Gesundheit - Aktuelle Nachrichten, Ratgeber und Berichte – Viele Ärzte wissen noch zu wenig über Cochlea-Implantate – Benjamin Wünsch
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Implantat gegen die Stille Viele Ärzte wissen noch zu wenig über Cochlea-Implantate

Benjamin Wünsch

12.02.2010

Langsam das Gehör zu verlieren, ein erschreckendes Szenario. Cochlea-Implantate können eine Lösung anbieten. Foto: Rainer Sturm/www.pixelio.de
Langsam das Gehör zu verlieren, ein erschreckendes Szenario. Cochlea-Implantate können eine Lösung anbieten.

Foto: Rainer Sturm/Pixelio

Frankfurt/Main (apn) Beim Abitur war er schwerhörig, zehn Jahre später taub. „Nichts zu machen!“ – das jedenfalls sagten die Ärzte, bei denen er damals in Behandlung war. Heute kann Michael Schwaninger wieder seine alten CDs hören. Ebenso das Lachen seiner einjährigen Tochter. Am Telefonhörer schwärmt er von dem Gerät, das ihn aus der Stille holte: dem Cochlea-Implantat.

„Ich war bei fünf verschiedenen HNO-Ärzten, und immer wurde das mit den Ohren als unveränderliches Schicksal dargestellt“, sagt Michael Schwaninger. Nur durch Zufall erfuhr er, dass es mit dem Cochlea-Implantat längst eine Lösung für sein Problem gab.

Das Gerät besteht aus zwei Teilen: erstens einer Innenohr-Prothese, die bei einer Operation chirurgisch eingesetzt wird, und zweitens einem Sprachprozessor mit einer Sendespule, der sich wie ein Hörgerät hinter dem Ohr tragen lässt. Durch elektrische Impulse wird der Hörnerv stimuliert. Dieser verarbeitet die Impulse und leitet sie an das Gehirn weiter.

Die Technik gibt es seit mehr als 25 Jahren. Trotzdem ist sie noch immer wenig verbreitet. Selbst Hals-Nasen-Ohren-Ärzte wissen oft nichts von der Möglichkeit – für die Betroffenen mehr als ärgerlich. Um anderen die Leidenszeit zu verkürzen, engagiert sich Schwaninger heute in einer Selbsthilfegruppe.

Als Vize-Präsident der Deutschen Cochlear Implant Gesellschaft (DCIG) organisiert er Informationsveranstaltungen und steht als Ansprechpartner für eine Erstberatung zur Verfügung. Die Operation an der Hörschnecke (lat. Cochlea) wird zwar bundesweit inzwischen von etwa 50 Kliniken angeboten. „Aber was helfen die tollsten Zentren, wenn da keiner hinkommt“, sagt Schwaninger.

Nach Angaben der DCIG werden in Deutschland jährlich rund 1.000 gehörlose oder an Taubheit grenzend schwerhörige Kinder geboren. Mehr als 5.000 Erwachsene ertauben durch Unfälle, Entzündungen oder Erkrankungen. Nur etwa zehn Prozent der Betroffenen lassen sich eine Hörprothese implantieren. Zehntausende sind bis heute unversorgt.

Hörbehinderung wird tabuisiert

Schwaninger führt diese Versorgungslücke auch auf den schlechten Ruf der Schwerhörigkeit zurück: „Mit einer Brille ist man intellektuell, mit einem Hörgerät ist man alt.“ Lange Zeit habe auch er sich geschämt, offen mit seiner Hörbehinderung umzugehen. Bis zum Abitur habe er sich oft durchgemogelt, sein BWL-Studium sei nur mit extrem viel Kraftanstrengung möglich gewesen. Die Gesellschaft macht es einem nicht leicht, man wird tabuisiert. Das merken Sie ganz schnell an ihrem Freundeskreis.“

Anfang 2001 hörte der 41-Jährige zum ersten Mal den Begriff Cochlea-Implantat. Noch im selben Jahr ließ er sich in der Frankfurter Universitätsklinik operieren. Das Abwägen der Risiken erschien ihm sehr überschaubar. Der Eingriff geschieht unter Vollnarkose und dauert nur etwa zwei Stunden. Die Kosten werden zumindest für ein Ohr ohne weiteres von den Krankenkassen übernommen.

Nach der Operation kann der Patient allerdings nicht sofort wieder hören. Wenn die Wunden verheilt sind, muss der Sprachprozessor individuell programmiert werden. Der Vorgang kann langwierig sein und viel Willenskraft erfordern. „Als ich das erste Mal mit dem Ding gehört habe, klang alles total blechern“, erinnert sich Schwaninger. Etwa sechs Monate dauert es in der Regel, bis die Feinjustierung des Geräts an die Hörsituation eines Patienten optimal angepasst ist: „Das ist wie bei den alten Fernsehern. Am Anfang sehen Sie nur ein verrauschtes Bild. Mit dem Sendersuchlauf drehen Sie dann immer wieder nach rechts und links, bis Sie ein brauchbares Bild reinkriegen.“

Ängste müssen abgebaut werden

Der Umgang mit dem Cochlea-Implantat ist zugleich auch ein Lernprozess: Das Gehirn muss lernen, aus den neuen Reizen die richtigen Informationen herauszufiltern. Und nicht zuletzt müssen die eigenen Ängste abgebaut werden. „Das Telefon war früher mein Feind. Ich wusste, ich kann nur Bruchstücke verstehen. Und da kann man sich ja fast nur blamieren“, erinnert sich Schwaninger. Es habe lange gedauert, bevor er wieder so selbstverständlich zum Hörer greifen konnte wie heute. Auch um die Kontaktscheu gegenüber anderen Menschen zu reduzieren, habe er hart an sich arbeiten müssen.

Der Einsatz eines Cochlea-Implantats garantiert nicht die hundertprozentige Hörfähigkeit. Schwaninger kann etwa 70 Prozent hören. Doch er ist auch damit sehr zufrieden: „Man muss sehen, welchen Zugewinn man gegenüber der Situation vorher hat.“ Vor allem freut es ihn, dass er wieder Musik genießen kann. Gemeinsam mit seiner Frau, die ebenfalls ein Cochlea-Implantat trägt, war er kürzlich in der Oper. Ansonsten hört er am liebsten die Musik aus den 80er Jahren. „Als ich nach der Operation im Autoradio zum ersten Mal wieder ein Lied aus meiner Jugendzeit erkannte, da standen mir tatsächlich die Tränen in den Augen.“

(AP)

http://www.dcig.de

 

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