Aktuelle Nachrichten – Auto + Verkehr
08.03.2011
Foto: Joerg Sarbach/dapd
Berlin – Bundesregierung, Opposition, Mineralölwirtschaft und Autohersteller spielen seit Wochen mit den Autofahrern in Deutschland "Schwarzer Peter". Der Einsatz: Die Verantwortung für das Desaster bei der Einführung des Biosprits E 10. Wer bei diesem Spiel die letzte Karte in der Hand hält, ist schon ausgemacht: Verlierer sind die Tankstellenkunden – schlecht informiert, verunsichert, verärgert – wissen sie keinen anderen Rat, als an der Zapfsäule in den Verbraucherstreik zu treten. In den Reihen der schwarz-gelben Koalition bröckelt indessen die Unterstützung für Umweltminister Norbert Röttgen (CDU), der weiter auf einer Einführung des neuen Benzins beharrt. Ein Gipfel im Hause von Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) in Berlin soll es nun richten.
Dieses Treffen von Regierung, Wirtschafts- und Verbraucherverbänden am Dienstag komme ein Jahr zu spät, murrt die Opposition. Die Bundesregierung habe nicht rechtzeitig gehandelt, sagte der Vorsitzende des Bundestags-Verkehrsausschusses, Winfried Hermann. Der Grünen-Politiker forderte ein zwei- bis dreimonatiges Verkaufsmoratorium für den Biosprit. Bis dahin sollten die Automobilhersteller ihren Kunden sagen können, ob ihre Produkte das neue Benzin vertragen. Insgesamt gehöre die Biosprit-Strategie allerdings auf den Prüfstand. Man brauche kein E 10, um die von der EU verlangte Quote an Biokraftstoffen im Gesamtverbrauch zu erfüllen, betonte Hermann. "Der ökologische Nutzen dieses sogenannten Biokraftstoffs ist extrem fragwürdig." Deshalb, so Grünen-Fraktionsvize Bärbel Höhn, setze der Gipfel auch an der falschen Stelle an. Sich jetzt nur mit E 10 zu befassen, sei falsch. Man müsse auch bei Diesel ansetzen und bei der Effizienz der Autos, forderte Höhn.
Mehr Zeit will auch der CDU-Wirtschaftspolitiker Michael Fuchs. Wie bereits die FDP stellt auch der Wirtschaftsflügel der Unionsfraktion den Plan für die Einführung des Biosprits E 10 infrage. "Wir müssen in der EU nicht immer die Vorreiter spielen", sagte der Vorsitzende des einflussreichen Parlamentskreises Mittelstand (PKM) in der Unionsfraktion. Es reiche völlig aus, wenn Deutschland erst 2012 oder 2013 seine selbst gesetzten Ziele beim Einsatz von Biosprit erfülle.
Auto-Professor Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen rät trotz allem von einem Einführungsstopp ab. Stattdessen sollte das Kraftfahrtbundesamt alle Autofahrer informieren, ob ihr Fahrzeug E 10 vertrage. Der Bundesregierung attestierte Dudenhöffer Aktionismus und eine fehlende Strategie für umweltfreundlichen Verkehr. Bei der Entwicklung von Hybrid- und Elektroautos sei "lange geschlafen worden". " Kraftfahrzeug- und Mineralölsteuer müssten konsequent der Förderung von umweltfreundlichen Fahrzeugen und Treibstoffen dienen.
Indessen beklagt der deutsche Biosprit-Hersteller Crop-Energies aus Mannheim eine Kampagne gegen den neuen Kraftstoff. "Die Verunsicherung der Autofahrer wird teilweise durch Falschinformationen erhöht", sagte Vorstand Lutz Guderjahn. Er bemängelte die Aussage aus dem Hause BMW am Wochenende, wonach sich die Ölwechsel-Intervalle durch E 10 erhöhen. "Noch am selben Tag rudert der Autohersteller aber zurück", so Guderjahn. Stattdessen rechne es sich für Autofahrer, E 10 zu tanken, denn der Verbrauch steige um maximal 1,5 Prozent gegenüber herkömmlichem Superbenzin. "Da kann sich jeder ausrechnen, ob es sich lohnt, den fünf bis acht Cent teureren Kraftstoff Super Plus zu tanken."
Eventuelle Motorschäden durch den Biosprit E 10 dürften allerdings bei den Autobesitzern hängen bleiben. "Den Schaden trägt der Autofahrer", sagte Maximilian Maurer vom ADAC. Zwar könne man den Hersteller in die Haftung nehmen, wenn das Modell auf der Unbedenklichkeitsliste der Deutschen Automobil Treuhand stehe. Aber der Geschädigte müsse nachweisen, dass die zerstörte Dichtung oder der korrodierte Tank wirklich durch das E 10 kaputt gegangen seien – was schwierig sei.
Verwirrung herrscht unterdessen auch bei Besitzern benzinbetriebener Gartengeräte, inwieweit sie E 10-tauglich sind. Wer etwa Motorsägen, Rasenmäher, Laubsauger, Außenbordmotoren von Booten oder Benzingeneratoren für Campingmobile mit dem neuen Kraftstoff betreiben will, sollte sich vorher beim Hersteller erkundigen, ob die Geräte Schaden nehmen könnten.
(Quellen: Hermann im "Hamburger Abendblatt"; Fuchs in der "Rheinischen Post"; Höhn in der "Thüringer Allgemeinen"; Dudenhöffer in der "Passauer Neuen Presse"; Guderjahn in der "Mitteldeutschen Zeitung"; Maurer im "Tagesspiegel"; (dapd)
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