Aktuelle Nachrichten – Kultur
29.04.2011
Foto: Kölner Philharmonie
Heiligkeit und Sünde bilden den Gegensatz der beiden Welten, die in Wagners „Parsifal“ unvermittelt aufeinander prallen. Einerseits die Gralswelt, in der das Gute gleichbedeutend ist mit der absoluten Keuschheit, der sich die Gralsritter durch ihr Gelübde unterworfen wissen. Andererseits Klingsors Zauberschloss als Gegenwelt, in der die Ritter in „Klingsors Schlingen“ hineinzugeraten drohen, indem sie den im Zaubergarten bereit gehaltenen sexuellen Verführungen erliegen. Ein Konflikt ganz im Sinne des Dualismus zwischen Gottesreich und Menschenreich, wie ihn Theologen von Augustinus über Thomas von Aquin bis hin zu Martin Luther bereits herausgearbeitet hatten?
Sicherlich nur ansatzweise. Zwar greift Wagner in seinem „Bühnenweihfestspiel“ auf biblische Motive wie das göttliche Erlösungswerk am Karfreitag zurück. Mit dem Heiligen Gral, der Heiligen Lanze und der Überwindung der Sexualität setzt er jedoch eigene Schwerpunkte. Mit seiner Betonung mythischer Symbole und der in ihnen verborgenen tiefen Wahrheit unternimmt er gar den Versuch, auf dem Wege der Kunst „den Kern der Religion zu retten“, wo diese bereits künstlich geworden sei. Eine Blasphemie gegenüber der traditionellen christlich-abendländischen Religion?
Was jedoch bei aller Kritik an seinem Werk beeindruckt, ist die Sphäre des Weihevollen, in die Wagner die dem Wolfram von Eschenbach entlehnte Handlung musikalisch einbettet. So sprengt der „Parsifal“, dessen letzter Akt inhaltlich einem Karfreitag zugeordnet ist, den Rahmen einer Oper und einer üblichen Opernaufführung. Vielmehr wird er zelebriert wie ein Gottesdienst, wobei das emotionale Ergriffensein der Wagner-Gemeinde durchaus intendiert ist.
Und auch bei der Aufführung in der Kölner Philharmonie vorzüglich gelingt. Dies in einem Maße, dass das Publikum im Anschluss an den Schlussakkord nach langer Pause der Betroffenheit überspringt in frenetischen Jubel. In eine Begeisterung, die wohl dem Bewusstsein entspringt, soeben Zeuge einer außergewöhnlichen Aufführung geworden zu sein. Und dies gleich in mehrfacher Hinsicht.
Einmal wegen der außerordentlichen Leistung des Gürzenich-Orchesters Köln. Unter der musikalischen Leitung seines Dirigenten Markus Stenz gelang es ihm, die gesamte Bandbreite Wagnerscher Musik zwischen weihevoll-ätherischer Feierlichkeit und opulent-orchestraler Fülle zum Ausdruck zu bringen. Eine begeisternde Vielfarbigkeit, in die sich der Chor der Oper Köln (Einstudierung: Andrew Ollivant) in musikalischer Augenhöhe einfügt.
Zum anderen wegen der durchweg brillanten Leistungen aller Gesangssolisten: wunderbar einfühlsam Robert Holl als Gurnemanz, Franz Grundheber als leidender Amfortas und Franz Mazura (Debüt 1949!) als Titurel in seiner seit Bayreuther Zeiten bewährten Rolle. Ausgesprochen überzeugend auch Bassbariton Samuel Youn als samuraihafter Klingsor, der seine Boshaftigkeit und Skrupellosigkeit durchweg engagiert zum Ausdruck bringt.
Als größte Überraschungen jedoch erweisen sich die Sopranistin Evelyn Herlitzius als leidenschaftliche Kundry und Tenor Marco Jentzsch, der sich – entsprechend seiner Titelrolle – vom „reinen Tor“ bis zum Gralshüter stimmlich auf geradezu unglaubliche Weise steigert. Zu einem der Höhepunkte gerät dabei die Verführungsszene in Klingsors Zaubergarten, wo nach den bezaubernd musizierenden Blumenmädchen auch Kundry mit ihren sexuellen Attacken an den höheren Werten Parsifals abprallen muss.
Und schließlich ist es die Kölner Philharmonie selbst, die sich, trotz konzertanter Aufführung, mit einfachen Mitteln der Regie in eine Opernbühne zu verwandeln imstande ist. So kommt während der gesamten Aufführung zu keinem Zeitpunkt das Gefühl auf, gegenüber einer „normalen“ Opernaufführung im Nachteil zu sein. Insgesamt demnach ein in jeder Hinsicht überaus gelungenes Konzerterlebnis, bei dem einmal mehr das hohe musikalische Niveau der Kölner Oper erkennbar wird.Hier können Sie sich im Newsletter eintragen.
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