Aktuelle Nachrichten – Geschichte
17.04.2011
Berlin - Es war ein aufsehenerregender, aber für die damalige Situation durchaus typischer Grenzübertritt: Am 24. April 1961 "machte" – wie man sich seinerzeit ausdrückte – ein Ost-Berliner Schäfer über die Sektorengrenze im nördlichen Ortsteil Blankenfelde in den Westen – begleitet von den ihm anvertrauten fünfhundert Schafen.
Die Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik war schon im Sommer 1952 geschlossen worden. Als "Schlupfloch" in den Westen bot sich aber noch bis zum Mauerbau im August 1961 Berlin an. Die Stadt war von vier ausländischen Mächten besetzt, in Ost und West geteilt und mit zwei Währungen, der harten West- und einer schwachen Ost-Mark, ausgestattet. Vor allem jedoch verfügte sie über eine kaum zu kontrollierende offene Grenze. Sie konnte von der DDR aus zu Fuß oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln überquert, die Bundesrepublik dann per Flugzeug erreicht werden.
Dramatischer Exodus
Berlin war damit zum Brennpunkt eines Exodus von Ost nach West geworden. "1955 bis 1958 hatten jedes Jahr im Durchschnitt 250.000 Menschen die DDR verlassen", hielt der britische Historiker Frederick Taylor in seinem Buch "Die Mauer" fest. "Die Entwicklung innerhalb des Jahres 1960 selbst war dramatisch: Von Februar bis Mai verdoppelte sich die Zahl der Flüchtlinge von knapp 10.000 auf 20.285. Und wieder waren es vor allem Facharbeiter, Ärzte – von denen zwischen 1954 und 1961 zwanzig Prozent flohen -, Krankenschwestern, Lehrer und Ingenieure, die den Weg in den Westen wählten."
Kurz vor dem Mauerbau spitzte sich die Situation weiter zu: "Im Mai 1961 flohen 17.791 Menschen nach West-Berlin, im Juni 19.198 und allein in den ersten beiden Wochen des Juli 12.578. Ganze Fabriken und Büros verwaisten, weil immer mehr Ostdeutsche die Gelegenheit zur Flucht nutzten", notierte Taylor. Zwischen 1954 und 1960, registrierte auch das Bundesvertriebenenministerium in Bonn, hätten allein rund 16.200 ostdeutsche Lehrer ihren Schülern den Rücken gekehrt. Hinzu kam eine verstärkte Fluchtbewegung von Bauern, die nicht bereit waren, den proklamierten Weg zur genossenschaftlichen Agrarproduktion mitzugehen. Auch brennende Scheunen, zerstörte Traktoren und Mähdrescher zeugten mancherorts vom Widerstand gegen "den sozialistischen Frühling auf dem Lande".
Die DDR-Führung war mit dem von ihr proklamierten Aufbau des Sozialismus in eine prekäre Lage geraten. Staats- und SED-Chef Walter Ulbricht hatte auf dem V. Parteitag der SED im Juli 1958 verkündet, die DDR werde die Bundesrepublik in der Produktion von Lebensmitteln und Konsumgütern überflügeln. Schon bis 1961, so seine gewagte Prognose, würden die beiden deutschen Staaten einen Gleichstand erreichen. Doch die Rechnung ging nicht auf. Die Produktivität der Industrie und Landwirtschaft, so weiter der Historiker Taylor, lag um 25 bis 30 Prozent unter der des boomenden Westens. "Und das Reservoir von Facharbeitern schwand dahin, weil sie sich durch die offene Grenze nach West-Berlin absetzten."
Ulbricht bedrängt Moskau
Angesichts dessen drängte Ulbricht Moskau immer wieder zu einer generellen Lösung der Westberlin-Frage. Man könnte auch, suggerierte er schließlich dem "großen Bruder", das "Loch inmitten unserer Republik" mit Stacheldraht schließen. In jenen Tagen der Flucht des Schäfers samt seiner Schafe zögerte der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow aber noch, dem zuzustimmen. Er wollte keine Konfrontation mit den Amerikanern, schon gar nicht einen heißen Krieg riskieren. Doch dass der Osten bald etwas unternehmen würde, lag in der Luft. "Ulbrichts große Stunde rückte näher", stellte der Historiker Taylor fest.
(dapd)
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