Aktuelle Nachrichten – Europa
27.04.2009
Neapel – Die Weltwirtschaftskrise bietet den Syndikaten der italienischen Mafia beste Chancen zum Ausbau ihrer Geschäfte. Während die Banken die Kreditvergabe drosseln, verleiht die Mafia munter Geld, um ihre schmutzigen Einnahmen reinzuwaschen und sich Unternehmen einzuverleiben, die in Zahlungsrückstand geraten. In Zeiten sparsamer Verbraucher verspricht zudem der Handel mit gefälschten Markenprodukten der Mafia hohe Wachstumschancen, wie Ermittler betonen.
Die Syndikate der organisierten Kriminalität, oft unter der Bezeichnung Mafia zusammengefasst, haben reichlich Bargeld zur Verfügung. Die Camorra, die 'Ndrangheta oder auch die Cosa Nostra haben ihr Kreditgeschäft deutlich ausgebaut, um „die Kontrolle über Geschäfte zu übernehmen, die in Schwierigkeiten sind“, hieß es in einem Bericht des italienischen Geheimdienstes. Die Kredithaie haben Hochkonjunktur.
Die Kreditklemme und die steigende Arbeitslosigkeit könnten die Geschäfte der Mafia in der Immobilienbranche und im Bereich des Einzelhandels noch weiter beleben, warnte der Geheimdienst im März. Für die Mafia-Bosse ist die Krise „nur ein Vorteil“, pflichtet der Anti-Mafia Staatsanwalt Franco Roberti aus Neapel bei.
Die zumeist aus Süditalien stammenden Syndikate breiten sich auch immer mehr im Zentrum und im Norden des Landes aus – oftmals, um Drogengeld reinzuwaschen. „Die Camorra verdient das Geld hier im Süden, aber investiert wird es dann in legale Geschäfte im Norden“, sagt Giovanni Mainolfi von der Steuerfahndung in Neapel.
In Rom haben die Syndikate Immobilien in den besten Vierteln gekauft, erklärt Staatsanwalt Giancarlo Capaldo. Neulich gab es auch Durchsuchungen in einigen Hotels, Restaurants und Cafés, die in den Händen der Mafiosi sein sollen. „Diese Einrichtungen sind gut gemanagt, weil sie Geld verdienen wollen“, sagt Capaldo. Einige der verdächtigten Etablissements seien sehr bekannt und auch in Reiseführern verzeichnet.
Die Geschäfte einiger Autohändler wurden beschlagnahmt, die Polizei ging von einer Verwicklung der Camorra aus. Zuletzt seien in Rom auch vermehrt Camorra-Leute in Leihhäusern gesehen worden, erklärt Roberto Casagrande von den Carabinieri. So versuchen sie, angeschlagene Läden ausfindig zu machen, ihnen Kredite anzubieten und sie später zu übernehmen, wie der Ermittler erklärt.
Italien hat in den vergangenen Jahren große Erfolge bei der Bekämpfung der Mafia erzielt – einige Bosse wurden geschnappt, zahlreiche Vermögen wurden beschlagnahmt. Aber die Krake des organisierten Verbrechens breitet sich trotzdem immer weiter aus. Nach Schätzungen des politikwissenschaftlichen Instituts Eurispes in Rom soll die Mafia im vergangenen Jahr etwa 130 Milliarden Euro verdient haben, das entspricht acht Prozent der italienischen Wirtschaftsleistung. Etwa die Hälfte der Einnahmen soll aus dem Drogenhandel stammen, der Geldverleih soll den Syndikaten knapp 13 Milliarden Euro in die Kasse gespült haben. Rund 180.000 Händler und Geschäftsleute sollen direkt oder indirekt auf Kredite der Mafia angewiesen sein.
Auch die kalabrische 'Ndrangheta, die laut Ermittlern aufgrund von Verbindungen zu kolumbianischen Drogenkartellen inzwischen mehr Geld verdient als die Cosa Nostra, soll sich verstärkt im Norden des Landes engagieren. „Sie verschlingen ganze Stadtviertel“, sagt die Bürgermeisterin der Hafenstadt Genua, Marta Vincenzi. Immer mehr Geschäftsleute würden gezwungen, Schutzgelder zu zahlen.
Auch der Handel mit Imitaten von Markenprodukten läuft für die Mafia bestens. Die Waren – Designer-Kleidung, Schuhe oder Handtaschen – werden inzwischen tonnenweise aus China importiert. Nach Schätzungen von Eurispes wurde damit allein im vergangenen Jahr ein Gewinn von 6,3 Milliarden Euro erzielt.
Die Mafia-Bosse unterhalten beste Geschäftsbeziehungen zu chinesischen Syndikaten, wie Staatsanwalt Roberti sagt. Dies ist nach seinen Berechnungen für die Mafia sogar noch lukrativer als der Drogenhandel: Für einen eingesetzten Euro werden mit Imitaten bis zu zehn Euro verdient, beim Drogenhandel sind es sechs oder sieben Euro.
Die Imitate, die in ganz Italien und zunehmend auch in ganz Europa verkauft werden, kommen zumeist per Schiff im chaotischen Hafen von Neapel an. Dort wird nur etwa jeder zwanzigste Container vom Zoll überprüft, wie Mainolfi von der Steuerfahndung einräumt. (AP)