Dutzende Schiffswracks im Schwarzen Meer entdeckt – Grundlage der modernen Schifffahrt gefunden

Während einer Mission zur Kartografierung des Schwarzen Meeres wurden über vierzig teils tausend Jahre alte Schiffswracks entdeckt. Ihr unglaublich guter Zustand ist eine absolute Seltenheit und bietet Erkenntnisse über die Geschichte der europäischen Handelsrouten.

Ein internationales Expertenteam ist in einer umfassenden Mission damit beauftragt worden, den Boden des Schwarzen Meeres zu kartografieren. Dabei sollen Erkenntnisse über den Einfluss der Besiedlung in der Region, sowie zum Wasseranstieg nach der letzten Eiszeit gesammelt werde.

Im Verlauf dieser Mission sind die beiden ferngesteuerten Tauchroboter (ROVs, Remote Operated Vessels) auf über vierzig Schiffswracks gestoßen. Die Wracks werden dem Byzantinischen und Osmanischen Reich zugeordnet und liegen dort teilweise seit 1.000 Jahren. Trotz vieler geschichtlicher Berichte über verlorene Schiffe ist es das erste Mal, dass die entsprechenden Wracks diese Angaben bestätigen können.

Darüber hinaus bieten die Schiffe Anhaltspunkte, in welchen Beziehungen die küstennahen Gemeinden und Städte gestanden und Handel getrieben haben.

Professor John Adams, Gründungsdirektor und Hauptermittler des Zentrum für Meeresarchäologie an der Universität von Southampton, sagte, dass die Wracks ein unerwarteter Bonus sind und eine interessante Geschichte liefern können. „Sie sind umwerfend gut erhalten“, so Adams weiter, „niemand hat jemals so vollständige Wracks in dieser Tiefe gefunden.“.

“Wir konnten unseren Augen nicht trauen“: Die Entdeckung einer verlorenen Welt

Die mittelalterlichen Schiffe liegen knapp einen Kilometer tief unter der Wasseroberfläche. Durch die Tiefe und Wasserverhältnisse konnten Masten, Decks und andere Holzarbeiten seit sieben oder acht Jahrhunderten ungestört liegen. Ein Mangel an Sauerstoff in den eisigen Tiefen und die absolute Dunkelheit stellen eine lebensfeindliche Umgebung dar und haben ein Zersetzen der hölzernen Bauteile verhindert.

Diesen Herbst haben Wissenschaftler jeweils ein ROV zu den Wracks gesandt und unter Flutlicht tausende Fotos gemacht. Ein Computer hat diese schließlich zu den endgültigen, hochauflösenden Bildern zusammengesetzt.

Archäologen schätzen die Funde auf das 13. bis 14. Jahrhundert. Sie ermöglichen einen neuen Blickwinkel auf die Schiffe, die zwei Jahrhunderte später die „Neue Welt“ entdeckten, einschließlich der Schiffe von Kolumbus.

Zuvor wurde dieser Typ Schiff nirgends auf der Welt gefunden, geschweige denn in diesem guten Zustand. Eine Neuerung im Schiffbau dieser Zeit waren die erhöhten Heckplattformen, von denen der Kapitän jeweils bis zu 20 Seeleute befehligte.

In der Geschichte der Tiefseearchäologie gibt es keine ähnlichen Funde

Zeitlich überspannen die Wracks ein ganzes Jahrtausend, alle sind zwischen dem Neunten und 19. Jahrhundert gesunken. Trotz der enormen Zeit unter Wasser sind sie in einem derart guten Zustand, dass auf den Fotos Seile, Ruder und kunstvolle Schnitzereien erkennbar sind, so der Leiter des Projektes, John Adams.

Ein Mitglied des Forscherteams ergänzte, dass „diese Funde seine wildesten Vorstellungen übertroffen“ haben. Unabhängige Fachleute bestätigen, dass in der Geschichte der Tiefseearchäologie, wenn überhaupt, sehr wenige vergleichbare Entdeckungen gemacht wurden.

Das Schwarze Meer als Zugang zum Welthandel

„Es ist eine großartige Sache“, sagte Shelley Wachsmann vom Institut der Nautischen Archäologie an der Texas A&M Universität. „Wir können einige wichtige Erkenntnisse zum Verständnis der antiken Handelsrouten erwarten“.

Handelsgüter auf dem Schwarzen Meer beinhalteten unter anderem Getreide, Felle, Pferde, Öle, Kleidung, Wein und Menschen. Die Tataren versklavten die Christen und haben sie zum Beispiel nach Kairo verschifft. Für die Europäer bot das Gewässer Anschluss an den nördlichen Teil der Seidenstraße und ermöglichte den Import von Seide, Satin, Muskat und anderen Gewürzen, sowie Parfüm und Juwelen.

