Menschen & Meinungen – Wenn Kinder ihre Eltern pflegen – Simone Utler
The Epoch Times - Deutschland

Aktuelle Nachrichten – Menschen & Meinungen

Wenn Kinder ihre Eltern pflegen

Simone Utler

19.10.2007

Hamburg – Wenn ihre Mutter wieder einmal vor lauter Schmerzen nur im Bett liegen kann, dann läuft die viereinhalbjährige Emily (Name geändert) zur Höchstform auf: Sie bringt ihr etwas zu trinken, hält ihre Hand und geht mit ihr zur Toilette. Außerdem zieht sie ihre zwei Jahre jüngere Schwester an und sorgt dafür, dass alle etwas zu essen bekommen. Die Mutter leidet unter Rheuma und Emily pflegt sie bei jedem neuen Schub.

So wie Emily geht es einer wissenschaftlichen Studie zufolge in Deutschland schätzungsweise rund 225.000 Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Statt mit Freunden zu spielen, sich beim Sport auszutoben oder regelmäßig in die Schule zu gehen, kümmern sie sich um ein krankes Elternteil.

„Außerhalb von Deutschland ist das schon ein viel diskutiertes Thema, gerade in Großbritannien“, sagt Sabine Metzing vom Institut für Pflegewissenschaften der Universität Witten/Herdecke. Im Ursprungsland der „Young Carers“-Forschung liegen seit Anfang der 90er Jahre Erkenntnisse vor. Im Jahr 2003 waren einer offiziellen Statistik zufolge rund 1,5 Prozent der unter 18-Jährigen pflegende Angehörige, also rund 175.000. „Daraus leiten wir die Schätzung für Deutschland ab“, sagt Metzing.

Die Wittener Pflegewissenschaftler führten für die erste deutsche Studie dieser Art in den vergangenen drei Jahren mehr als 80 Interviews mit Eltern und Kindern in 34 Familien. Sowohl körperliche Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Krebs oder ein Schlaganfall als auch psychische Leiden wie Depressionen, Psychosen oder Suchterkrankungen erforderten den Pflegeinsatz der Kinder.

Der Studie liegt ein sehr breiter Pflegebegriff zugrunde, erklärt die Projektbeauftragte Metzing: „Alles, was die Kinder im Familienleben und Haushalt übernehmen, weil die kranke Person es nicht mehr leisten kann.“ Neben den klassischen Pflegeaufgaben zählen dazu auch Hausarbeiten, die Betreuung von Geschwistern und Behördengänge sowie die seelische Unterstützung des Erkrankten.

„Die Familien wollen so normal wie möglich weiterleben“, sagt Metzing. Bei chronischen Krankheiten sei im Allgemeinen von einer täglich neuen Situation auszugehen, so dass die Familie nicht planen könne. „Das wollen alle auffangen – und wenn es die Kinder sind.“

Soziale Ausgrenzung ist größte Gefahr

Über die Konsequenzen für pflegende Kinder lasse sich noch keine endgültige Aussage treffen. „Dazu sind Langzeitstudien nötig“, erklärt Metzing. Bisher zeichne sich aber ab, dass die Kinder im Allgemeinen emotional stark belastet seien. „Es kommt zu einer Parentifizierung, also die Kinder übernehmen eine Partnerrolle oder eine Elternrolle.“ Hinzu kämen körperliche Auswirkungen, wie Müdigkeit, Erschöpfung und Konzentrationsschwäche. „Die Kinder machen sich einfach immer Sorgen“, sagt die Pflegewissenschaftlerin. Einige Jugendliche heben und tragen das kranke Elternteil sogar.

„Die größte Gefahr ist jedoch, dass sie sozial ausgegrenzt werden“, sagt Metzing. Fast alle der von ihr befragten Kinder litten darunter. Sie haben kaum Zeit für Freunde, eine 14-Jährige war seit drei Monaten nicht mehr in der Schule. „Wenn ihre Hilfe zuhause notwendig ist, stellen diese Kinder alles hinten an.“ Doch Metzing betont auch, dass nicht nur Druck da sei: „Manche Kinder sind unglaublich stolz auf das, was sie leisten.“ So zum Beispiel Emily.

Bei Entlastung eine Alternative bieten

Besonders schwer ist die Situation für Kinder von psychisch Kranken. „Das Gebot der Schweigepflicht ist in diesen Familien immens groß“, sagt die Kinder- und Familientherapeutin Susanna Staets. Sie erlebe häufig, dass Kinder sich sehr anstrengen, um ein Wiederkehren der Krankheit zu verhindern. „Es kann prägend für ihr Leben werden, wenn sie feststellen, dass ihre ganze Bemühung nichts bringt“, sagt Staets. Daher sei es besonders wichtig, dass sie jemanden zum Reden haben.

Um Kinder psychisch kranker Eltern zu unterstützen, hat sie vor neun Jahren das Konzept für „Kipkel“ entwickelt, einen in Haan bei Düsseldorf ansässigen Verein. Er will helfen, die Kinder von ihrer Elternfunktion, ihren Schuld- und Schamgefühlen zu entlasten, sie über die Krankheit aufzuklären und den Kontakt zu Kindern in einer ähnlichen Situation herzustellen, aber auch bei der Freizeitgestaltung.

Es sei sehr wichtig, den Kindern eine Alternative zu bieten, wenn sie entlastet werden, betont Staets. Denn das Kind verliere seine bisherige Position, wenn nun beispielsweise eine Haushälterin komme. „Das kann Kinder in eine Depression stürzen“, sagt Staets, die ebenfalls überzeugt ist, dass pflegende Kinder nicht nur belastet sind: „Sie erlangen eine unglaubliche soziale Kompetenz. Das ist ein Aspekt, den man bei all der Tragik nicht übersehen darf.“

Bisher gibt es noch kein bundesweites Hilfsprogramm, sondern nur regionale Initiativen, überwiegend Angebote für Kinder von psychisch Kranken. Eine Beratungsstelle für Kinder von körperlich Kranken bietet beispielsweise das Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf unter dem Namen „Cosip“. Die Wissenschaftler aus Witten/Herdecke wollen nun im zweiten Teil ihres Projektes ein Konzept entwickeln und erproben, das Kommunen bundesweit übernehmen können.

http://www.uni-wh.de/

http://www.kipkel.de/

http://www.uke.uni-hamburg.de/ (AP)

 

Hier können Sie sich im Newsletter eintragen.

Folgen Sie uns auf Facebook , Twitter und Google+.

Schlagworte

 
Anzeige
Anzeige