Panorama - Aktuelle Nachrichten – Vom Kuschelfreund zum Problemfall – Toralf Brakutt
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Aktuelle Nachrichten – Panorama

Vom Kuschelfreund zum Problemfall

Toralf Brakutt

03.07.2006

Hamburg - Erst sind sie heiß geliebte Kuschelfreunde, schon bald will sie keiner mehr haben: Immer mehr Kleintiere werden ausgesetzt - und das nicht nur Urlaubszeit, wie der Geschäftsführer des Deutschen Tierschutzbundes, Thomas Schröder, erklärt. Mit rund 50.000 pro Jahr habe sich die Zahl der ausgesetzten Hamster, Kaninchen oder Wellensittiche seit 2001 um gut ein Drittel erhöht.

«Die Kapazitäten der Tierheime sind erschöpft. Noch vor der Urlaubszeit, in der ohnehin Tiere vermehrt herrenlos werden, können sie fast keine Kaninchen, Hamster und Wellensittiche mehr aufnehmen», sagt Schröder.

Über die Ursachen könne man nur spekulieren: «Wir vermuten, dass Eltern in Zeiten knapper Kassen zunehmend von größeren Haustieren absehen und sich als Kompromiss mit ihren Kindern auf ein Meerschweinchen oder einen Hamster einigen.» Mangels fachlicher Beratung wüssten die wenigsten jedoch, dass durch eine Anschaffung auch flugs tierischer Nachwuchs ins Haus stehen könne. «Dann wird der Hamster schnell zum Problemfall.»

Viele Tierheime stehen nach Schröder deshalb «kurz vor dem Kollaps». Die meisten der Einrichtungen seien vorwiegend für die Aufnahme von Hunden und Katzen ausgerichtet, jetzt komme das System in Schieflage. Erschwerend komme hinzu, dass Tiere «zunehmend nicht aus Heimen geholt, sondern in Baumärkten gekauft werden», berichtet Schröder. Daraus entwickele sich ein «Megastau». Die ohnehin knapp bemittelten Einrichtungen seien so einer finanziellen Mehrbelastung ausgesetzt, die auf Dauer nicht tragbar sei.

Das bestätigt auch der Leiter des Hamburger Franziskustierheims, Frank Weber: Schon häufig habe die Aufnahme von Wellensittichen und Nagern mangels ausreichender Kapazität verweigert werden müssen. Auch die Vermittlung von Tieren werde immer schwieriger. «Andere Heime sind jedoch noch schlimmer dran», bekräftigt Weber.

Immerhin würden im Heim jährlich rund 300 Kleintiere an neue Halter vermittelt. «Indem wir den Kontakt zu den Besitzern halten und ihnen Tipps geben, minimieren wir die Chance, dass die Tiere nochmals ausgesetzt werden.»

Vor allem mangelnde Aufklärungsarbeit und zu geringes Verantwortungsbewusstsein sind für den Bielefelder Verhaltensforscher Roland Sossinka Gründe des Aussetzungstrends. «Die Tiere werden in jungen Jahren mit ihren Kulleraugen gekauft, ohne dass man sich mit langfristigen Folgen dieser Anschaffung befasst», sagt der Biologe.

Bis zu 25.000 Euro Strafe für blindes Aussetzen

Vor allem Eltern müssten vor einem Kauf genau abwägen. «Sie sollten sich fragen: Schafft das mein Kind tatsächlich allein mit dem Tier, oder kann ich im Notfall auch einspringen», rät Sossinka. Die Anschaffung eines Haustiers könne jedoch wichtig für die Erziehung von Jungen und Mädchen sein. «Dadurch kann das Kind lernen, langfristig für etwas Verantwortung tragen zu müssen.» Blindes Aussetzen sei hingegen «gewissenlos».

Obendrein kann es auch teuer werden: Bis zu 25.000 Euro Geldstrafe können laut Tierschutzbund drohen, wenn das Leben der Tiere fahrlässig gefährdet werde. Ausgesetzte Kleintiere hätten ohne menschliche Hilfe «so gut wie keine Überlebenschance», betont Tierschützer Schröder. Deshalb fordere seine Organisation seit Jahren die Pflicht eines Haustierregisters. Dies mache die Herkunft eines ausgesetzten Tieres deutlich und könne so vielleicht tierisches Leben retten.

(AP)

 

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