Auch Marco Polo bereiste nachweislich das Schwarze Meer. Darüber hinaus verteilten sich italienische Handelsstädte entlang der Küste. Die erzielten Gewinne waren derart gewaltig, dass Venedig und Genua mehrere Kriege über die Kontrolle der Handelswege führten, auch um die Routen im Schwarzen Meer.

Brendan P. Foley, Archäologe vom Woods Hole Oceanographic Institution, Massachusetts, meinte, dass der gute Zustand der Wracks darauf schließen lässt, dass auch im Inneren noch viele Güter erhalten sein könnten. „Wir finden vielleicht Bücher, Pergamente und andere Schriftstücke. Wer weiß, wie viel von dem Zeug transportiert wurde? Aber jetzt haben wir die Möglichkeit es herauszufinden…“

In den tiefen Gewässern könnten noch viele Wracks liegen

Experten meinen, dass der Erfolg in den bulgarischen Gewässern andere Forscher inspirieren könnte, an der Suche teilzunehmen. Als Küstenstaaten könnten Georgien, Rumänien, Russland, Türkei und die Ukraine in ihren Seegebieten ebenfalls Wracks finden.

Dr. Foley, der bereits einige Wracks im Schwarzen Meer untersucht hat, sagte, dass in den Tiefen des Meeres zweifelsfrei noch zehntausende verlorene Schiffe liegen. „Alles was dort sinkt, wird konserviert.“

Für viele Jahre war das Schwarze Meer eine viel befahrene Wasserstraße, die den Balkan, die eurasischen Steppen, den Kaukasus, Kleinasien, Mesopotamien und Griechenland verbunden hat.

Auch die großen europäischen Flüsse enden im Schwarzen Meer und bringen so viel Wasser mit, dass sich ständig eine Schicht Süßwasser über dem dichteren Salzwasser des Mittelmeeres befindet. Als Ergebnis vermischt sich der Sauerstoff der Atmosphäre zwar mit dem Süßwasser, aber gelangt nicht in die tieferen Schichten.

1976 hat Willard Bascom, Pionier der Ozeanografie, in seinem Buch „Deep Water, Ancient Ships“ das Schwarze Meer als einzigartig bezeichnet und durch die außergewöhnlichen Bedingungen als den vielversprechendsten Kandidaten für Forschungen und Entdeckungen. „Man ist versucht, sofort mit der Suche zu beginnen, trotz der enormen Ausmaße, die abgedeckt werden müssen.“

Bereits 2002 hat Robert D. Ballard, Entdecker der Titanic, eine Expedition im Schwarzen Meer geleitet und ein 2.400 Jahre altes Wrack gefunden. Im Laderaum wurden unzählige Tongefäße gefunden, eins davon war mit getrocknetem Fisch gefüllt, eine beliebte Speise in Griechenland zu jener Zeit.

Internationale Forschungen im Schwarzen Meer

Das aktuelle Team benötigte für seine Forschungen die Erlaubnis vom bulgarischen Ministerium für Kultur und Auslandsangelegenheiten und beschränkte die Suche auf die bulgarischen Hoheitsgewässer. Aber auch in diesen Bereich fallen einige tausend Quadratkilometer, die untersucht wurden.

Trotz des offiziellen Projektnamens Black Sea Maritime Archaeology Project oder „Black Sea MAP“ befördert das Ausgrabungsteam auch Sedimente an die Oberfläche, um nach Hinweisen für den Anstieg des Wasserspiegels zu suchen und welche Einflüsse dies auf die ehemaligen Landflächen, sowie Siedlungen hatte.

Mitglieder dieses international besetzten Teams sind unter anderem das nationale bulgarische Institut für Archäologie und das Zentrum für Unterwasserarchäologie des Landes. Darüber hinaus sind auch die Sodertorn Universität aus Schweden und das Hellenische Zentrum zur Erforschung der Meere aus Griechenland vertreten.

Die eigentliche Mission geriet in den Hintergrund

Die Finanzierung des Projektes sichert die britische Stiftung für Erforschung und Bildung, deren Geldgeber anonym bleiben wollen, so ein Teammitglied. Der wissenschaftliche Leiter, Dr. Adams von der Universität von Southampton, beschreibt es als größte akademisch-wirtschaftliche Partnerschaft dieser Art.

Über die Höhe der Kosten der dreijährigen Expedition ist nichts bekannt. Im letzten Jahr begann man mit einem großen Schiff unter griechische Flagge die Voruntersuchungen zu machen. Die Forschungsplattform dieses Jahres ist das britische Schiff „Stril Explorer„. Dieses Forschungsschiff bietet unter anderem einen Helikopterlandeplatz, sowie mehrere Tauchroboter, die normalerweise für die Wartung von Unterseeleitungen und -strukturen der Offshore-Öl-Industrie verwendet werden.

