Aktuelle Nachrichten – International
25.12.2008
Fragt man in Palästina jemanden nach seinem Befinden, ist die Antwort meist „kull ischi tamaan“ – „alles läuft gut“. Über Probleme oder Schwierigkeiten zu reden, gilt in diesem hochproblematischen Land als unschicklich. Man behält die täglichen Sorgen und Nöte besser für sich, denn Lösungen werden ohnehin kaum mehr erwartet. Es macht mich ratlos, wenn ich mit meinen deutschen Denkmustern die Situation der Menschen in Palästina einordnen und beurteilen will. Die Dinge so anzunehmen, wie sie sind, ohne sie bewerten zu wollen, war wohl die größte Herausforderung für mich, während ich als Entwicklungshelferin im Nahen Osten arbeitete.
Als Physiotherapeutin im Team des Sozialverbandes des VdK Berlin-Brandenburg hatte ich mich entschieden, für drei Jahre meine beruflichen Erfahrungen im Caritas Baby Hospital in Bethlehem einzubringen.
Das Caritas Baby Hospital
Das Hospital mit seinen 92 Betten und 200 Mitarbeitern ist noch immer das einzige auf Kleinkinder spezialisierte Krankenhaus in Palästina. Die Trägerschaft hat der deutsch-schweizerische Verein „Kinderhilfe Bethlehem“, der die Arbeit des Hospitals finanziell sichert und für einen hohen Pflegestandard sorgt. Die Klinik ist bis zu 90 Prozent auf Spenden aus dem Ausland angewiesen, da die meisten Familien die Krankenhauskosten für ihr Kind nicht bezahlen können.
Die Mehrzahl der Kinder im Hospital kommt aus den Dörfern und Flüchtlingslagern der Umgebung. Die Umwelt- und sozialen Bedingungen in der ländlichen Region sind viel schlechter als innerhalb von Städten wie Hebron, Ramallah oder Bethlehem. Es mangelt an Essen, die Heizung ist im Winter unzureichend und eines der Hauptprobleme ist der Zugang zu sauberem Trinkwasser.
Schmutziges Wasser statt Muttermilch
Wenn die Mütter nicht genügend Milch zum Stillen haben, werden die Babys vielfach unzureichend ernährt. Oft haben die Mütter kein Geld für Milchpulver oder sie verdünnen es so stark, dass es keinen Nährwert mehr hat. Außerdem wird das Milchpulver oft mit schmutzigem Wasser angerührt. Viele Kinder leiden deshalb an Magen-Darm-Erkrankungen mit starkem Durchfall. Häufig kommen die Kinder sehr spät zur Behandlung und wegen Gefahr der Austrocknung muss sofort eine Infusion gelegt werden Im vorigen Jahr starb im Caritas Baby Hospital ein sechs Monate altes Baby innerhalb weniger Stunden nach seiner Einweisung an einer akuten Gastro-Enteritis. Die Familie hatte das Geld für die Fahrt nach Bethlehem nicht früher zusammen gebracht und so wurde die Fahrt verschoben, bis es zu spät war.
Bedingt durch die mangelhafte Ernährung der Mütter werden uns immer wieder Kinder mit Wachstumsstörungen oder einer bestimmten Art von durch Eisenmangel verursachter Anämie gebracht. Die Versorgung mit Eisen ist in den ersten Lebensmonaten enorm wichtig, denn es hat für die geistige und körperliche Entwicklung eine wichtige Funktion. Es bestimmt unter anderem auch die Entwicklung des IQ.
Auf der Frühgeborenenstation lagen Babys, die bereits mit ernstem Vitamin B-12 Mangel zur Welt kamen. Das ist besonders festzustellen, wenn sich werdende Mütter aus Geldnot während ihrer Schwangerschaft fast nur von Brot und Tee ernähren konnten. Stillen sie dann nach der Entbindung, enthält auch ihre Milch kein B-12 und so geben sie ihre eigene Unterernährung an ihre Babys weiter.
