Frankfurt/Main – Am kommenden Sonntag ist es wieder soweit: Kinder bringen der Mutti das Frühstück ans Bett, präsentieren selbst gemalte Bilder, Blumenhändler freuen sich über Schlangen im Geschäft und so mancher wird den Tag bestimmt auch schlicht vergessen. Am zweiten Mai-Sonntag ist Muttertag. Für die einen ist es der Inbegriff verstaubter Rollenbilder, für die anderen ein nach wie vor beliebter und zeitgemäßer Feiertag.
Zwar ist das Verhältnis zur Mutter heutzutage ein ganz besonderes, wie der Lüneburger Familiensoziologe Günter Burkart sagt. Denn angesichts steigender Zahlen von Scheidungen und immer mehr Patchworkfamilien sei die Beziehung zur Mutter eine wichtige Konstante im Leben, während sich die Verbindung zum Vater tendenziell lockere. „20 bis 30 Prozent der Kinder haben heutzutage praktisch mehrere Väter, aber eben nur die eine Mutter“, erklärt der Wissenschaftler, der zugleich Mitglied des Sprechergremiums der Sektion Familiensoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) ist.
Allgemein geht der Trend wohl dahin, dass gerade die Beziehung eine wichtige Rolle spielt, nicht aber ein Ritual wie der Muttertag. „Das ist ja auch einer der Hauptkritikpunkte am Muttertag, dass sie nämlich nur an einem einzigen Tag und ansonsten kaum gewürdigt wird“, sagt der Professor. Damit einher gehe außerdem der Vorwurf, Frauen würden bloß auf die Mutterrolle reduziert.
Seiner Ansicht nach ist der Muttertag vor allem fest in Händen des Kommerzes. „Das ist ähnlich wie beim Valentinstag.“ Die Industrie habe die Entwicklung vorangetrieben. So propagierte hier zu Lande in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts etwa der Verband der Deutscher Blumengeschäftsinhaber die Muttertags-Idee.
Heute können man auch eine Entschärfung des früher viel ernsteren Generationenkonflikts feststellen. „Die Eltern sind nicht mehr autoritär, man redet mehr und intensiver. Und entweder hat man grundsätzlich eine gute Beziehung und pflegt sie, auch ohne große Rituale, oder nicht“, glaubt Burkart. Anders als noch vor 20 oder 30 Jahren verlässt der Nachwuchs nach seinen Angaben auch viel später das Elternhaus und genießt viel länger die Vorzüge des „Hotels Mama“.
Auch wenn der Muttertag nach seiner Einschätzung in der letzten Zeit eher an Bedeutung für den einzelnen verloren hat, ist er für viele Menschen als Festtag gleichwohl nicht wegzudenken. Diese Popularität hat laut dem Berliner Historiker Wolfgang Wippermann ihren Ursprung in der NS-Zeit. „Die Nazis haben den Muttertag wie so vieles nicht erfunden, aber bekannt gemacht und durchgesetzt“, betont der Wissenschaftler.
So wuchs sich der Muttermythos in der nationalsozialistischen Frauenideologie zum wahren Mutterkult aus. 1939 wurde aus dem „Deutschen Muttertag“ der „Tag der Deutschen Mutter“. Zu dieser Zeit wurde auch das „Ehrenkreuz der deutschen Mutter“ verliehen – in Form eines Ordens und in Anlehnung an das „Eiserne Kreuz“ für Soldaten.
„Für vier Kinder in Bronze, für sechs in Silber und für mehr als acht in Gold“, erklärt Wippermann. „Das wurde dann groß gefeiert.“ Dass nur Frauen ausgezeichnet wurden, die im Sinne der rassistischen Ideologie als „arisch“ und „erbgesund“ galten, verstehe sich in diesem Zusammenhang von selbst. Eine zusätzliche Stigmatisierung war die Folge. Nach Angaben des Deutschen Historischen Museums wurden allein bis 1939 drei Millionen Frauen mit dem Mutterkreuz ausgezeichnet.
Der Muttertag ist für Wippermann zwar kein allein mit dem Nationalsozialismus verbundener Feiertag, man dürfe ihn aber auch nicht von diesem Kontext ablösen. Er sei ein gutes Beispiel für eine übernommene Tradition, bei der wenig über ihre eigentliche Geschichte nachgedacht werde.
Wie groß die Rolle des Konsums bei dieser Tradition in der heutigen Zeit ist, zeigt der jüngste Vorschlag des Einzelhandels: Weil der Muttertag 2008 auf den Pfingstsonntag fällt, und es nach den neuen Ladenschlussgesetzen der Bundesländer anders als an normalen Sonntagen verboten ist, Blumen zu verkaufen, soll der Muttertag im kommenden Jahr kurzerhand eine Woche früher stattfinden. Hubertus Pellengahr, Sprecher des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels HDE, fordert: „Der Muttertag sollte nicht vom Pfingstfest überlagert werden. Die Mütter und der Heilige Geist haben einen eigenen Feiertag verdient.“