Aktuelle Nachrichten – Kultur
10.04.2012
Foto: Thilo Beu
Eine „Seherin“, der ihr Augenlicht genommen wird und ein „Troubadour“, dem die Finger abgesägt werden – Verdis Troubadour-Libretto erspart dem Zuschauer nichts. Angetrieben von Eifersucht und Rache, Liebe und Hass, Angst und Rücksichtslosigkeit bahnt sich die Handlung in der Bonner Oper ihren Weg bis hin zum bitteren Ende, bei dem selbst der Hoffnung, die ja bekanntlich zuletzt stirbt, keine Chance mehr gegeben wird.
Dabei könnte die Zigeunerin Azucena (Chariklia Mavropoulo) in ihrem Wissen um die schicksalhaften Verstrickungen der handelnden Personen das Blatt noch wenden. Doch das ihrer ermordeten Mutter einst abgelegte Gelübde einer ausgleichenden Blutrache verschließt ihr den Mund. So wird jeder der Hauptakteure zum Verlierer oder zumindest zum Opfer der eigenen Ideologie.
Die menschlichen Tiefen, in die das Libretto die Zuhörer entführt, werden ausgeglichen durch die musikalischen Höhenflüge, die Giuseppe Verdis Komposition bereit hält. So gehört „Il Trovatore“ trotz des düsteren Kolorits im Spanien des 15. Jahrhunderts wegen seiner schwelgerischen Melodien zu Verdis beliebtesten und daher meistgespielten Opern.
Vor allem ist es die heroische Liebesgeschichte zwischen Leonora (Irina Oknina) und ihrem Troubadour Manrico (George Oniani), die in ihren Arien eine Innigkeit entfaltet, die mit ihrer Tiefendimension weit über den bloßen Belcanto-Ton einer italienischen Oper hinausweist. Himmlische Freuden und höllische Qualen – keine Gemütslage, die nicht von den Liebenden in inniger Anteilnahme durchdekliniert würde. Und doch bleiben beide trotz aller emotionalen Unterschiedlichkeit bis ins Detail glaubhaft und überzeugend. Eine durchweg glanzvolle sängerische Leistung!
Die zweite weibliche Hauptrolle liegt bei der Zigeunerin Azucena, bei der die Fäden des Handlungs-Verwirrspiels zusammenlaufen. Denn die von ihr geforderte und durch einen Schwur besiegelte Rache wartet immer noch auf ihre Vollendung. Denn nicht den Sohn des Muttermörders warf sie damals ins Feuer, sondern versehentlich ihren eigenen Sohn. Ein Fauxpas, der ihr Leben seither qualvoll bestimmt.
Foto: Thilo Beu
So erscheint Azucena durchweg als eine Getriebene, die aber dennoch zuweilen menschliche Züge durchblicken lässt. Und dann wieder, bis in die Schlussszene hinein, die rachelüsterne Zielstrebigkeit, die ihr seit Jahrzehnten aufgebürdete Mission zu einem blutigen, für sie jedoch befreienden Ende zu bringen. Eine Schizophrenie, deren gesamte Bandbreite die Sängerin in ihrer musikalischen und schauspielerischen Leistung ohne Wenn und Aber beherrscht.
Dabei erweist sich besonders der durch die Inszenierung Dietrich W. Hilsdorfs gesteckte Rahmen als hilfreich. In einer psychologisch stets nachvollziehbaren Personenführung breitet er das jeweilige menschliche Miteinander gleichsam wie auf einem silbernen Tablett aus. So besteht zu keinem Zeitpunkt auch nur der geringste Zweifel an der jeweiligen Gefühls- und Seelenlage der handelnden Personen. So auch des Ferrando (Ramaz Chikviladse) und des Ruiz (Mark Rosenthal).
Dem entsprechen auch das fantasievolle Bühnenbild (Dieter Richter), die Kostüme (Renate Schmitzer) sowie die fein ausbalancierte Beleuchtung (Thomas Roscher) – ein perfekter Rahmen, in dem Chor, Extrachor und Statisterie des Theater Bonn als Wachen, Soldaten, Nonnen, Mönche und Zigeuner ihr von ihrer Rolle her nicht durchweg appetitliches Unwesen treiben. Anstrengend, aber dabei doch stets überzeugend.
Die andere Seite der herausragenden Inszenierung stellt die Musik Verdis dar, deren Dramatik vom Beethoven Orchester Bonn unter der Leitung von Robin Engelen einfühlsam aufgegriffen und umgesetzt wird. Das Ergebnis: Ein nicht enden wollender Premierenapplaus, der die Großartigkeit der Inszenierung des Il Trovatore in der Oper Bonn bestätigt.
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