwartete dynamische Wendungen und ein fantastisches Zusammenspiel mit den Sängern, die auf die Feinfühligkeit des Dirigenten mit wunderbaren Pianissimos und edler Gestaltung einstiegen. Besonders Camilla Nylund mit ihrem lyrisch-silbernen Sopran konnte dadurch als Elisabeth Zartheit und Feuer entfalten, während Michael Nagy als Wolfram seine Sensibilität und Kultiviertheit unter Beweis stellen konnte.
Der Chorszenen wurden zu Gedichten. Hengelbrocks Pilger büßten im Pianissimo und akzentuiertem Andante ihre Schuld, ohne darin musikalisch zu erstarren. Keine deutschen Depressionen (die dafür kurioserweise szenisch gepflegt wurden), dafür Geradlinigkeit und Ehrlichkeit. Ein wunderbar hoffnungsvoller Klang.
Solisten mit Qualitätsunterschieden
Einen riesigen und verdienten Erfolg feierte Günther Groissböck als Landgraf Hermann. Ein junger Bass, doch von sonorer Reife. Ebenso kompromisslose Klangschönheit boten Michael Nagy als Wolfram, Lothar Odinius als Walther von der Vogelweide sowie Katja Stuber als junger Hirte.
Etwas schade: Tannhäuser Lars Cleveman, eigentlich ein heller, energiegeladener Tenor, stemmte sich mit enger Höhe durch seinen Part und kämpfte um Textverständlichkeit. Dass er sich durch Streichung um Tannhäusers essentielle Rufe „Erbarm Dich mein!“ gedrückt hatte, brachte ihm, trotz seines leidenschaftlichen Spiels nur Höflichkeitsapplaus. Die Venus von Stephanie Friede hatte zwar das dramatische Kaliber, um als dominante Urmutter aufzutrumpfen, wirkte aber mit Riesenvibrato und Intonationsschwierigkeiten vor dem makellosen Rest des Ensembles wie eine Fehlbesetzung.
Maximalen Applaus erhielten der Festspielchor und sein Leiter Eberhard Friedrich, sowie das unbeschreibliche Orchester. Hengelbrocks Enschlackungskur für die Ohren blieb jedoch vom Premierenpublikum weitgehend unverstanden. Diese Buhs wollten vermutlich sagen: „Wir wollen lieber Thielemann!“
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