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Bildungsvergleich Warum ostdeutsche Schulen beim Pisa-Test vorn sind

Jochen Wiesigel

18.11.2008

Lehrerin Kerstin Vetter, Mitte, unterrichtet in Dresden in der 120. Grundschule im Fach Sachkunde. (AP Photo/Matthias Rietschel)
Lehrerin Kerstin Vetter, Mitte, unterrichtet in Dresden in der 120. Grundschule im Fach Sachkunde. (AP Photo/Matthias Rietschel)

Erfurt – Die Erfolge ostdeutscher Schulen beim aktuellen Pisa-Test sind augenfällig: Sachsen belegt den ersten Platz, Thüringen kommt auf Rang drei, das „schlechteste“ der ostdeutschen Länder, Brandenburg, landet auf Platz acht von 16 Plätzen. Bildungsexperten sehen nach einer ersten Einschätzung dafür vor allem drei Gründe: Die traditionell hohe Wertschätzung der Naturwissenschaften im Osten, kleinere Klassen und der geringe Anteil von Migrantenkindern in den neuen Ländern.

Schwerpunkt des Bundesländer-Vergleichs waren diesmal die Naturwissenschaften. „In Sachsen und in Thüringen ist der Unterricht in den Naturwissenschaften vom Volumen her deutlich stärker als in den westlichen Bundesländern“, erklärt der Erziehungswissenschaftler Klaus Klemm im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP. Das habe noch stark mit der DDR-Tradition zu tun.

Auffallend sei in diesen beiden Ländern auch, dass keine Einteilung zwischen Haupt- und Realschülern vorgenommen werde wie in westlichen Ländern. Dies habe ebenfalls mit der Geschichte zu tun: In der DDR gab es keine Hauptschule, sondern die zehnklassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule, in der mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer hohes Ansehen hatten.

Laut Klemm ist auch der ökonomische Aufwand je Schüler in den neuen Ländern überdurchschnittlich. Dies erkläre aber nicht die Spitzenposition Thüringens und Sachsen im Bereich der Lesekompetenz, meint der Experte. Klemm sähe es allerdings lieber, wenn bei derartigen Ländervergleichen zwischen einer Spitzengruppe, einem Mittelfeld und einer Schlussgruppe unterschieden würde, denn einige Länder lägen nur wenige Punkte auseinander, weshalb der Rang mitunter wenig aussagefähig sei.

„Positives Merkmal des DDR-Schulsystems“

Auch der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, hebt den hohen Stellenwert der naturwissenschaftlichen Fächer im Osten hervor. „Das ist sicherlich ein positives Merkmal des DDR-Schulsystems gewesen“, sagte Kraus der AP. In Ostdeutschland gebe es erheblich kleinere Klassen und zusätzliche Fördergruppen, was die Folge eines „gigantischen Geburtenrückgangs“ in den neuen Ländern nach der Wiedervereinigung gewesen sei. Dadurch seien die Klassen zum Teil noch heute in Ostdeutschland ein Viertel bis ein Drittel kleiner als in Westdeutschland. Daher sei einfach mehr individuelle Förderung der Schüler möglich.

Auch sei der Anteil der sogenannten Risiko-Klientel in den neuen Ländern erheblich kleiner. Der Migrantenanteil unter den ostdeutschen Schülern bewege sich zwischen zweieinhalb und drei Prozent, in Westdeutschland liege er zwischen 16 und 25 Prozent. „Bei einem Vergleich der 16 Flächenländer ohne Migranten wäre Bayern an erster Stelle vor Sachsen“, betont Kraus.

Im Vergleich zur Weltspitze noch viel zu tun

Der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung, Ludwig Eckinger, warnt davor, die Erfolge der ostdeutschen Länder kleinzureden. „In jedem Fall ist es ein großer Erfolg, zu dem man gratulieren kann“, erklärt Eckinger im AP-Gespräch und rät dazu, nach Sachsen und Thüringen zu fahren und sich die „Leuchttürme“ anzuschauen. Eckinger sieht das Modell der Zukunft in Ganztagsangeboten, in denen eine andere Rhythmisierung des Unterrichts stattfinden und sozialpädagogische Angebote integriert werden könnten.

Die Vize-Vorsitzende der GEW, Marianne Demmer, sieht ebenfalls in der hohen Wertschätzung der Ingenieurwissenschaften einen Grund für das gute Abschneiden Sachsens und Thüringens. Aber auch das Festhalten am Gleichheitsideal spiele in den neuen Bundesländern noch eine große Rolle. „Man kümmert sich offenbar doch sehr viel stärker um den unteren Rand des Leistungsspektrums als das in den westlichen Bundesländern der Fall ist“, sagt Demmer der AP.

Im Vergleich mit der Weltspitze gebe es dennoch viel zu tun: „Sachsen ist von der Einwohnerzahl und dem Migrationsanteil vergleichbar mit Finnland, liegt aber immer noch gut 20 Punkte dahinter“, rechnet die Expertin vor. (AP)

 

 

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