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Frankfurt/Main - Sardinen in der Ostsee, Ochsenfrösche am Oberrhein und Papageien in Wiesbaden. Worüber Politiker streiten, ist für Botaniker und Zoologen längst bewiesen: Deutschland ist ein Einwanderungsland. «Rund 1.500 ursprünglich fremde Tierarten sind derzeit fest in Deutschland angesiedelt», sagt Ragnar Kinzelbach vom Institut für Biodiversitätsforschung der Universität Rostock.
Solche eingewanderten Tierarten nennt der Fachmann Neozoen. Bei Pflanzen ist von Neophyten die Rede. Beide reisen in den meisten Fällen mit dem Menschen um die Welt. Das Jahr 1492 markiert deshalb einen Wandel in der Invasionsbiologie, der Wissenschaft der Neozoen und Neophyten. Seit der Entdeckung Amerikas und dem daraufhin ansteigenden Welthandel verbreitet der Mensch nämlich auch verstärkt Tiere und Pflanzen über den Globus - teils gewollt, teils per Zufall.
Und dieser globale Viecherverkehr ist nicht immer ganz unproblematisch. Als zum Beispiel im 19. Jahrhundert die Reblaus aus Amerika eingeschleppt wurde und ganze Ernten vernichtete, mussten Winzer in Europa reagieren. «Heute sind deshalb praktisch alle europäische Weine auf reblausresistente, amerikanische Wurzeln aufgepfropft», erklärt Kinzelbach. Ein bekannter Globetrotter aus Amerika ist auch der Kartoffelkäfer. Der stammt ursprünglich aus Colorado und hat in der Vergangenheit immer wieder Kartoffelernten vernichtet. Die Nationalsozialisten und die DDR-Führung bezeichneten den kleinen Kerl deswegen sogar propagandistisch als amerikanischen «Saboteur».
Aber auch neue Pflanzenarten in Deutschland sind nicht immer willkommen. Mancher Neuankömmling sorgt gar für echte Aufregung. Jüngstes Beispiel: das Beifußblättrige Traubenkraut, auch Ambrosia genannt. Dieses ebenfalls nordamerikanische Kraut bereitet vor allem hiesigen Allergologen Sorgen. Laut Deutschem Allergie- und Asthmabund gehört Ambrosia zu den weltweit wichtigsten Allergieauslösern. In den USA sei etwa jeder Zehnte gegen Ambrosia allergisch. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift «Allergie konkret» heißt es, in Wien sei der Anteil der Ambrosiaallergiker in fünf Jahren von 18 auf 37 Prozent gestiegen.
Wie Uwe Starfinger, Pflanzenexperte von der TU Berlin, erklärt, liegt die Gefährlichkeit der Ambrosia darin, dass sie neben heftigen Allergien auch Asthma verursachen kann. Laut dem Pflanzenexperten verbreitet sich das üble Kraut durch verunreinigtes Vogelfutter aus Ungarn oder Frankreich. «Deshalb hat es Ambrosia schon länger vereinzelt hier gegeben. Jetzt begünstigt aber vor allem der warme Herbst die Fortpflanzung der Ambrosia», sagt Starfinger. Hier komme also auch der Klimawandel ins Spiel.
Trotz der berechtigten Sorgen von Bauern und Allergikern, raten Wissenschaftler einhellig zur Besonnenheit. Wenn von Schäden die Rede sei, sagt Biologe Kinzelbach, sei zu unterscheiden zwischen wirtschaftlichen, ökologischen und psychosozialen Schäden. Wirtschaftliche Schäden seien messbar, wie bei der Reblaus. Und wie im Fall von Reblaus und Kartoffelkäfer könne sich die Landwirtschaft darauf einstellen. Psychosoziale Schäden nennt der Biologe die Aufregung, wenn von neu einwanderden Arten berichtet wird. Die oftmals hitzigen Reaktionen auf neue Arten sieht der Experte eher kritisch.
«Die oft beschworenen ökologischen Schäden gibt es gar nicht», sagt Kinzelbach. «Ökosysteme verändern sich ständig», erklärt der Zoologe. «Nur in sensiblen Ökosystemen, wie beispielsweise auf Inseln, können Neozoen wirklich bedrohlich werden», sagt Kinzelbach. Ein extremes Beispiel hierfür ist die vermutlich während des Zweiten Weltkriegs auf Guam eingeschleppte Braune Nachtbaumnatter. Die habe mittlerweile fast die gesamte Vogelpopulation auf der kleinen Pazifikinsel ausgerottet.
Solche Folgen sind in Europa aber höchst unwahrscheinlich. Laut Kinzelbach liegt nämlich gerade in der ständigen Einwanderung ein Vorteil Europas. «Durch den Druck immer neuer Arten findet hier eine natürliche Selektion statt», sagt Kinzelbach. Mit dem Ergebnis, dass unser Ökosystem mit Neu-Einwanderern gut umgehen kann, und eher unsere «Auswanderer» anderswo gefährlich werden könnten.
Deshalb hält Kinzelbach Versuche, fremde Arten aus Deutschland fern zu halten nicht für sinnvoll. «Ohnehin sind solche Versuche hoffnungslos», sagt der Biologe. Viel wichtiger sei es, fachmännisch zu beobachten, welche Tiere und Pflanzen sich hier tatsächlich ansiedeln. Aktiv werden solle man dann, wenn eine Spezies wirklich Probleme bereite. Einen Eindruck von dieser Gefahr vermittele die so genannte Zehnerregel, wie Moritz von der Lippe von der Technischen Universität Berlin erklärt. «Von 1.000 eingeschleppten Arten können nur 100 hier überhaupt überleben. Davon können sich nur zehn fortpflanzen und ausbreiten, von denen wiederum nur eine einzige Art so konkurrenzfähig ist, dass sie Probleme verursachen könnte.»
(AP)
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