Hat die Energiewende touristisches Potential?

Jeder kann ja seine Statistik so interpretieren wie er will, solange es sich schlüssig mit den Zahlen beweisen lässt. Deswegen gibt es ja den bekannten Satz: „Trau nur der Statistik, …

Jeder kann ja seine Statistik so interpretieren wie er will, solange es sich schlüssig mit den Zahlen beweisen lässt. Deswegen gibt es ja den bekannten Satz: „Trau nur der Statistik, die du selber erstellt (gefälscht) hast.“ Nun, ganz so hart ist es in diesem Fall wahrscheinlich nicht, aber es lässt sich schon erkennen, dass man sich dieses Ergebnis wünscht, auch um damit Marketing zu betreiben, das dann diesen Wunsch in Tatsachen umsetzen soll. Und falls es gelingt, ist die heutige Lesart der Statistik ja wahr geworden. Falls es anders kommt, werden es die „Umstände“ sein, die die geplanten Ergebnisse verhinderten. Irgendwie hört sich das fast nach den Prinzipien der alten „Planwirtschaft“ an: Wir veröffentlichen Ergebnisse – und ihr passt die Statistik an. Nun gut.

Also die Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) hat festgestellt, dass die Deutschen am liebsten im eigenen Land verreisen und dabei nun immer öfter unterwegs auf erneuerbare Energien treffen, weil diese ja als Windkraft-, Solar- und Biogasanlagen zu einem Teil des Landschaftsbildes geworden sind. Und an dieser Stelle schlussfolgert die AEE in ihrer neuesten Pressemitteilung wie folgt: „Dabei vertragen sich Energiewende und Tourismus augenscheinlich gut: In vielen Urlaubsregionen sind Erneuerbare Energien nicht nur zum Wirtschafts-, sondern auch zum Tourismusfaktor geworden. Während die Zahl der Erneuerbare-Energien-Anlagen stetig steigt, verzeichnet Deutschland gleichzeitig deutliche Zuwächse beim Inlandstourismus.“
Dazu gibt es dann ein wenig Statistik. Der Beitrag erneuerbarer Energien habe sich zum Bruttostromverbrauch 2012 in Deutschland auf fast 23 Prozent erhöht, nach 7,8 Prozent im Jahr 2002. Zugleich hätten die Bundesbürger im vergangenen Jahr 21,5 Millionen mehrtägige private Urlaubsreisen im eigenen Land unternommen, was rechnerisch 12 Prozent mehr waren als zehn Jahre zuvor.
Schlecht-Wetter-Notprogramm
Ganz verwegen erklärt Philipp Vohrer, Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare Energien: „Erneuerbare Energien bilden vielerorts ein attraktives Ausflugsziel für Fachbesucher oder auch für technisch und ökologisch interessierte Urlaubsgäste“. Da fragen wir ganz verwegen zurück, wer freiwillig bei gutem Wetter in seinem Urlaub eine Biogasanlage besichtigen wird, in der Nähe von großen, leistungsfähigen – und lauten – Windkraftanlagen spazieren geht oder die riesigen Felder von Solaranlagen begutachtet? Ist das realistisch? Eher ein Notprogramm für schlechtes Wetter, aber nicht kindertauglich.
Aber sicherlich hat der Tourismus-Sektor ein großes Potential in zweierlei Hinsicht: Durch innovative Technologie lässt sich hier viel Energie und viele Ressourcen einsparen und dieser Einspardruck führt zu „zukunftsträchtigen Investitionen“. Dieser zukunftsträchtige Investitionsbedarf bringt heute schon viele Entscheider in Kommunen und Regionen genau wie Private zum Schwitzen: Wie lässt sich mit möglichst geringen Mitteln ein Optimum an Tourismus-verträglicher Innovation mit möglichst hohem Einsparpotiential verwirklichen?
Am Beispiel Rügen will die AEE zeigen, dass es möglich ist. Rügen gehört zu einer der geförderten Bioenergie-Regionen in Deutschland, die beispielsweise für Klassenfahrten wirbt mit organisierten Führungen zu Wind- und Solarparks und Biogasanlagen. Auch GPS-gestützte Wanderungen zum Thema „Erneuerbare Energien“ seien geplant, so die Projektkoordinatorin Kim Hildebrandt. Den Flyer der Bioenergieregion Rügen erhält man HIER.
Auch Ulrichstein am Vogelsberg scheint es richtig zu machen, denn für die steigende Anzahl der Windkraft-Anlagen die von der Stadt selbst betrieben werden, gibt es gute Gründe in regionaler Wertschöpfung und Nachhaltigkeit, die dem willigen Touristen bei Führungen und auf dem nun zu weiterem Ausbau anstehende Windenergie-Lehrpfad reichlich angeboten werden. Aber ähnlich wie Rügen hat Ulrichstein auch sonst noch sehr viel zu bieten und regionale Verantwortung wird heute wieder geschätzt.
Ein weiteres gutes Beispiel für aktiv für Tourismus geplante Erneuerbare Energie ist der Ort Morbach im Hunsrück. Einst war der Ort nur bekannt für das wohl größte US-Munitionsdepot in Europa. Im Rahmen der Konversionsförderung hat Morbach sich für Zukunft entschieden und mit großem Erfolg eine Energielandschaft erstellt, die weithin bekannt ist und für Klassenfahrten und interessierte Gruppen genutzt wird. Die verschiedensten Techniken zur effizienten Solarstromgewinnung sind dort genauso zu finden in der Anwendung wie die Nutzung von Windkraft, Biogas und Holzpellets. Etliche Gewerbebetriebe haben sich inzwischen angesiedelt. „Seit 2003 haben wir über 40.000 Besucher aus mittlerweile 98 Ländern in der Energielandschaft begrüßen dürfen. Unser touristisches Angebot haben wir durch die Energielandschaft weiter aufgefächert“, berichtet Bürgermeister Andreas Hackethal.
Zukunftsweisende Ideen

Rügen, Ulrichstein und Morbach nutzen den Trend schon seit Jahren, das bestehende Informationsbedürfnis der Deutschen über Chancen und Möglichkeiten der erneuerbaren Energien für eine nachhaltige Tourismus-Entwicklung. Das ist eine strategische Glanzleistung einzelner Kommunen, die bereits im Vorfeld der Energiewende bereits stattgefunden hat und diesen Pionieren im Nachhinein Recht gibt und mit Erfolg belohnt.
Im Zusammenhang mit diesem anhaltenden Interesse an innovativer Energie-Technik ist es sicherlich richtig, den zur Zeit vergriffenen Baedeker-Reiseführer „Deutschland – Erneuerbare Energien entdecken“, neu aufzulegen. Vohrer, von der AEE, verspricht dazu dankenswerterweise in Zusammenarbeit mit dem MairDumont-Verlag an der Neuauflage des Baedekers mitzuwirken. Die Neuauflage soll einen weiteren Beweis erbringen, dass Erneuerbare Energien einen Gewinn für Deutschland darstellen – auch bei ‚weichen‘ Standortfaktoren wie der touristischen Attraktivität“, so Vohrer.