Ausgefunkelt: Der Niedergang der deutschen Glasindustrie

Nach aktuellen Zahlen des Bundesverbands Glasindustrie machten die Hersteller von Wirtschaftsglas, wozu auch Trinkgläser gehören, 2016 nur noch einen Umsatz von 409 Millionen Euro. 2005 waren es noch 653 Millionen Euro.

Mit wackligen Schritten stapft Willi Steger die vereiste Treppe zu „seiner“ alten Glashütte hinunter. Unter dem 83-Jährigen mit dem fein säuberlich gestutzten Bart liegt im Schnee des Bayerischen Waldes versunken das Gelände der Riedlhütte. Steger leitete hier zu Spitzenzeiten eine Fabrik mit 860 Mitarbeitern, die Millionen funkelnde Bleikristallgläser für den Weltmarkt herstellte.

Die Fabrik gibt es nicht mehr, ebenso wenig die Schwesternwerke in Spiegelau und bald auch in Frauenau wenige Kilometer weiter. Wenn Mitte Februar hunderte Kilometer entfernt auf der weltgrößten Konsumgütermesse Ambiente in Frankfurt am Main die deutschen Glashersteller ihre neuen Weingläser vorstellen, dann präsentieren sich dort die Überreste einer einst stolzen Traditionsindustrie.

Nach aktuellen Zahlen des Bundesverbands Glasindustrie machten die Hersteller von Wirtschaftsglas, wozu auch Trinkgläser gehören, 2016 nur noch einen Umsatz von 409 Millionen Euro. 2005 waren es noch 653 Millionen Euro. Ein grundsätzlicher Wandel auf den Tischen der Republik und die Globalisierung, die über die ehemals zahlreichen deutschen Glashütten hereinbrachen, lassen die Branche nur noch in der Rückschau glänzen.

Niemand kann diese Geschichte besser erzählen als Willi Steger, während er vor den verschlossenen Toren seines Lebenswerks steht. „Früher wollten die Leute ein festliches Gedeck“, sagt er wehmütig. Schweres Bleikristall, das war jahrzehntelang gefragt auf den Sonntagstafeln und in Vitrinen in Deutschland, Europa und den USA. Und niemand war erfolgreicher in der Herstellung dieser Gläser als die Firma Nachtmann, Stegers Arbeitgeber für ein halbes Jahrhundert.

Während Steger vom einfachen Lehrling zum Werksleiter aufstieg, produzierten die Glashütten in den kleinen Dörfern der Grenzregion schon längst für den Export nach Übersee und garantierten tausenden Familien in der kargen strukturschwachen Gegend ihr Auskommen. Marken wie Nachtmann, Spiegelau und Schott-Zwiesel wurden von Hausfrauen wie Gastronomen weltweit für ihre Qualität geschätzt.

Doch dann kamen die 70er und eine industrielle Revolution, die keiner damals für möglich gehalten hatte: Maschinen, die Gläser genauso schön herstellen konnten wie die stolzen Glasbläsermeister. „An dem Wandel war ich auch nicht ganz unschuldig“, sagt Steger, der sich sehr für die neue Technik begeistern kann. Wo fünf Glasmacher an einem glühend heißen Ofen in einer Acht-Stunden-Schicht nur etwa 800 Gläser mundblasen konnten, schafften die Maschinen 12.000 Stück.

Es war der Beginn eines schleichenden Niedergangs. Im Gegensatz zu den Glasbläsern konnten die Maschinen auch die Nacht durcharbeiten – und sie tranken nicht so viel. 120.000 Liter Bier flossen in der Riedlhütte pro Jahr die durstigen Kehlen hinab. Allerdings sind solche Maschinen auch nicht ortsgebunden. Produzenten im Osten begannen, den Markt mit billigeren Gläsern zu fluten.

Gleichzeitig änderte sich der Geschmack der Verbraucher. Schlichte Gläser ohne großen Prunk kamen in Mode. Die schmuckvoll geschliffenen farbigen Römerkelche, einst Markenzeichen der Riedlhütte, wurden zu Ladenhütern. Wenn es überhaupt noch Läden gibt, in denen solche Gläser zu kaufen sind. Denn die Kunden holen sich ihr Geschirr nicht mehr im Fachgeschäft, sondern im Zweifel bei Ikea. Sehr zum Bedauern Stegers: „Glas ist heute ein Wegwerfprodukt“, sagt er. (afp)

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