Die Oberlehrerin in Rente, Maria Wörner, starb am Allerheiligentag kurz vor ihrem 92. Geburtstag. Generationen von Schulkindern hatte sie an der Villinger Mädchenschule unterrichtet. Ihr Nachruf, der zunächst im Konstanzer „Südkurier“ erschien, steht jetzt im Internet, wo man der Familie auch kondolieren kann. So wie Frau Wörner sollen künftig Verstorbene aus der gesamten Republik gewürdigt werden können: Unter trauer.de haben die Großverlage Holtzbrinck, Ippen sowie die Essener WAZ-Gruppe ein Internetportal eingerichtet, das Sterbeanzeigen, Nachrufe und Rat rund ums Thema Tod und Trauer aus zahlreichen Printzeitungen bündeln soll.
Zum Volkstrauertag an diesem Sonntag geht trauer.de offiziell an den Start. Man kann dort etwa nach Gestorbenen per Postleitzahl suchen, selber Nachrufe schreiben oder sich Tipps zum Kondolieren per Mail ansehen. Das überkonfessionelle Portal bietet nach den Worten des Verlegers Dirk Ippen mannigfaltig Lesestoff für Hinterbliebene. Zwar veröffentlichten auch deutsche Zeitungen seit Jahren Traueranzeigen im Netz, ein großes unabhängiges Portal habe aber bislang gefehlt, meint der Verleger, dem neben „Münchner Merkur“ und „tz“ bundesweit mehr als 20 Zeitungen gehören.
Trauer.de ist eine Tochter der von Ippen, Holtzbrinck und WAZ 2003 gegründeten Internetfirma ISA GmbH, die auch Rubrikenanzeigenportale wie stellenanzeigen.de oder immowelt.de betreibt. Mittlerweile gehören der ISA nach eigenen Angaben bundesweit 44 Verlage mit 109 Zeitungstiteln an. Allmählich, verspricht Portalmanager Michael Buchheit, sollen Anzeigen aus zahlreichen Blättern auf der Site zu finden sein. Als Kunden sollten vor allem die Anzeigenaufgeber im Print-Bereich gewonnen werden, man sei aber auch offen für reine Online-Einträge.
Sterbeanzeigen sind traditionell in deutschen Zeitungen eine bedeutende Größe: Nicht nur signalisiert der eingenommene Raum die vermeintliche Wichtigkeit der Gestorbenen, sondern gehören die Seiten zu den meistgelesenen. „Vor allem ältere und weibliche Leser habe ein ausgesprochen reges Interesse an Geburten und Todesfällen“, sagt der Leipziger Journalistik-Professor Michael Haller.
Zudem sind die Anzeigen für die Blätter mehr als nur eine erkleckliche Einnahmequelle. Mit ihrer kontinuierlichen Veröffentlichung signalisieren gerade Regionalzeitungen ihre Bedeutung: „Das ist ganz entscheidend für die Leser-Blatt-Bindung, die ökonomisch ein wichtiger Faktor ist“, sagt Haller. Die Zeitung weise sich dadurch als primäres Informationsmedium für viele Menschen aus. „Für viele Zeitungen sind Todesanzeigen ein Anker der Legitimation als Platzhirsch am Markt“, sagt auch Buchheit. Allerdings könnten diese Anzeigen künftig ins Internet abwandern, wie schon zuvor Auto- und Stellenanzeigen.
Ippen betont daher, dass mit trauer.de Geld verdient werden soll. Umsonst sei ein solches Portal nicht zu halten. Wie das aber konkret gehen soll, sei noch offen: Man habe noch nicht festgelegt, welche kommerzielle Optionen man verfolgen wolle, erklärt er. Zunächst wolle man Anzeigenschaltungen gewerblicher Anbieter forcieren.
Dass die Vermarktung von Todesanzeigen im Internet nicht ganz einfach ist, davon kann Ralf Michalowsky ein Lied singen, der seit Jahren die Site tod-und-trauer.de betreibt. Auch hier sind Informationen rund ums Sterben zusammengetragen – vom Steinmetz über Ämter, Behörden und Kirchen bis zum freien Grabredner. Seine anfängliche Hoffnungen auf Erfolg wurden aber enttäuscht: „Wirtschaftlich rechnet sich so was nicht“, meint der EDV-Experte aus Gladbeck. Vor allem die potenziellen Werbekunden der Bestattungsbranche seien „sehr Internet-fern“ und hätten kaum Interesse, klagt er.
ISA-Manager Buchheit berichtet dagegen von positiven Kontakten: „Wir sind sehr erfreut, dass die Bestatter das Internet ähnlich ernst nehmen wie andere“, sagt er. Das sei auch deshalb wichtig, weil Bestattungsunternehmen bislang für rund 60 Prozent der aufgegeben Print-Anzeigen verantwortlich seien. „Viele Hinterbliebene wollen oder können das gar nicht selber machen“, sagt Buchheit. Oft sei nur so der Kontakt zu der Trauergemeinde herzustellen.
Eine ganz wichtige Rolle bei trauer.de sollen prominente Todesfälle spielen: „Ohne Promis und Nachrufe wäre die Site wie ein Friedhof“, räumt Buchheit ein. Hier könnte die angelsächsische Tradition, wo Zeitungen eigene Nachruf-Redaktionen unterhalten, zum Vorbild werden. Man wolle das Interesse an internationalen Stars wie Philippe Noiret bis zu lokalen Größen wie einem Bürgermeister abdecken. Nötig ist laut Buchheit auch eine Art Volkstrauer im Netz, die nach spektakulären Unfällen wie auf der Transrapidstrecke im Emsland kollektives Gedenken ermöglicht.
Der Experte Haller ist da skeptisch: Zum Nutzerverhalten im Internet sei keine vernünftige Prognose möglich. Interessant sei die Site vor allem als Datenbank, aber zumindest für Prominenten-Nachrufe sei Wikipedia wohl mindestens gleichwertig.
http://www.trauer.de/
http://www.tod-und-trauer.de/
(AP)
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