Aktuelle Nachrichten – Städtereisen & Kulturreisen
02.06.2012
Foto: Bernd Kregel
Im Prater blüh’n wieder die Bäume, und pünktlich zum Frühlingsanfang genießen die Wiener mit Hingabe auf den Bänken und Rasenflächen ihrer Stadt die herbeigesehnten warmen Tage. Die Saison kann endlich beginnen. Doch hat sie das nicht schon? Zumindest die Kunstszene ist bereits seit Wochen in heller Aufregung. Denn längst pfeifen es die Spatzen von den Dächern des Stephansdoms: „Diesen Kuss der ganzen Welt!“ - und meinen damit doch nicht das in den nächsten Jahren anstehende Beethoven-Jubiläum, sondern das Bild der Bilder von Gustav Klimt, das zu seinem 150. Geburts-Jubiläumsjahr als überzeugender Türöffner von allen Plakatwänden und Litfasssäulen herab keinen Betrachter unbeteiligt lässt.
Die Suche nach dem Original führt von der Innenstadt hinauf ins Obere Belvedere mit seiner prächtig verspielten Barock-Fassade. Drinnen jedoch ist es dann die Jugendstil-Sammlung von Gustav Klimt, die eine spürbare Sogwirkung auf die Schlossbesucher ausübt. Und ist sie endlich jenseits des repräsentativen Treppenhauses gefunden, verwandelt sich die hochgesteckte Erwartung in eine staunende Stille, die die von den Kunstwerken ausgehende Faszination augenblicklich einfordert.
„Der Kuss“ als geniale Pose
Und mittendrin „Der Kuss“, unzählige Male auf Abbildungen dargestellt und - als das heute wohl berühmteste Bild eines Liebespaares - inzwischen längst zur Welt umspannenden Ikone herangereift. Und doch handelt die Darstellung nicht von einem Paar wie Romeo und Julia, von ihrer gegenseitigen Hingabe in jugendlich-ekstatischer Leidenschaft. Hier geht es wesentlich verhaltener zu. Denn noch ist in dem vom Künstler festgehaltenen Augenblick eher eine Umarmung erkennbar, bei der die Angebetete mit geschlossenen Augen ihren Kopf erwartungsvoll nach hinten beugt, während ihr Geliebter sich mit seinem Mund langsam und verheißungsvoll ihren strahlend roten Lippen nähert. Ein ahnungsvoller Moment kurz vor der zu erwartenden sinnlichen Explosion!
Dabei bilden die bunte Blumenwiese, der das Paar umgebende goldene Schein sowie die in symbolträchtigen Goldmustern herab wallenden Kleidungsstücke einen stimmungsvollen Rahmen für das die Fantasie anregende Geschehen. Sind dies am Ende nicht gar Gustav Klimt und seine Geliebte Emilie Flöge selbst? Eine Meinung, die sich in der Fachwelt immer stärker durchsetzt und der Innigkeit gerecht wird, mit der sich der Künstler seiner Muse körperlich nähert. In dieser Ausdrucksstärke wohl kaum wiederholbar und somit als geniale Pose ein Kuss für die Ewigkeit!
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