Der kleine Ahmad
Auf den Stationen waren es hauptsächlich Kinder mit Atemwegserkrankungen, die meine Hilfe als Krankengymnastin benötigten. Außerdem war ich zuständig für die ambulante Behandlung von Kindern mit Entwicklungsstörungen und Körperbehinderungen. Einer meiner kleinen ambulanten Patienten war Ahmad. Der Junge war zu früh zur Welt gekommen, musste auf unserer Intensivstation für Frühgeborene lange beatmet werden und hat eine spastische Lähmung in den Beinen zurückbehalten.
Die Familie von Ahmad lebt in einem kleinen Dorf, fünfzehn Kilometer südlich von Bethlehem. Mit dem eigenen Stück Land konnte die Familie bis vor drei Jahren ihren Unterhalt sichern. Da sich jedoch die benachbarte jüdische Siedlung weiter und weiter ausdehnte, grenzten nun die Felder der palästinensischen Familie direkt an die jüdische Siedlung. In einem solchen Fall dürfen Palästinenser aus Sicherheitsgründen nicht mehr in die Nähe ihrer Anpflanzungen kommen. Jüdische Siedler oder israelische Soldaten würden sie mit Gewalt vertreiben. Daraufhin hat es die Familie mit einer Hühnerfarm versucht, aber wegen der Vogelgrippe wurden die Hühnerpferche von israelischen Soldaten zerstört und die Hühner getötet. Der Vater sammelte zuletzt Kräuter in den umliegenden Wäldern und verkaufte sie in Hebron auf dem Markt. Obwohl die Grundnahrungsmittel in Palästina billig sind, reichte der Erlös zur Ernährung der Familie nicht aus. Oft stand auch bei dieser Familie nur Tee und Brot auf dem Tisch. Trotzdem brachte die Mutter ihren Sohn einmal in der Woche nach Bethlehem in unser Hospital. Da das Dorf keine Busverbindung hat, musste sie ihr Kind zur Busstation ins Nachbardorf tragen. Das Fahrgeld für den Bus borgte sie sich meist von einer Nachbarin.
Wo Behinderung eine Schande ist
Mit dem Engagement für ihren Jungen ist Ahmads Mutter eine Ausnahme. Behinderungen werden in der palästinensischen Kultur immer noch als Schande empfunden und man vermeidet es, das betroffene Kind in der Öffentlichkeit zu zeigen. Die Heiratschancen der Geschwister könnten sich dadurch drastisch verringern. Palästina ist das Land mit einer der weltweit höchsten Behindertenraten, weil noch heute meist innerhalb der Familie geheiratet wird. Im Bewusstsein der Bevölkerung spielt die Frage des Inzests aber eine geringe Rolle.
Fortschritt und Entwicklung scheinen in Palästina zum Stillstand gekommen zu sein, viele Familien verarmen seit dem Beginn der zweiten Intifada (sie dauerte von 2000 – 2005) und nun auch durch die Blockade internationaler Hilfszahlungen. Trotzdem sieht man in Palästina keinen auf der Straße schlafenden Wohnungslosen oder in Müllcontainern nach Essen suchende Menschen. Der starke Familienzusammenhalt in der arabischen Kultur fängt Vieles auf und muss das auch. Sozialversicherungen gibt es nicht, nur eine Minderheit kann sich eine Krankenversicherung leisten. Die Altersvorsorge ist hier noch immer der Kinderreichtum und so sind heute etwa 46 Prozent der Bevölkerung Palästinas unter 14 Jahre alt. Die Zahl der Arbeitsplätze hat aber keinesfalls entsprechend dieser Bevölkerungsexplosion zugenommen, man spricht von einer realen Arbeitslosigkeit in Höhe von rund 70 Prozent. Wer von den jungen und gut ausgebildeten Leuten eine Möglichkeit sieht ins Ausland zu gehen, versucht diese Chance wahr zu nehmen.
Straßensperren und Eselspfade
Die Machtkämpfe zwischen Fatah und Hamas, aber auch 40 Jahre israelische Besatzung verhindern jegliche positive Entwicklung. So ist zum Beispiel die Bewegungsfreiheit der Bevölkerung stark eingeschränkt. Mit privatem PKW sind längere Fahrten fast unmöglich, da israelisches Militär täglich Straßensperren errichtet oder den Verkehr auf andere Strecken, teilweise sogar auf Eselspfade, umleitet, auf denen sich nur Ortsbewohner oder Taxifahrer auskennen.
