Aktuelle Nachrichten – Europa
25.04.2011
Moskau – 25 Jahre nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl haben sich ehemalige Helfer über Vernachlässigung und Leistungskürzungen beschwert. Auch Umweltorganisationen warfen den damaligen Sowjetrepubliken Russland, Ukraine und Weißrussland zum Jahrestag des Reaktorunfalls am 26. April 1986 vor, die Bevölkerung nicht ausreichend vor den Langzeitwirkungen zu schützen.
Alle drei Länder haben über die letzten Jahre die Hilfsleistungen für erkrankte Arbeiter gekürzt, die damals in der verstrahlten Reaktorruine zu Aufräumungsarbeiten eingesetzt waren. Etliche Betroffene beklagten sich darüber am Montag direkt beim russischen Präsidenten Dmitri Medwedew, der ihnen bei einer Feierstunde in Moskau Auszeichnungen für ihren Einsatz überreichte.
So berichtete der Arbeiter Leonid Klezow, die Behörden in dem damals am stärksten belasteten russischen Bezirk Brjansk unterließen notwendige Reparaturen in der örtlichen Krebsklinik. "Das ist der einzige Erholungsort für uns", erklärte er dem Präsidenten. "Die Behörden haben versprochen, sie zu renovieren, aber diese Versprechungen sind Versprechungen geblieben."
Kürzlich hatten bereits 2.000 Tschernobyl-Veteranen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew gegen Kürzungen ihrer Leistungen und Renten protestiert, nachdem Präsident Viktor Janukowitsch erklärt hatte, angesichts der Finanzkrise könnten die früheren Zusagen nicht mehr erfüllt werden. Im weißrussischen Minsk wurde ein Protestmarsch durch die Stadt verboten und nur eine kleine Kundgebung zugelassen.
Janukowitsch und der russisch-orthodoxe Patriarch Kirill wollten am Abend in Kiew der Opfer von Tschernobyl im Gebet gedenken. Am morgigen Dienstag, dem eigentlichen Jahrestag, wurden sie ebenso wie Medwedew zu einem Besuch in Tschernobyl erwartet.
Nach der Explosion in dem Katastrophenmeiler zog im Frühjahr 1986 eine radioaktive Wolke über weite Teile Europas, deren strahlende Hinterlassenschaft in Gegenden Süddeutschlands noch heute in bestimmten Pilzen und in Wildschweinen zu finden ist. In der Ukraine, in Weißrussland und Russland wurden bis zu 150.000 Quadratkilometer Fläche verstrahlt. Hunderttausende Menschen wurden evakuiert. Unter den 600.000 am stärksten der Strahlung ausgesetzten Menschen rechnet die Weltgesundheitsorganisation mit 4.000 Krebstoten über dem Durchschnitt.
Nach Angaben der weißrussischen Regierung ist die radioaktive Belastung so weit zurückgegangen, dass fast 16.000 Hektar Felder inzwischen wieder bestellt werden können. "Wir haben dieses Land gerettet", sagte Präsident Alexander Lukaschenko bei einem Besuch einiger Bauernhöfe am Montag. Umweltschützer dagegen warnen, die Felder seien noch nicht unbedenklich und die dort angebauten Erzeugnisse gefährdeten die Gesundheit.
"Die Behörden vertuschen die Fakten. Kontaminierte Erzeugnisse gelangen direkt auf den Esstisch der Weißrussen", sagte die Leiterin der Umweltgruppe Ekodom, Irina Suchij. "Es gibt keine sauberen Böden - die Strahlung hat sich auf das ganze Land verbreitet." Der Grüne Wladimir Wolodin warf dem Staat vor, die Krankheitsstatistik der kontaminierten Gebiete geheim zu halten.
(dapd)
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