Foto: AP Photo/Thomas Kienzle
München – Früher flüchteten sich vor allem gestresste Manager hinter dicke Klostermauern, um in der Einsamkeit abzuschalten und neue Energie zu tanken. Heute ist daraus eine regelrechte Ferienbewegung geworden. Auszeit und Urlaub an spirituellen Orten in ganz Europa sind schwer gefragt – nicht mehr nur von überarbeiteten Singles, sondern inzwischen auch von Familien mit Kindern.
Sehr viele Klöster und Ordensgemeinschaften in Deutschland haben mittlerweile ihre Pforten für Gäste geöffnet, wie Arnulf Salmen, Medienreferent der Deutschen Ordensobernkonferenz in Bonn berichtet. Unter orden.de vermittelt die katholische Organisation Anlaufstellen via im Internet. Das Interesse der Menschen für Klosterferien liege „klar im Trend“. Fast jeder Männer- oder Frauenorden, der Fremde aufnimmt, kann inzwischen übers Internet kontaktiert werden. Im Netz finden sich unzählige Seiten, auf denen alle Varianten von Klosterurlaub europaweit im Angebot und buchbar sind.
Auch das Bayerische Pilgerbüro, bislang unangefochtener Marktführer für Wallfahrten, hat in diesem Jahr eine erweiterte Palette von Klosterreisen im Programm, erstmals auch Besinnungstage in der Wüste Sinai. Immer mehr Menschen fühlten sich von religiös geprägten Orten angezogen, betont Geschäftsführer Bernhard Mayer. Die Nachfrage sei groß.
Nicht in jedem Fall ist der Rückzug hinter Klostermauern mit absoluter Askese und einfachem Leben verbunden. Die Angebote zum Abtauchen in die stille Welt der Ordensleute sind inzwischen sehr vielfältig: Vom eher luxuriösen Aufenthalt mit Rückenmassage und klassischem Wellness-/Fitness-Programm über tatkräftiges Mitanpacken im Klostergarten bis hin zu Bibelkurs und Gebet steht vieles zur Auswahl. Fündig werden können Gläubige wie Ungläubige.
„Es ist möglich, sich in große alte Klöstern mit mehreren hundert Ordensleuten zurückzuziehen oder auch in ganz kleine Gemeinschaften mit 3, 4 Mitgliedern“, erläutert Salmen. Wer will, kann selbst einen Jesuitenpater in Berlin bei der Obdachlosenarbeit auf der Straße begleiten. „Auch dadurch kommt man zu religiösen Erlebnissen“, ist Salmen überzeugt.
Manche Orden nehmen ausschließlich Frauen oder Männer auf, einige stehen ganzen Familien offen. In vielen Häusern ist es möglich, sich dem Alltag der Mönche und Nonnen anzuschließen, mit ihnen sehr früh aufzustehen, zur Messe zu gehen, zu beten, zu essen, sich in Schweigen und Andacht zu üben. Mitarbeit in Haus und Garten ist in vielen Klöstern gern gesehen, aber kein Muss. Wer Lebenshilfe, Orientierung und Gespräche sucht, hat die Möglichkeit, Klöster mit speziellem Seminarangebot, mit Meditationskursen oder persönlicher spiritueller Begleitung zu buchen.
Vergleichsweise luxuriös geht es bei den rund 60 Dominikanerinnen im Kloster Arenberg bei Koblenz zu. Bei den Nonnen ist Erholungsurlaub mit Wellness-Charakter zu buchen begleitet von medizinischen Anwendungen, Wassertreten nach Kneipp, von Bewegungstherapie, autogenem Training, Diät- oder Vollwertkost sowie Kräuterwochen. Wer will, kriegt von den Schwestern auch jede Menge Nahrung für die Seele. In Österreich können Weinliebhaber ihre Klausurzeit mit der Verkostung edler Tröpfchen kombinieren, in vielen Klöstern heißt es inzwischen: „Fromm sein und ausschlafen“.
Die höchst unterschiedliche Palette für einen Aufenthalt hinter Klostermauern entspreche haargenau dem Gesamttrend im Urlaubsmarkt, sagt Tourismusexperte ulf Sonntag von der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR). „Grundsätzlich gibt es den Trend zur Differenzierung.“ Die Möglichkeiten, Ferien zu verbringen, würden immer spezialisierter. „Das spricht dann auch Leute an, die bislang immer das Gleiche – also beispielsweise Ferien in Dänemark – gemacht haben und sich jetzt von Neuem locken lassen“, meint der Forscher.
Sehen lassen kann sich der Preis für Klosterferien in Deutschland. Manchmal ist der Aufenthalt kostenfrei respektive für eine Spende zu haben, berichtet Salmen. Manchmal gilt auch: Jeder zahlt, so viel er kann. In den meisten Fällen wird über Tagessätze abgerechnet, die etwa 30 bis 40 Euro und mehr betragen, je nach Angebot. Für viele Klöster ist der Beherbergungsbetrieb zum wirtschaftlichen Standbein geworden, sagt Salmen weiter. Definitiv mehr investieren muss, wer mit Pauschalangeboten in ausländische Klöster verreist.
http://www.orden.de
http://www.pilgerreisen.de (AP)
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