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08.04.2009
Kisii/Kenia – Jeden Tag, bevor Esther Nyaboke ihr Haus zum Wasserholen verlässt, drängt sie ihre zwei Töchter in einen brütend heißen, fensterlosen Schuppen und verriegelt die Tür. Der Kenianerin scheint dies der einzige Weg, die Kinder sicher unterzubringen, während sie sich ums tägliche Brot kümmert. Die Mädchen sind autistisch – und keiner außer der Mutter mag sich ihrer annehmen.
„Wenn mir niemand hilft, was kann ich dann tun, außer sie einzuschließen?“ fragt Nyaboke. „Ich muss das Haus ja gelegentlich verlassen, und wenn es nur zum Wasserholen ist.“ Wie Esther Nyaboke in der Region Kisii im Südosten Kenias geht es vielen Afrikanern mit behinderten oder psychisch auffälligen Angehörigen. Armut, Unkenntnis über mögliche Hilfen und das Stigma, das geistigen Behinderungen und psychischen Erkrankungen anhaftet, halten die Menschen davon ab, nach der nötigen Unterstützung für sich oder ihre Verwandten zu suchen. In vielen Fällen werden die Betroffenen versteckt – oder gar misshandelt.
„Die Dorfgemeinschaft betrachtet diese Leute nicht als Menschen. Sie sieht nicht, wie sie leiden“, sagt Edah Maina, Vorsitzende der kenianischen Gesellschaft für geistig Behinderte. Innerhalb der vergangenen sieben Jahre hat die Organisation mehr als 3.000 Kinder und Erwachsene aus ihren Familien geholt, weil sie dort vernachlässigt und misshandelt wurden.
Während sie die Menschen betreuen, setzen Maina und ihre Kollegen den Hebel auch in den Familien an: Mit Aufklärung hoffen sie, dass die Verwandtschaft den Behinderten und Kranken den Stellenwert zukommen lässt, den sie verdienen, und die Betroffenen unter neuen Vorzeichen nach Hause zurückkehren können. Stellen sich die Familien quer, bleibt häufig jedoch nur die lebenslange Unterbringung in einem staatlichen Krankenhaus.
Die Register in Mainas Büro dokumentieren grausame Schicksale. Auf einem Foto ist ein autistisches Mädchen zu sehen, das aus einem dunklen Verschlag in die Sonne geführt wird. Das wärmende Licht kann die 16-Jährige jedoch nicht mehr sehen. Nachdem sie von ihrer Mutter zwölf Jahre lang im Dunkeln gehalten wurde, ist sie blind.
Ein junger Mann mit geistiger Behinderung wurde ein Jahrzehnt lang in einem Hundezwinger angekettet. Ein Schizophrener wurde 15 Jahre lang angebunden und vernachlässigt. Als Helfer den völlig ausgemergelten Mann schließlich befreien, versagen seine Beine ihren Dienst. Andere Akten zeigen Bilder geschwollener Glieder, entzündeter und von Fliegen befallener Wunden unter Plastiktüten, die als Windeln dienen. „Manchmal können wir nach einem Einsatz tagelang nicht schlafen“, sagt Maina.
Einige der schlimmsten Misshandlungen sind sexueller Art. Geistig Behinderte oder Kranke können sich noch weniger schützen als andere. In manchen Ländern wie Kenia, Sambia oder Ägypten zählt auch ihre Aussage vor Gericht nicht.
Im Krankheitsfall kommen Betroffene noch schwerer an Medikamente als Nichtbehinderte. Besonders gravierend wirkt sich dies bei einer Aids-Erkrankung aus. Behinderte werden rechtlich als nicht zustimmungsfähig eingestuft und daher in der Regel weder auf den HI-Virus getestet noch entsprechend behandelt.
Trotz des kenianischen Behindertengesetzes von 2003, das das Verbergen oder Einsperren geistig Behinderter oder psychisch Kranker untersagt, ist das öffentliche Bewusstsein für das Problem nach Einschätzung Mainas noch immer gering. Für eine Aufklärungskampagne fehlt das Geld.
Ein Schlaglicht auf das Problem werfen auch die Zahlen im kenianischen Gesundheitsbudget. Nur 0,01 Prozent des Etats werden für seelische Gesundheit ausgegeben – in den USA sind es rund sechs Prozent. Auf etwa eine halbe Million Menschen kommt in Kenia ein Psychiater – in den USA müssen sich lediglich 8.000 Menschen einen Psychiater teilen.
Dem geringen Angebot steht ein großer Bedarf gegenüber. Etwa ein Viertel aller Kenianer, die um medizinische Hilfe nachsuchen, brauchen nach Schätzungen von Bereichsleiter David Kiima Unterstützung im mentalen Bereich. Bei einem Prozent sei sogar die stationäre Aufnahme angeraten.
In einigen anderen afrikanischen Ländern ist die Lage noch ungleich dramatischer – in Liberia beispielsweise, wo unzählige Kindersoldaten im 15 Jahre währenden Bürgerkrieg kämpften. Bis zu 85 Prozent aller psychisch kranken oder geistig behinderten Menschen in Entwicklungsländern müssen nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ohne Behandlung mit ihren Problemen fertig werden.
Kiima hofft der Personalknappheit mit der Einbeziehung traditioneller Heiler Herr zu werden. Diese könnten als Ansprechpartner in den Dorfgemeinschaften eingesetzt werden. Voraussetzung ist jedoch eine entsprechende Ausbildung, um Fälle wie die von Esther Nyabokos Nachbarin zu verhindern.
Die 28-Jährige, die an Schizophrenie leidet, wurde zunächst zu einer Heilerin gebracht, die die Stimmen aus ihrem Kopf vertreiben sollte. Die Frau wurde drei Monate lang nackt angebunden, geschlagen und mit mysteriösen Zaubertränken behandelt – und die Attacken wurden schlimmer. Erst in einem offiziellen Krankenhaus wurde schließlich die richtige Diagnose gestellt. (AP)
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