Geschichte - Erkenntnisse und Fakten – Wie die Oberschicht Hitler hofierte – DAPD
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Vitrine Sachbuch Wie die Oberschicht Hitler hofierte

DAPD

04.02.2010

Frankfurt/Main (apn) Nach den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg und erst recht danach war die konservative Oberschicht im Deutschen Reich zutiefst verunsichert. Das Buch „Salon Deutschland“ von Wolfgang Martynkewicz zeigt am Beispiel eines noblen Debattierklubs in München, wie die selbsternannte Elite ihre Vormachtstellung verlor und sich angesichts des „Unbehagens an der Moderne“ die Sehnsucht nach einer Führerpersönlichkeit Bahn brach.

Im Salon der Verlegersgattin Elsa Bruckmann-Cantacuzène verkehrte intellektuelle Prominenz wie Houston Stewart Chamberlain, Hugo von Hoffmansthal, Mitglieder des George-Kreises oder Rainer Maria Rilke. Aber auch Adolf Hitler, von der Salonnière anfangs wie ein exotisches Lebewesen bewundert, gefördert und hofiert. Viele von ihnen sehnten sich nach einer durchsetzungsstarken Führerpersönlichkeit in Deutschland.

Als sich die NS-Unkultur schließlich brachial und weitgehend ohne Rücksicht auf zarte Oberschicht-Strömungen Bahn brach, machte sich Enttäuschung breit. Das Buch zeigt schlüssig und hintergründig mit vielen Tagebuchauszügen und gesellschaftlichen Exkursen auf, wie es dabei zu der typischen Argumentationskette kam: „Davon haben wir nichts gewusst, und wenn es das wirklich geben hat, lag es daran, dass Hitler schlecht beraten oder von Unmenschen umgeben war.“

Martynkewicz liefert ein eindrucksvolles Genrebild der konservativ-gebildeten Szene der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die nicht unwesentlich dazu beitrug, den Nationalsozialisten die „Machtergreifung“ zu ermöglichen. Man spürt am Ende förmlich das entschuldigende Schulterzucken: „Dass es soweit kommt, haben wir nicht gewollt.“ Elsa Bruckmann verpflegte Hitler immerhin in der Festungshaft in Landsberg. Möglicherweise schmuggelte sie die Fahnen von „Mein Kampf“ aus der Anstalt. Das Buch ist ein intellektuelles Plädoyer für den Imperativ: „Wehret den Anfängen!“ (Thomas Rietig)

(Aufbau Verlag, November 2009, ISBN 978-3-351-02706-3, 620 Seiten, 26,95 Euro) (AP)

http://www.aufbau-verlag.de

 

 

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