Nachrichten Deutschland – Und dann flogen die Steine – Holger Mehlig und Claus-Peter Tiemann
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Und dann flogen die Steine

Holger Mehlig und Claus-Peter Tiemann

02.06.2007

Rostock am Nachmittag. (Alle Fotos: AP Photo/Michael Probst)
Rostock am Nachmittag. (Alle Fotos: AP Photo/Michael Probst)

Rostock – Bis gegen 15.00 Uhr blieb die Demonstration friedlich – dann flogen die Steine. Auf der Straße „Am Strande“, praktisch schon am Ziel, regneten die Wurfgeschosse plötzlich auf die Sicherheitskräfte hernieder. In kurzer Zeit war die Straße übersät mit Steinen, Scherben, Holzknüppeln. Auslöser der Gewalt war laut Veranstalter ein einsamer Polizeiwagen, der auf dem Demonstrationsgelände geparkt gewesen sein soll und den Ärger einiger Fanatiker erregt haben soll.

Die Polizei stürmte mehrmals weit in die Menschenmenge hinein, schleppte einzelne Personen heraus, während der hintere Teil der Demonstration noch auf den Platz nachdrängte. Eine Polizeisprecherin berichtete von dutzenden Verletzten, auch Schwerverletzten, auf beiden Seiten. Am späten Nachmittag brannten die ersten Barrikaden. Die Gewalt sei von einer Gruppe militanter Autonomer ausgegangen, rund 2.000 insgesamt. Mit den Einsätzen wurde das Bild der Veranstaltung in kürzester Zeit völlig gedreht: Denn der größte Teil der Veranstaltung war friedlich.

In zwei Demonstrationszügen hatten sich die Globalisierungsgegner aufgereiht: Eine Hälfte am Bahnhof, die andere am Schutower Kreuz an der Autobahn. Bus um Bus spuckte dort Demonstranten aus. Aus Hamburg, Berlin, Neuss und anderen Städten waren sie in der Nacht aufgebrochen, Mitglieder von Attac, der Grünen, der Linkspartei/PDS, von Greenpeace, den Jusos, Öko-Bauern, AmnestyInternational, Atomkraftgegner, IG Metaller.

Aus London war Phil Thornhill gekommen: „Die USA verbünden sich gerade gegen den Klimaschutz mit Indien und China. Dagegen müssen wir etwas tun“, sagte er beim Flugblattverteilen. Ganz andere Motive trieben Kay Stenzel aus Bautzen nach Rostock: „Die G-8-Länder wollen den ärmeren Ländern ihren Willen aufzwingen“, sagte er und schwenkt seine rote Fahne. Um 03.00 Uhr war er mit seinen Freunden in einem Ford Transit aufgebrochen.

Vor den Krawallen regierten Fantasie und Musik

Im Demo-Zug regierte bis zu den Ausschreitungen Fantasie und Musik: Attac spielte in ihrem Block „Keine Macht für niemand“, den antiautoritären Klassiker. Im Block der Linkspartei wurde per Lautsprecher zu Solidarität aufgefordert und Amnesty International spielte in eine Transparent zur Flüchtlingsthematik mit dem Spruch „Zäune helfen nicht“ auf den Hochsicherheitszaun in Heiligendamm an.

Mit überlebensgroßen Puppen, die US-Präsident George W. Bush, Bundeskanzlerin Angela Merkel oder den britischen Premier Tony Blair abbilden, zogen die Demonstranten bei kühlen Temperaturen und grauem Himmel am Mittag von zwei verschiedenen Orten los. Sie forderten lautstark internationale Solidarität für die Armen. Trommelgruppen sorgten für ausgelassene Partystimmung.

Auf Transparenten forderten die verschiedenen Gruppen – mit dabei sind sowohl Gewerkschaften, kirchliche Gruppierungen, Grüne und Linkspartei, aber auch Linksradikale – Subventionen für die Bauern in Afrika, Schuldenerlass für die ärmsten Länder, mehr Hilfe für HIV-Infizierte. Zu lesen war: „Not und Hunger der Unterdrückten sind Profit und Gier der Reichen“, „Weltweit gerecht handeln“, „Fair handeln statt verhungern“, „Eine andere Welt ist möglich“ oder „Gipfel irrsinniger Anmaßung“. Zu hören waren Sprechchöre: „Wir sind mehr als ihr acht“ und „Internationale Solidarität.

Farbbeute und Flaschen auf die Polizisten

Mit dabei war auch ein großer Block Autonomer, die mit schwarzen Kapuzen und vermummt durch die Straßen ziehen. Vor einem Hotel in der Innenstadt, das von Polizisten weiträumig abgesperrt ist, gab es erste kleine Scharmützel. In dem Luxushotel soll auch eine Delegation Amerikaner untergebracht sein. Die Autonomen riefen: „Haut ab“. Aus ihren Reihen flogen Farbbeutel mit roter Farbe, Steine und Flaschen auf die Polizisten und ihre Autos. Die Polizei unternahm zunächst nichts.

Auch als Clowns verkleidete Demonstranten sorgten für zunächst positive Stimmung. Drei von ihnen, die aus Erfurt anreisten, klebten auf die Schilder der Polizisten rote Herzen. Die meisten Polizisten reagierten freundlich – und lächeln. „Wir bringen sie zum Lachen. Damit sieht man, dass das auch nur Menschen sind“, sagte Konrad Edwin Wawra.

Die Rostocker selbst nahmen wenig Anteil an dem Umzug: Kaum jemand schaute aus dem Fenster, wenige standen auf den Bürgersteigen, die Läden an der Strecke blieben geschlossen. Ausnahme: Eine Total-Tankstelle kurz vor dem Hafen, deren Pächter die Waschanlage mit Getränkekisten füllte und mit vollen Händen an die durstigen Demonstranten verkaufte. Das Leergut ging nicht zurück, sondern flog kurz danach in Richtung Polizeikette.

Attac-Aktivist Werner Rätz befürchtet auch für die nächsten Tage Ausschreitungen. Bereits am Freitag seien die Bewohner einiger Camps von Polizisten durch „massive Kontrollen“ bewusst schikaniert worden. „Durch das repressive und ruppige Verhalten der Polizei können einige Personen stark verärgert werden“, sagte Rätz. Dies könne dann zu Gewalt führen. Die Politik der Bundesregierung produziere Sprechblasen und Windeier. Die Globalisierungskritiker wollten deutlich machen, dass es Antworten gebe. Vom G-8-Gipfel erwarte man nichts oder noch Schlimmer – nichts Gutes. (AP)

 

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