Die starke Präsenz israelischer Soldaten in den palästinensischen Gebieten gilt dem Schutz der 475.000 jüdischen Siedler, die in 144 Siedlungen im Westjordanland leben. In der Apartheidpolitik Israels haben die Palästinenser keine Rechte, um sich gegen Landkonfiszierung, Verhaftung oder Verweigerung der Ein- und Ausreise zu wehren. Zudem fehlt es in Palästina an einer funktionierenden Verwaltung und die Fatah-Regierung gilt als äußerst korrupt. In diesem Vakuum gewinnt die Hamas erfolgreich Einfluss. Überall entstehen von der Hamas finanzierte Einrichtungen für Kinder, Kranke, Behinderte und Senioren oder für Familien, deren Angehörige in einem israelischen Gefängnis inhaftiert sind. Damit zieht die Hamas die Menschen auf ihre Seite und Palästina entwickelt sich mehr und mehr zu einem Land mit stark islamistischer Ausrichtung.
Freiluftgefängnis Palästina
Die palästinensischen Siedlungsgebiete sind inzwischen fast komplett mit einer Mauer umgeben. Wachtürme, Sperranlage und Checkpoints bestimmen das Landschaftsbild. Die Übergänge nach Israel sind für Palästinenser versperrt und die Tatsache, dass israelisches Militär Bethlehem in wenigen Minuten abriegeln kann, vermittelt hier jedem das Gefühl, in einem riesigen Freiluftgefängnis zu leben. Dies erzeugt Druck und mehrmals habe ich erlebt, wie fragil die vermeintliche Ruhe ist und wie schnell sich die Anspannung in Gewalthandlungen und Straßenkämpfen entladen kann. Mit meinem deutschen Dienstpass kam ich überall durch und konnte mit meinem Auto problemlos über den Checkpoint in das nur 11 Kilometer entfernte Jerusalem fahren. Trotzdem spürte auch ich die Anspannung, die überall in der Luft zu liegen scheint.
Zusätzlich ist das Leben als alleinstehende Frau in einem orientalischen Land nicht einfach und die Möglichkeiten für Freizeitunternehmungen sind sehr reduziert. Doch die umwerfende Gastfreundschaft, die Offenheit und Freundlichkeit der Menschen, und besonders die intensiven Begegnungen mit den Mitarbeitern im Hospital und mit den Müttern meiner kleinen Patienten hat Vieles wieder wettgemacht. Das Leben in einer so ganz anderen Kultur hat meinen Blick geweitet und ich habe verstanden, dass es auf den Menschen selbst ankommt, was er aus den Verhältnissen macht, in die er hineingestellt ist.
Hat Ahmad eine Chance?
Noch heute kehren meine Gedanken immer wieder zu Ahmad zurück. Wie wird sein Leben verlaufen? Wird seine Mutter weiterhin die Strapazen auf sich nehmen und ihn zur Behandlung nach Bethlehem bringen können? Wie wird er an brauchbare Gehhilfen kommen? Wird man ihn trotz seiner Behinderung in die Schule aufnehmen oder wird er das Schicksal der meisten behinderten Kinder in Palästina teilen und Zuhause ein Schattendasein führen? Und wieder ertappe ich mich dabei, wie ich meine deutschen Maßstäbe an palästinensische Gegebenheiten anlege und dabei in Ratlosigkeit gerate.
Die Autorin: Margit Lindner, geboren 1954 in Bayern, arbeitet seit 1980 als Physiotherapeutin mit Kindern und unterrichtet im Bereich der Fort- und Weiterbildung im Gesundheitswesen. Hauptsächlich fachliche Gründe motivierten sie, als Entwicklungshelferin nach Palästina zu gehen, die enge Zusammenarbeit mit Krankenschwestern und Ärzten, die Spezialisierung des Krankenhauses auf Säuglinge und Kleinkinder. Gleichzeitig reizte sie als gläubige Christin der Aufenthalt im "Heiligen Land".
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