Chinas Kultur – Totgeschwiegene kommen zu Wort – Susanne Gabriel
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Der regimekritische Liao Yiwu Totgeschwiegene kommen zu Wort

Susanne Gabriel

07.10.2009

Die chinesische Führung verbot Liao, rechts im Bild, im September die Reise nach Deutschland; er sollte am 10. Oktober in Berlin an einer Diskussion teilnehmen. (AP Photo/Eugene Hoshiko, File)
Die chinesische Führung verbot Liao, rechts im Bild, im September die Reise nach Deutschland; er sollte am 10. Oktober in Berlin an einer Diskussion teilnehmen. (AP Photo/Eugene Hoshiko, File)

Frankfurt/Main – Nein, sympathisch sind keineswegs alle, die in dem Buch des chinesischen Autors Liao Yiwu zu Wort kommen. Zum Beispiel der Menschenhändler: Von „Waren mit gutem Feuchtigkeitsgehalt“ spricht er und zitiert zynisch das Sprichwort: „Wen man nicht knebelt, aus dem wird kein Paar.“ Oder „Fräulein Hallo“, die Liao in einer Kneipe aufgabelt und deren Geschichte seinem Buch den Titel gegeben hat. Ihre Kindheit verbrachte sie überwiegend vor dem Fernseher, mit 15 riss sie zu Hause aus, und nun verdient sie ihr Geld mit Gelegenheitsprostitution.

29 Gespräche mit Menschen aus der chinesischen Unterschicht enthält der Band, dessen Veröffentlichung mit größten Schwierigkeiten verbunden war. Der regimekritische Liao steht in China seit vielen Jahren auf der schwarzen Liste, und als ein Verlag 2001 einen Teil der von ihm niedergeschriebenen Interviews als Buch herausgab, wurde dieses verboten und der Verleger bestraft.

Ein Jahr später wurde das Manuskript außer Landes geschmuggelt, ein Verlag in Taiwan veröffentlichte das Buch. 2008 erschien eine englischsprachige Ausgabe in den USA. Auf deren Grundlage wurde der jetzt pünktlich zur Buchmesse auf Deutsch erschienene Band zusammengestellt, allerdings blieben die Interviews ungekürzt.

Liao hat die Gespräche zum Teil bereits in den 90er Jahren geführt – in Gefängnissen, Nachtclubs, Teestuben oder auf der Straße. Manche Interviewpartner wurden ihm von Bekannten vermittelt – wie der alte Großgrundbesitzer: Dieser erzählt eindrucksvoll, wie er, der kleine Bauer, nach der Agrarreform in den 50er Jahren als eine Art Feudalist abgestempelt wurde. Wegen des „schlechten Klassenhintergrundes“ durften seine Kinder und Enkel nicht zur Armee. Nun wartet der alte Mann sehnsüchtig auf den Tod, sein Sarg steht schon bereit.

Der 1958 in der Provinz Sichuan geborene Liao hat bei den Gesprächen weniger die Rolle eines Journalisten inne als die eines zum Teil verständnisvollen, zum Teil provozierenden Stichwortgebers. Seine Meinung flicht er ein, tut dies aber unaufdringlich. So lässt Liao, dessen Vater während der chinesischen Kulturrevolution (1966 bis 1976) als Konterrevolutionär gebrandmarkt wurde, den Klomann unkommentiert von eben dieser Zeit schwärmen: „Alles in allem waren der Vorsitzende Mao und die Kommunistische Partei voller Milde, sie haben die Literaten nicht umgebracht.“

Liao wurde Reise nach Deutschland untersagt

Die chinesische Führung verbot Liao im September die Reise nach Deutschland; er sollte am 10. Oktober in Berlin an einer Diskussion teilnehmen. Es sei das zwölfte Mal, dass ein Antrag auf Reiseerlaubnis abgelehnt worden sei, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. „Ich war noch nie im Ausland.“ Sogar Peking scheint für ihn manchmal unerreichbar zu sein: Als er dort 2007 einen Preis des unabhängigen chinesischen PEN-Zentrums entgegennehmen wollte, wurde er vorher festgenommen.

Liao wuchs während der großen Hungersnot in China auf. Später schlug er sich als Tagelöhner, Koch und Lkw-Fahrer durch; zugleich machte er sich als Dichter einen Namen. Unter dem Eindruck der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung verfasste er 1989 das Gedicht „Massaker“. Dafür saß er von 1990 bis 1994 im Gefängnis, wurde gefoltert, versuchte zwei Mal, sich das Leben zu nehmen. Nach seiner Haftentlassung nahm er, immer wieder schikaniert durch chinesische Behörden, verschiedene Gelegenheitsjobs an.

Dabei führte er viele der Gespräche, die jetzt in dem Buch veröffentlicht wurden. Es überrascht nicht, dass die Interviews den Funktionären nicht gefallen. Denn dort kommen jene zu Wort, deren Existenz im offiziellen China gern verschwiegen wird: Prostituierte, Behinderte, Homosexuelle und natürlich auch Opfer des Systems.

Aufgeben will Liao nicht. Er danke seinen vier Lehrmeistern, erklärte er 2007 ironisch in seiner „ungehaltenen“ PEN-Preis-Dankesrede – dem Hunger, der Schande, der Obdachlosigkeit und dem Gefängnis. „Meine einzige Wahl ist es zu schreiben. Ein Leben ohne Schreiben ist eines voller Leere, und Langeweile, ohne Halt und Erinnerung... Schreiben ist meine Bestimmung; eine unsichtbare Kraft treibt mich vorwärts, ich kann nicht aufhören.“

(Liao Yiwu: „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser. Chinas Gesellschaft von unten“, S. Fischer, ISBN 978-3-100-44812-5, 539 Seiten, 22,95 Euro) (AP)

 

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