Statt Ölförderanlagen zu überprüfen, sollten die ROVs den Meeresboden kartografieren. Doch als Dr. Pacheco-Ruiz, ebenfalls von der Universität von Southampton, eines Nachts die Monitore beobachtete und die Roboter die Wracks erleuchteten, geriet die Kartografierung in den Hintergrund. Als er die Seile sah, hat es ihm die Sprache verschlagen und bis heute könne er dies immer noch nicht fassen. „Wracks in diesem gut erhaltenen Zustand sind eine absolute Seltenheit.“

„Wie zwei kleine Jungs im Spielzeugladen“

Die ersten gefundenen Schiffe stammen aus dem Osmanischen Reich, dessen Hauptstadt das heutige Istanbul ist, und sanken höchstwahrscheinlich zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert. Auch die „Blume des Schwarzen Meeres“ war eins der ersten entdeckten Schiffe.

In einem Interview sagte Dr. Batchvarov von der Universität Connecticut, dass die meisten der Funde in die Zeit des Osmanischen Reiches eingeordnet werden können. Als er weitere Schiffswracks auf den Monitoren der ROVs erblickte, war er geneigt, sie ebenfalls in diese Zeit einzuordnen.

Dann sah er die seitlich angebrachten Ruder und erkannte, dass diese Wracks deutlich älter sein mussten. Als die Tauchroboter ein weiteres Wrack beleuchteten, war auch Dr. Adams geweckt worden und ebenfalls in der Kommandozentrale der ROVs eingetroffen.

„Er war sofort da.“ erinnert sich Dr. Batchvarov. Die Beiden sahen sich an wie zwei kleine Jungs im Spielzeugladen. Weiter sagte Dr. Batchvarov, dass das mittelalterliche Wrack, welches knapp einen Kilometer tief liegt, ein Teil einer Schiffsklasse war, die unter verschiedenen Namen bekannt ist. Darunter auch Namen wie „Cocha“ oder „Rund-Schiff“, Letzteres leitete sich von der Bauart der Rümpfe ab, durch die mehr Fracht unter Deck transportiert werden konnte als in einem vergleichbaren Kriegsschiff.

Auch die schnellsten Computer brauchen für diese Fotos mehrere Tage

Die erstaunliche Farbigkeit der Bilder stammt nicht direkt aus den Aufnahmen der ROVs, so Dr. Adams. Viel mehr wird dies erst durch einen Kombinationsprozess am Computer generiert.
Im Laufe dieses Verfahrens gleicht die Software Entfernungen zwischen einzelnen Objekten ab und verwandelt flache Bilder in dreidimensionale Renderings der Wracks.

Die Rohdaten liefern die Foto- und Videoaufnahmen der Tauchroboter und die Entfernungsmessungen der Sonargeräte. Durch die verwendete Hochfrequenztechnik lassen sich die Wracks bis in den Millimeterbereich genau messen.

Ein Bericht des Forschungsteams beschreibt diese Bilder als „digitale Modelle“, deren Erstellung auch mit den schnellsten Computern durchaus mehrere Tage dauern kann.

Doch es soll nicht bei Fotos bleiben, laut der Webseite des Team soll eine Dokumentation über die Entdeckungen entstehen. Auch soll die Begeisterung zum Forschen und Entdecken in Schulen und Universitäten geweckt werden.

Eine Bergung der Wracks ist nicht unmöglich

Ein Thema, über das Nationen, Wissenschaftler und Schatzjäger lange gestritten haben, ist die Bergung solcher Schiffswracks. Dazu wurde von Seiten des Expeditionsteams bisher jedoch wenig gesagt. Bulgarien ist Unterzeichner einer UN-Resolution von 2001, die den kommerziellen Handel mit unterseeischem Kulturerbe verbietet und Richtlinien bezüglich der Bergung und öffentlichen Ausstellung vorgibt.

Dr. Pacheco-Ruiz sagt, man habe bisher 44 Schiffswracks gefunden und fotografiert. Er geht jedoch auch davon aus, dass dort noch mehr Wracks liegen.

Auf die Frage, was das Wichtigste ist, antwortete Dr. Adams, wissenschaftlicher Leiter der Expedition, das das „Rund-Schiff“ ein zentrales Element im europäischen Schiffsbau war und aufgrund dessen Stadtstaaten wie Venedig und Seefahrer wie Marco Polo hervorgingen. Dieses Schiff beinhaltete eine Reihe von Innovationen, die es deutlich von seinen Vorfahren abhebt und weitere Entwicklungen ermöglichte.

„Es sei nicht zu gewagt, wenn man behauptet, dass das mittelalterliche Europa mit Hilfe von Schiffen wie diesen modern wurde“, so Adams weiter.