Aktuelle Nachrichten – Kultur
16.12.2010
Foto: Vandenhoeck & Ruprecht
Wer vier Jahrzehnte lang als Journalist die politischen und gesellschaftlichen Höhen und Tiefen in Nahost miterlebt hat, mag sich legitimiert sehen, ein Buch über den „Alltag im Heiligen Land“ zu verfassen. Dass dem Autor des unterhaltsam geschriebenen Werkes, Ulrich W. Sahm, zweifellos diese Legitimität zuzusprechen ist, wird bei der Lektüre schnell deutlich. Denn er präsentiert brisante Fakten und Zusammenhänge, wie sie nur aus dem Fundus eigener Erlebnisse und Erfahrungen geschöpft werden können.
So erweist sich der journalistische Ansatz, biografische Information mit der Zeitgeschichte des Nahostkonflikts in einen unmittelbaren Zusammenhang zu bringen, als ausgesprochen aussagekräftig und informativ. Besonders die Darstellung der familiären und beruflichen Situation in Jerusalem beim Raketenbeschuss aus dem Irak während des Golfkriegs im Jahr 1991 macht den Ernst der Lage deutlich, dem sich die Bevölkerung in ihrem Überlebenswillen trotzig entgegen stellte. So auch die Familie Sahm, deren Jüngste bei drohendem Gasangriff selbst unter der Gasmaske nicht auf ihren Schnuller verzichten mochte.
Den Angriffen von außen entsprechen die Terroranschläge im Inneren, denen Sahm ein ganzes Kapitel widmet. Deutlich wird die Ohnmacht, mit ansehen zu müssen, wie persönliche Bekannte rein zufällig Opfer von Terroranschlägen werden und nur deshalb zu Schaden kamen, weil sie sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhielten. So die dreizehn Jahre alte Tochter des Hausarztes, die unschuldig sterben musste, weil sich als Touristen verkleidete palästinensische Selbstmordattentäter in eine Mädchengruppe stellten und dort die Zündschnur zogen.
Besonders faszinierend sind die Beschreibungen der persönlichen Begegnungen mit Palästinenserführer Jassir Arafat, dem Sahm ein unbeschreibliches Charisma bescheinigt, „gleichgültig, ob man in ihm einen Volksbefreier und Friedensfürsten oder Terroristen und Massenmörder sieht“ (S. 116). Ein Fuchs war er allemal, der nichts dem Zufall überließ, um die von ihm beabsichtigte Wirkung zu erzielen.
Interessant und nachdenklich stimmend ist dabei der Hinweis darauf, „dass Arafat das palästinensische Volk aus dem Boden gestampft hat“. Denn seit dem britischen Mandat im Jahr 1920 wurden „alle in „Palästina“ lebenden Menschen, Juden wie Araber, „Palästinenser“ genannt“ (S. 99). Die heutigen „Palästinenser“ hingegen waren vor Arafat nach damaligem Sprachgebrauch lediglich „Araber“ oder „Syrer“.
Unglaublich wie Arafat – und dafür bleibt Sahm den Beweis nicht schuldig – während seines unfreiwilligen Rückzugs in die Mukata von Ramallah seine Gäste durch zwei unterschiedliche Empfangsbereiche manipulierte. Je nachdem, ob er sich bei ausländischen Besucher als bemitleidenswert oder vor seinen eigenen Leuten als verehrungswürdig präsentieren wollte.
Bemerkenswert auch die Methoden, mit denen die in weiten Teilen der Palästinenser geäußerte Freude über den Anschlag auf die beiden Türme des World Trade Centers in New York offiziell unter den Teppich gekehrt werden sollte. Aktuelle Filmaufnahmen dazu wurden fälschlicherweise auf den Golfkrieg von 1991 zurück datiert. Und am Beispiel eines Schweizer Radiojournalisten macht Sahm deutlich, wie selbst bei objektiver Berichterstattung arabische Drohanrufe diese zu verhindern suchten und der Sender mit E-Mails geradezu bombardiert wurde. Eine opportunistische Attacke auf die historische Wahrheit?
Voller Neugierde wartet der Leser schließlich auf Sahms Ausführungen zu Mauer und Zaun, die als Mittel der Abgrenzung weltweit Emotionen, ja Empörung hervorrufen. Niemand käme in diesem Zusammenhang darauf, „dass es ausgerechnet Palästinenser waren, die ab 1987 die Errichtung eines Zaunes oder gar einer Mauer gefordert haben, um die völlig verwischte Grenze zwischen dem Kernland Israels und den besetzten Gebieten wieder sichtbar zu machen“ (S. 73). Auf israelischer Seite hatte zunächst jedoch niemand Interesse an einem solchen Bauwerk.
Dass es trotzdem zustande kam, hat einen konkreten Anlass, bei dem zufällig der damalige Bundesaußenminister Joschka Fischer persönlich anwesend war. Dieser wird im Jahr 2000 von seinem Hotelzimmer in Tel Aviv aus Zeuge der Bergungsarbeiten im Anschluss an ein Selbstmordattentat mit vielen Todesopfern. „Die Tatsache, dass der Anschlag an einem jüdischen Sabbat mitten in Tel Aviv und nicht irgendwo in den besetzten Gebieten stattfand, verlieh ihm eine symbolische Bedeutung“, zitiert Sahm den deutschen Außenminister (S. 164).
So kommt das Zünden dieser Bombe durch einen palästinensischen Selbstmordattentäter auf israelischer Seite der Initialzündung einer Bewusstseinsveränderung gleich, in deren Folge der „Sperrwall“ und „Anti-Terrorzaun“ Gestalt annimmt. Für die andere Seite erinnert er demgegenüber an eine „Apartheidmauer“ und sogar an ein „Ghetto“, wie man mit großen Lettern an dem Jerusalemer Mauerabschnitt lesen kann.
Sahm beschreibt diese Zusammenhänge, wie sie sich ihm als Journalist aufgrund der Faktenlage darstellen. Dabei verzichtet er auf Wertungen in der Absicht, der Leser möge sich ein eigenes Bild machen. Und dennoch wird sein Buch polarisierend wirken, da es in weiten Teilen dem in Europa gängigen Klischee vom Täter und Opfer widerspricht.
Auch ist er weit davon entfernt, gut gemeinte Ratschläge zu erteilen, wie der alte Zwist am besten gleich morgen aus der Welt geschafft werden könnte. Dazu ist Sahm, der Sohn eines namhaften deutschen Diplomaten, zu sehr Realist, der bei der nahöstlichen Gemengelage an keine „Zauberlösungen“ (S. 240) glaubt.
Für ihn „ist heute nichts wirklich so, wie es zu sein scheint“. Und er sieht „keine lineare Entwicklung, sondern eher eine Folge von immer neuen Zerreißproben mit ungewissem Ausgang“ (S. 240). Und dennoch will er nicht ausschließen, dass „jeder mit kleinen Schritten und winzigen Gesten ganze Berge versetzen (kann)“ (S. 240).
Gerade wegen seines Verzichts auf ideologische Vorgaben ist es ein erfrischendes, in jedem Fall lesenswertes Buch. Es ist daher nicht nur deutschsprachigen Lesern zu empfehlen, sondern darüber hinaus auch den unmittelbar am Nahostkonflikt beteiligten Parteien.
Ulrich W. Sahm, „Alltag im Gelobten Land“, Göttingen 2010, Vandenhoeck & Ruprecht, ISBN 978-3-525-58014-1, EURO 19,90
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