Top-Themen – Über die Freundschaft mit einem Rotkehlchen – Heike Soleinsky
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Buchrezension: Duette mit ihm Über die Freundschaft mit einem Rotkehlchen

Heike Soleinsky

03.06.2012

"Wollen wir singen?" In der wahren Geschichte "Duette mit ihm", fordert das Rotkehlchen den Menschen zum Singen heraus.  Foto: Peashooter/pixelio.de
"Wollen wir singen?" In der wahren Geschichte "Duette mit ihm", fordert das Rotkehlchen den Menschen zum Singen heraus.

Foto: Peashooter/Pixelio

 

„Wie war die Situation vom Vogel aus gesehen? Ich stelle mir vor, ich hätte mit gebrochenem Oberschenkel im Schnee gelegen und da wäre ein Riese gekommen, drei- bis viertausendmal schwerer als ich (ein Rotkehlchen wiegt ca. 16 Gramm!) und hätte mich mit seiner Riesenpfote angelangt ..."

Es war der 17. November 1957, als Alexandra Röhl das Rotkehlchen auflas. Heute mag vieles anders sein, doch sind die Gedanken und Emotionen, wenn ein Mensch sich erst für einen winzigen Schützlings verantwortlich fühlt, sicher gleich: „Sowie er ein bisschen eingenickt war, flammt das mörderische, elektrische Licht auf und dauernd machte ich, der Riese, vor ihm die unvernünftigsten Bewegungen, die ihn aufscheuchten ... Wie konnte man auf den Gedanken kommen, dass unter diesen Voraussetzungen das zarte, verletzte Tier mich als seinen Wohltäter betrachtete?" Was Alexandra Röhl alles tat, damit das Rotkehlchen überlebt und um ihm seine Genesung in der Gefangenschaft so erträglich wie möglich zu machen, beschrieb sie ausführlich in ihrem Buch  „Duette mit ihm - Über die Freundschaft mit einem Rotkehlchen".

Das Rotkehlchen flog frei im Zimmer herum. Irgendwann entdeckte es in einem Spiegel sein Ebenbild und sang es an. Als es vergeblich auf eine Antwort wartete, pfiff Röhl - im Pfeifen ungeübt - eine Melodie zurück. Sie kassierte von ihrem Rotkehlchen dafür nur einen traurigen Blick. Doch als sie auf seinen Gesang mit ihrem menschlichen Gesang antwortete, stutze das Rotkehlchen erst, „beugte den Kopf und begann sofort eine neue schmetternde Antwort". So übten sie ihr erstes Duett. Das Duett mit ihm war fortan „ein Gespräch in Tönen" und auch der - zunächst hauchdünne - Freundschaftsfaden zwischen dem Menschen und dem scheuen Rotkehlchen. Bald forderte das Rotkehlchen seine Zimmergenossin zum Singen heraus. Täglich wurde zusammen „geschwatzt" und gesungen, während Röhl an ihrer Nähmaschine arbeitete.

Was noch braucht ein Rotkehlchen zum Glücklichsein? Ein wenig las sie sich aus Büchern an, den Rest lernte die Schneiderin vom Rotkehlchen selbst - von seiner Reaktion. Doch: „Ich buhlte um seine Gunst und spürte doch nie die leiseste Erwiderung." Bis sie dem Rotkehlchen etwas recht machte, etwa einen Karton mit Sand hin- oder Mozart im Radio anstellen: „Das war etwas für ihn! Er rückte aufgeregt dem Radio immer näher und bald hatte er seinen Gesangplatz aufs Radio verlegt." Einmal „tobte ein Jazz heraus. Im selben Augenblick war mein Vogel unter dem Bett, dem Zufluchtsort, wenn er sich fürchtete."

Das Lied, das aus der Kehle dringt, ist Lohn, der reichlich lohnet. (Johann Wolfgang von Goethe)

Wenn das Rotkehlchen Lust auf Radiobegleitung hatte, flog es davor und sang es an. Wenn das Schüsselchen leer war, setzte es sich drauf und sang. „Wenn der Ofen kalt war, flog er ganz dicht vor die Ofentür und sang sie an. Und welch ein Jauchzer kam, wenn ich darauf reagierte!"

Nach einem halben Jahr stand das Rotkehlchen auf seinem zuvor gebrochenen Bein. Röhl ließ ihren genesenen Gesangspartner hinaus und hörte mit nassen Augen wenig später den glückseligsten Jubelgesang von ihrem Rotkehlchen im Sonnenbusch. Es kehrte nie ins Zimmer zurück.

Rotkehlchen frei, Duette mit ihm vorbei? Damit hatte die Autorin gerechnet. Doch bald geht es weiter: „Es gab keinen Morgen, an dem ich nicht von ihm erwartet wurde. Nicht immer am gleichen Platz, weil er ja zu tun hatte, aber wenn ich am Haus entlang ging, begrüßte mich mit Sicherheit ein kleines Tick-Tick. Ich antwortete zaghaft und schon war ich in ein langes Duette verknüpft."

Das Rotkehlchen sang nicht nur regelmäßig mit ihr: Es meckerte sie an, wenn sie bei der Gartenarbeit versehentlich seinem Nistplatz oder seiner Nahrungsgrundlage zu Leibe rückte. Oder das Rotkehlchen rief sie mit einem lang gezogenem Ziii herbei, wann immer etwas nicht in Ordnung war: „Ich renne hinter das Haus: Was ist denn los? Was ist dir denn passiert? Ich höre dicht neben ihm einen Eichelhäher krächzen, seinen Feind. Ich klatsche in die Hände. Der Eichelhäher fliegt weg. ‚Meiner' bleibt sitzen und jubelt mir zu." Gute Beziehungen sind das halbe Leben.

Wenn sie nicht gestorben wären, sängen sie noch heute. Das Buch kann auch von zarten Gemütern zu Ende gelesen werden, es endet nicht mit dem zu befürchtenden schmerzlichen Verlust.

Geht weg wie warme Semmeln: Das Buch "Duette mit ihm" erschien im Mai 2012 in der 18. Auflage. Erstmalig erschien der Titel 1968.
Geht weg wie warme Semmeln: Das Buch "Duette mit ihm" erschien im Mai 2012 in der 18. Auflage. Erstmalig erschien der Titel 1968.

Foto: Verlag Freies Geistleben

Info:

Alexandra Röhl:
Duette mit ihm
Über die Freundschaft mit einem Rotkehlchen
ISBN-13: 978-3-7725-0564-5
Erscheinungsjahr: 2012
Auflage: 18
Einband: Kartoniert
Seiten: 61
Verlag: Freies Geistesleben
Preis: 9,90 Euro

 

 

 

 

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