Wen es in die 1300 Einwohner zählende Harzgemeinde Hahnenklee verschlägt, der wird sich unschwer des Eindrucks erwehren können, er sei in einem Heimatmuseum der 70er Jahre gelandet. Der Luftkurort bei Goslar im Westharz unweit der ehemaligen DDR-Zonengrenze hat bis weit in die 90er Jahre noch gut vom ergrauten Stammpublikum gelebt.
Als jedoch mit der Wende die Zonenrandförderung versiegte und als der Solidaritätszuschlag den touristischen Ausbau des Ostharzes förderte und so einen modernen, boomenden touristischen Konkurrenten aufbaute, zudem die Krankenkassen zusehends sparsamer Kuraufenthalte unterstützten, gelang es den Vermietern immer seltener, ihre 4000 Gästebetten mit ruhebedürftiger Klientel zu füllen. Die Senioren, die sich von der gediegenen, etwas angestaubten Atmosphäre angezogen fühlen, sterben aus.Die Rentner der heutigen Zeit sind ungleich anspruchsvoller, verwöhnter und vor allem agiler.
Viele lassen sich nicht mehr durch Kurkonzerte, Ball Paradox und Minigolf amüsieren. Die Gäste blieben aus, Leerstand breitete sich aus und Objekte begannen zu verfallen. Es schien stellenweise, als sei der Grauschleier, der sich bis zur Wende im Ostharz hielt, in den Westen gezogen. Im Kurort, dessen bisheriges Highlight die 100-jährige hölzerne Stabkirche war, herrschte Krisenstimmung, etwas musste geschehen.
Neue Strategien für potente Touristen
Nachdem das touristisch wenig attraktive ehemals kriegszerstörte Harzstädtchen Halberstadt in die Schlagzeilen der Weltpresse geriet, weil der amerikanische Künstler John Cage in einer alten Kirche 639 Jahre lang einen Orgelton erklingen lassen will, besinnt man sich nun auch in Hahnenklee auf neue Strategien, um potente Touristen zu locken. Das Halberstädter Projekt wurde sogar über die Kulturstiftung des Bundes finanziert.
Neben Hochseilgarten, Mountainbiking, Nordic Walking und Snowboarden auf dem winterlichen Bocksberg wurde nun ein neues Geschäftsfeld in Hahnenklee entdeckt. Mit dem generationsübergreifenden Thema Liebe erhofft man sich eine Marktlücke zu erschließen und mit noch zu definierenden Serviceleistungen auch die Verweildauer der Urlauber zu verlängern. Der Liebesbankweg stellt einen Teil des neuen Konzepts dar.
Verweilzonen mit Erlebnismöglichkeiten
„Folgen Sie Ihrem Herzen", sagt Kerstin Appelt, Leiterin der Tourist Info Hahnenklee. Die kleine blonde Frau mit den aufgemalten Augenbrauen führt einen Journalistentross durch den aufgeräumten Ort zum Objekt der Begierde. Der Liebesbankweg erstreckt sich von der Hahnenkleer Stabkirche über sieben Kilometer zum Bocksberggipfel durch liebliche Landschaft mit murmelnden Bächlein und Verweilzonen mit Erlebnismöglichkeiten. Zu diesen Erlebnissen sollen kunstvolle Skulpturen zum Thema Amore, die den Wanderweg säumen, die Wandernden inspirieren.
Das Besondere am Liebesbankweg auf dem Weg zum Höhepunkt, der Gaststätte Bocksbergbaude am Gipfel, seien nicht nur die 25 kunstvollen Holzbänke, die dem Thema Liebe gewidmet seien. Auch eine Liebesbankhütte und ein Tor der Liebe sollen die Gäste anregen, erläutert die junge, zierliche Frau mit der Stupsnase. Die „Liebesquelle", ein von einem Bildhauer mit eiförmiger Grotte umhülltes Wasserrinnsal, wird als Kraftquell vorgestellt, der die Liebeskraft erhöht. Wenig später, der Weg wird steiler, kann der Wanderer einen faszinierenden Blick auf das Harzer Vorland genießen.
Eine weitere Attraktion seien die „Harzgondeln", sagt Frau Appelt. Die 200 Jahre alten, ausgehöhlten Eichenstämme, die in ihrer Erscheinungsform an das venezianische Wasserfahrzeug der Liebe erinnern sollen, regen bei kreativen Betrachtern die Phantasie an. Ein Gastronom hatte gar eine Viagrabank favorisiert, diese Idee wurde jedoch schnell als unseriös verworfen, die Kurverwaltung fürchtete um den Ruf der Harzgemeinde. Ein „Walk of Fame" ist jedoch in Planung. Prominente Liebespaare sollen ihre Fußabdrücke am Liebesbankweg in Beton hinterlassen.
www.liebesbankweg.de
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