Erfurt – Sie bezaubert durch Geschichten: Die Kinder- und Jugendbuchautorin Kirsten Boie zieht ihre Leser von den jüngsten, die sich an Bilderbüchern begeistern, über Teenager bis hin sogar zu den Großeltern in ihren Bann. Scheinbar leicht und spielerisch fügt sie Fantasie, Detailtreue, Sprachwitz, Situationskomik und Spannung zu einer Einheit zusammen. Sie erzählt so, dass ihre Leser schmunzeln, manchmal sogar laut lachen müssen.
Und wenn es die innere Wahrheit einer Geschichte erfordert, dann vermeidet die Autorin auch mit voller Härte ein versöhnliches Ende, weil sie sich nicht über Dummheit und Bösartigkeit hinweglügen kann. Wer so schreibt, muss Kinder lieben. „Kinder sind ein anstrengenderes Publikum als Erwachsene“, sagt Kirsten Boie im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP. „Sie sind nicht so höflich, aber mit ihnen ist es oft ganz spannend und macht viel Spaß.“
Lesungen wie zu den Kinderbuchtagen in Erfurt sind für Boie die einzige Möglichkeit, mit der Zielgruppe direkt in Kontakt zu kommen. Sonst verläuft ihr Leben äußerlich eher unspektakulär, wenn man von gelegentlichen Reisen absieht, die sie im Auftrag des Goethe-Instituts unternimmt. In der Regel sitzt sie jeden Morgen ab 08.00 Uhr zu Hause am Schreibtisch. Meist möchte sie dann erst mal was anderes machen, wie sie gesteht, aber wenn sie sich in den bisher entstandenen Text eingelesen hat, dann bekommt sie fast immer große Lust, weiter zu arbeiten.
„Ich bin tatsächlich in einer ungeheuer privilegierten Situation, dass ich nur schreibe, was ich schreiben möchte“, erklärt die Autorin. In mehr als 20 Jahren sind nunmehr rund 80 Bücher entstanden. Boie selbst hat sie nicht gezählt und meint, dass man dies nicht so wichtig nehmen solle, weil ja auch viele Bilderbuchtexte darunter seien.
Die Zahl veröffentlichte ihr Hausverlag Friedrich Oetinger in Hamburg. Oetinger war es übrigens, der 1949 den Mut hatte, die Geschichte des starken, frechen Mädchens Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren in deutscher Sprache herauszubringen, nachdem mehrere Verleger abgelehnt hatten. Seitdem betreut der Hamburger Verlag die deutschsprachigen Ausgaben der Werke der bekanntesten Kinderbuchautorin der Welt.
„Astrid Lindgren ist die Autorin, die den stärksten Einfluss auf mich ausgeübt hatte, und das, weil ich sie als Kind leidenschaftlich gelesen habe“, bekennt Boie. Sie spricht von einem „unerreichten Vorbild, das man nicht kopieren kann“. Indessen hat Lindgrens Tochter, die ja zuallererst etwas über Pippi Langstrumpf erfuhr, bereits mehrere Bücher von Kirsten Boie ins Schwedische übersetzt, und so schließt sich ein Kreis.
Kritiker haben Boie als Astrid Lindgrens Erbin in Deutschland bezeichnet, weil man mit vollem Recht eine Reihe von Vergleichen ziehen kann, unter anderem etwa zwischen den „Kindern von Bullerbü“ und den „Kindern aus dem Möwenweg“ oder zwischen der Poesie von „Mio, mein Mio“ und von „Der durch den Spiegel kommt“, um nur einige Beispiele zu nennen. Doch derartiges Abmessen und Vergleichen ist müßig. Boie ist Boie.
Es gibt in der modernen deutschen Kinder- und Jugendliteratur nur wenige, die so sensibel in das kindliche Denken und Fühlen eindringen können und dafür eine künstlerische Form finden, die Lesefreude erzeugt. Und es gibt noch weniger Autoren, die so viele Register ziehen können wie Kirsten Boie. Sie entführt ihre Leser in alte Zeiten, indem sie einen kleinen Bauernjungen mit seinem Ferkelchen am Strick in die Stadt ziehen lässt, oder sie entdeckt die Winzlinge Nis und Moa aus dem Volk der Medlevinger, die vor 500 Jahren in ein Land unter die Erde gezogen sind.
In der Gegenwartserzählung „Nicht Chicago. Nicht hier“ schildert sie detailgenau, wie der 13-jährige Niklas von einem Jungen terrorisiert und so gequält wird, dass dem Leser fast die Luft wegbleibt. Sie schaut den Jugendlichen „aufs Maul“, um einen Ausdruck Martin Luthers zu verwenden, und lässt mit Steffen einen ganz coolen Jungen aus der „Unterschicht“ von sich erzählen. Mona erlebt eine wunderbare Liebe, die ganz anders ist, als der Titel vermuten lässt, und Josef Schaf wünscht sich einen Menschen zum Spielen – diese kleine Auswahl belegt: Vielfalt ist ihre Stärke.
Doch vielleicht sind es gerade die stillen Geschichten wie „Mit Kindern redet ja keiner“ oder „Man darf mit dem Glück nicht drängelig sein“, die bleiben werden. Weil Kinder solche Bücher dringend brauchen, unbeeindruckt von einer Medienwelt, die von Event zu Event hastet und sich auf der Jagd nach Superlativen immer schneller um die eigene Achse dreht, die sie für den Nabel der Welt hält. (AP)
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