Aktuelle Nachrichten – Kultur
09.12.2009
Frankfurt/Main – Es war nicht einfach irgendeine Bildergeschichte, die da am 13. Dezember 1934 in der „Berliner Illustrirten“ (richtig) erschien. Es war die erste jener warmherzigen Bildergeschichten von „Vater und Sohn“, mit denen sich Generationen von Schulkindern beschäftigten. Und noch heute werden die zeitlosen Zeichnungen vom schnurrbärtigen, rundköpfigen Vater und seinem frechen Söhnchen gerne nachgedruckt.
Das schreckliche Schicksal des Karikaturisten e.o.plauen hingegen ist kaum bekannt: Der Nazi-Gegner Erich Ohser, wie er richtig hieß, nahm sich – sein Todesurteil vor Augen – am 6. April 1944 in einer Gestapo-Zelle das Leben.
Gegen den Willen seiner Eltern hatte der gebürtige Vogtländer Ohser in den 20er Jahren eine Ausbildung an der Leipziger Akademie für grafische Künste begonnen. Er wurde Karikaturist, illustrierte Bücher und schmiedete eine lebenslange Freundschaft mit dem berühmten Kinderbuchautor Erich Kästner und dem Journalisten Erich Knauf – zusammen nannten sie sich „die drei Erichs“.
Die Nazis machte sich Ohser mit Hitler- und Goebbels-Karikaturen zu erbitterten Feinden. Und so brannten im Mai 1933 auch Kästners Bücher mit Ohsers Illustrationen. Im Jahr darauf erhielt der Zeichner Berufsverbot. Seine Frau Marigard musste ihn und Sohn Christian nun allein ernähren.
Ohsers prekäre Lage änderte sich erst, als die „Berliner Illustrirte“ Ende 1934 seinen Entwurf für eine neue Comicserie mit zwei neuen, unpolitischen Helden akzeptierte: Vater und Sohn waren geboren. Unter dem Pseudonym e.o. Plauen (Erich Ohser aus Plauen) begeisterte der Künstler nun Woche für Woche Millionen von Lesern, auch die Buchausgaben der Cartoons waren Bestseller.
In den Geschichten, so erklären Ohser-Kenner, spiegele sich das liebevolle Verhältnis, das ihn in seiner Kindheit mit seinem eigenen Vater verbunden habe, und auch seine eigene Liebe zu seinem Sohn Christian.
Die Figuren bestehen aus glatten und runden Linien schwarzer Tusche. „Er verwendet einen formal stark vereinfachten Zeichenstrich und kommt mit einem Minimum an Bildfläche beim Erzählen seiner Geschichten aus“, beschreibt die e.o.Plauen-Galerie, die seine Werke heute sammelt. Ohsers stereotypen Formen „könnten in ihrer Reduzierung Kinderzeichnungen nachempfunden sein“ – kein Wunder, das die Geschichten bei Kindern so gut ankommen.
Trotz seiner Erfolge wurde Ohser mehrfach zu Gestapo-Verhören abgeholt – die alte Feindschaft und Ohsers demokratische Haltung waren nicht vergessen.
Nach drei Jahren läuft die Vater-und-Sohn-Bildergeschichte aus: Immer schwieriger wurde es für den Zeichner, dem enormen Pensum nachzukommen und immer wieder neue originelle Geschichten vorzulegen. In der letzten Folge „Der Abschied“ verschwinden Vater und Sohn Hand in Hand in Richtung Mond, der im letzten Bild mit dem zufriedenen Schnurrbartgesicht des Vaters verziert ist...
Ab 1940 arbeitete Ohser aus wirtschaftlichen Gründen für die vergleichsweise liberale NS-Zeitung „Das Reich“, die auch Nicht-NSDAP-Mitglieder beschäftigte und Bürger erreichen sollte, die der offiziellen NS-Propaganda überdrüssig waren. Ohser lieferte an die 800 Zeichnungen ab, darunter viele Karikaturen berühmter Feinde Nazi-Deutschlands wie etwa Stalin.
Ein zu laut geführtes Gespräch in einem Luftschutzkeller – Ohser war zeitlebens schwerhörig – kostete den Zeichner und seinen Freund Erich Knauf schließlich das Leben. Laut einer Biografie des Südverlags, der die „Vater und Sohn“-Geschichten heute verlegt, sagte Ohser: „Himmler hält sich nur durch täglich 80 bis 100 Hinrichtungen. Ich merke es ja am Dünnerwerden meines Bekanntenkreises.“
Die Freunde wurden jedoch belauscht und denunziert. Propagandaminister Joseph Goebbels persönlich habe den berüchtigten Richter Roland Freisler für das Verfahren eingesetzt und auf ein schnelles und hartes Ende gedrungen, heißt es. Ohser erhängte sich kurz vor der Hauptverhandlung. In seinem Abschiedsbrief versuchte er noch, seinen Freund Knauf zu entlasten, doch vergeblich: Der Journalist wurde enthauptet.
Ohsers Sohn Christian charakterisierte den Vater mit rührenden Worten: „Eine Bildergeschichte zeigt Vater und Sohn, wie sie flache Steine über das Wasser hüpfen lassen. Und als am Abend dann keine Steine mehr da waren, brachte Vater während der Nacht mit der Schubkarre neue Steine, damit sie am nächsten Tag wieder Steine hüpfen lassen konnten.“ Diese tatsächlich wahre Geschichte illustriere ihr liebevolles Verhältnis am besten.
Vater und Sohn sind nebeneinander in Plauen begraben.
http://www.vaterundsohn.de
http://www.galerie.e.o.plauen.de (AP)
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