Menschen & Meinungen – Turgut Altug will Migranten für Umweltschutz gewinnen – Young-Sim Song
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Integrationsmedaille Turgut Altug will Migranten für Umweltschutz gewinnen

Young-Sim Song

01.12.2010

Die Fraktion der Grünen hatte Altug vorgeschlagen, weil dieser sich dafür einsetze, Zuwandererfamilien für umweltfreundliche Mobilität, Mülltrennung, nachhaltigen Energieverbrauch und gesunde Ernährungsgewohnheiten zu gewinnen. Foto: Sacha Schuermann/dapd Photo
Die Fraktion der Grünen hatte Altug vorgeschlagen, weil dieser sich dafür einsetze, Zuwandererfamilien für umweltfreundliche Mobilität, Mülltrennung, nachhaltigen Energieverbrauch und gesunde Ernährungsgewohnheiten zu gewinnen.

Foto: Sacha Schuermann/dapd Photo

Berlin – Der türkischstämmige Turgut Altug will Migranten in Deutschland für Natur und Umweltschutz begeistern. Dafür erhielt der Agrarwissenschaftler am Mittwoch eine von acht Integrationsmedaillen, die die Bundesintegrationsbeauftragte Maria Böhmer erstmals an Privatpersonen im Bundeskanzleramt in Berlin überreichte. Mit der Errichtung des Deutsch-Türkischen Umweltzentrums in Kreuzberg in Berlin nehme sich Altug dem Aufklärungsbedarf im Umwelt- und Naturbewusstsein unter Migranten an, hieß es zur Begründung.

Die Auszeichnung ist laut Bundesregierung als Anerkennung für Menschen gedacht, die sich in vorbildlicher Weise für Integration und "ein harmonisches gutes Zusammenleben in unserem Land" einsetzen – unabhängig ihrer Staatsangehörigkeit oder Herkunft. Vorgeschlagen wurden die acht Preisträger von den fünf Bundestagsfraktionen.

Die Fraktion der Grünen hatte Altug vorgeschlagen, weil dieser sich dafür einsetze, Zuwandererfamilien für umweltfreundliche Mobilität, Mülltrennung, nachhaltigen Energieverbrauch und gesunde Ernährungsgewohnheiten zu gewinnen. "Nicht nur, weil das der Umwelt gut tut, sondern auch, weil der Zugang zu Natur und Ökologie eine Frage der Teilhabe und Partizipation ist", schrieb die Fraktionsvorsitzende Renate Künast in dem Vorschlagsschreiben.

<>"Das ist auch mein Baum und mein Park"

Altug zeigte sich befriedigt über die Wertschätzung von so hoher Stelle. "Ich freue mich sehr, dass jetzt anerkannt wird, dass wir gute Arbeit leisten." Die klassischen Themenfelder der Integration wie Bildung, Gesundheit oder Soziales seien natürlich wichtig. "Aber wenn ein Migrant denkt 'das ist auch mein Baum und mein Park', dann ist schon viel erreicht", sagte der 45-Jährige im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dapd.

Er initiierte einen interkulturellen Garten auf dem Kinderbauernhof im Görlitzer Park, wo Familien verschiedener Kulturkreise zusammen gärtnern, Feste organisieren und Gartenführungen für Schulen organisieren. Das Türkisch-Deutsche Umweltzentrum veranstaltet auch Kochkurse für türkische Kinder, um ihnen den Zusammenhang von Klimaschutz und Nahrungsmitteln zu vermitteln.

Im April 2009 erschien zum ersten Mal die zweisprachige "MigrantInnenUmweltZeitschrift" . Sie erscheint viermal im Jahr und umfasst Berichte zu Umwelt- und Klimaschutz sowie Veranstaltungstipps, Rezepte und eine Kinderseite. MUZ bedeutet auf Türkisch "Banane". Das Zentrum bietet außerdem Umweltbildung in Schulen und Kindertagesstätten, NAZ-Kurse ("Natur als Zweitsprache") und ein klimafreundliches Frühstück für Migranten.

"Ich fühle mich wohl hier – das reicht mitzugestalten"

Naturliebhaber Altug wurde 1964 in Tarsus im Süden der Türkei geboren. Der Sohn eines Landarbeiters studierte Agrarwissenschaften in Izmir. 1989 war er im Rahmen eines Austauschprogramms zum ersten Mal in Deutschland. Zwei Monate absolvierte er ein Praktikum an der Universität in Gießen und auf einem Bauernhof.

Anfang der 90er-Jahre kam er abermals in die Bundesrepublik. Er studierte und forschte an der Universität Bonn in "Agrarwissenschaften und Ressourcenmanagement in den Tropen und Subtropen". Zu Forschungszwecken für seine Doktorarbeit lebte er zwischenzeitlich fast zwei Jahre mit indianischen Bauern in Bolivien in Südamerika.

Lange Zeit habe er in Deutschland trotz guter Abschlussnoten nach Arbeit gesucht, sagte Altug. Auf keinen Fall wollte er zu einem der großen Chemiekonzerne, die seiner Ansicht nach mit genmanipulierten Samen und nicht ökologisch arbeiteten. "Mein Anliegen war nicht, Karriere zu machen, sondern etwas an die Gesellschaft zurückzugeben."

Er machte zunächst eine Weiterbildung zum DAZ-Lehrer ("Deutsch als Zweitsprache"). "Dabei habe ich mir Deutsch und 'der, die das' selbst beigebracht", erinnerte sich Altug. 2003 kam er nach Berlin. Die Idee für das Umweltzentrum hatte er schon länger, aber Naturschutzverbände, an deren Tür er klopfte, konnte er nicht überzeugen.

Schließlich wurde er Lehrer für Integrationskurse im Türkisch-Deutschen Zentrum in Berlin. Altug konnte den Verein für sein Vorhaben gewinnen, und im Januar 2009 eröffnete das Umweltzentrum. Im Rahmen eines Bundesprogramms für Langzeitarbeitslose in schwach entwickelten Regionen konnte Altug elf Menschen in verschiedenen Projekten eine Stelle schaffen. "Es war das Wichtigste für mich, dass wir Langzeitarbeitslose weitergebildet haben, so dass sie nach Auslaufen des Programms im Umweltbereich tätig werden können", sagte Altug. Im Umweltzentrum seien derzeit je nach Projektlage fünf bis sechs feste und drei freie Mitarbeiter beschäftigt.

Die Integrationspolitik der Bundesregierung sieht er kritisch. "Wir brauchen eine Willkommenskultur in Deutschland", findet Altug. Für Migranten sei es schwer, hier Fuß zu fassen. Sich kategorisch einem Land oder einer Kultur zuzuordnen, davon halte er nichts, das sei altmodisch. "Berlin ist mein Zuhause, und ich fühle mich wohl hier", sagte er mit Blick auf die multikulturelle Stadt. Deren Entwicklung gestalte er gern mit.

dapd/

 

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