Jordanien: „Drachenjäger“ auf der Suche nach historischen Stätten

In Jordanien suchen Archäologen aus der Luft nach mysteriösen Felsformationen, sogenannten "Drachen". Die seltsame Steinformationen erinnern in ihrer Form an kindliche Zeichnungen von Drachen, daher der Name. Wozu diese 9.000 Jahre alten Funde gedient haben, ist bis heute unklar.

Zwischen alten Marmorsäulen grasen Schafe, hoch über ihnen fliegt ein Hubschrauber und an diesem turnt ein Wissenschaftler herum. Was aussieht wie eine gewagte Kletterei ist ein Projekt der „Drachenjäger“ um historische Stätten zu dokumentieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Abgestützt auf den Kufen des Helikopters gelingt es ihnen, Fotos von römischen Ruinen über Hisban nahe der jordanischen Hauptstadt Amman zu machen und sie in ihre umfassende Sammlung aufzunehmen.

Die Spuren in der jordanischen Wüste sind rätselhaft

Robert Bewley von der Universität Oxford und sein Kollege David Kennedy haben bereits etwa 4.500 historische Stätten mit insgesamt über 91.000 Fotos dokumentiert. Darunter befinden sich antike Plätze vom Neolithikum bis zur britischen Kolonialzeit.

Auch die Römer, Osmanen und Byzantiner haben ihre Spuren in der jordanischen Wüste hinterlassen. Zudem sind die Forscher auf rätselhafte, von Menschen geschaffene Felsformationen gestoßen, die bisher keiner der genannten Kulturen zugeordnet werden können.

Städtebau bedroht die seltsamen Funde

Von oben sehen die Wissenschaftler, dass die Ausbreitung von Städten und Siedlungen die antiken Stätten bedrohen. In den letzten Jahrzehnten hätten Menschen, die vor den Konflikten aus dem Irak und Syrien fliehen, die Boden- und Wasserressourcen des Landes zusätzlich belastet, sagt David Kennedy.

Weiter heißt es: „Die damit verbundene Zerstörung von archäologischen Funden sei erschreckend und muss schnellstens gestoppt werden, bevor die Gefahr endgültig zu einer Katastrophe wird.“

Betrachtet man die Aufnahmen der Wissenschaftler genauer, kann man erkennen, wie die nordjordanische Stadt Dscherasch langsam die dort stehenden römischen Ruinen einnimmt. Andere Fotos zeigen, wie Fundstätte um Fundstätte planiert wird, Straßen mitten durch Tempel der Nabatäer und Festungen der Römer verlaufen und ein neolithischer Friedhof von Plünderern verwüstet wurde.

Erst aus der Luft sind die Zerstörungen durch den heutigen Menschen deutlich zu sehen. Sie sind eine ernsthafte Bedrohungen für das Erbe der antiken Reiche.

Steinformationen sehen aus wie kindliche Skizzen von Drachen

Die Drachenjäger fanden bei ihrer Suche jedoch nicht nur Ruinen und antike Plätze, sondern auch hunderte seltsamer Felsformationen in der jordanischen Wüste.

Inzwischen wurden Tausende solcher Orte gefunden, teils 4.000 bis 9.000 Jahre alt. Vom Boden aus gesehen, fallen sie inmitten der Basaltfelsen nicht auf und blieben daher bis heute unentdeckt.

Die ersten Strukturen wurden vor knapp 100 Jahren entdeckt, als britische Piloten Postdienst zwischen Kairo und Bagdad flogen. Die gefundenen Hinterlassenschaften ähneln kindlichen Skizzen von fliegenden Fabelwesen und wurden daher als „Drachen“ bezeichnet.

Die Funde der Drachenjäger dehnen sich weit im „Fruchtbaren Halbmond“aus

Während des zweiten Weltkrieges kam die Luftbildarchäologie in dieser Region zum Erliegen. Als Bewley und Kennedy die Arbeiten um 1980 wieder aufnahmen, konnten sie sehen, dass es dort buchstäblich Tausende solcher „Drachen“ gibt.

In dem Gebiet, dass sich über Armenien, die Türkei, Syrien, Ägypten,  Jordanien, sowie Saudi-Arabien und den Jemen erstreckt, wurden bisher über 4.500 solcher Steinformation gefunden. Je nach regionaler Ausprägung sehen sie wie Wimpel, Kreise und sogar Fächer aus.

Das Gebiet, in welchem die seltsamen Formationen vorkommen, ist als „Fruchtbarer Halbmond“ bekannt und hat bereits viele Archäologen in die Region gelockt.

Gary Rollefson, heute emeritierter Professor des Whitman College im US-Staat Washington, begann bereits 1978 in Jordanien zu forschen und fand im Lehm einer neolithischen Stätte unter anderem Pollen von Eichen, Wasserlinsen, Rohrkolben und Tamarisken.  Dieser „Wisad Pools“ genannte Fundort muss demnach wesentlich grüner gewesen sein als er heute ist. Andere Archäologen fanden tierische Knochen. Auch sie sind sich einig, dass es dort früher sehr viel mehr Wasser gab.

Die Entstehung und Nutzung der steinernen Formationen ist bis heute ungeklärt. Eine vermutete Nutzung der „Drachen“ war die Treibjagd. So trieb man Herden von Wildtieren zwischen zwei Steinmauern auf tiefe Gruben zu und erlegte sie dort.

Diese Sammlung von Luftbildern soll genutzt werden

Heutzutage sind Satellitenbilder über Google Earth und ähnliche Projekte allgemein zugänglich. Zu Beginn der Forschungen vor knapp vierzig Jahren musste man jedoch jedes Luftbild selbst machen. Am Anfang seines Projektes durfte David Kennedy von der Universität Oxford nicht selbst fliegen und sammelte daher 25 Jahre lang die Luftaufnahmen Anderer und unzählige alte Karten.

Erst 1997 erlaubte der Chef der jordanischen Luftwaffe den Archäologen zu fliegen und bot Flüge in Militärhubschraubern an. Weitere zehn Jahre später konnten die beiden Wissenschaftler mit finanzieller Hilfe des Instituts Packard Humanities die Zahl und Reichweite der Flüge erhöhen und deutlich mehr Ruinen dokumentieren.

Die Bilder und Daten lagern die beiden Archäologen in der Universität Oxford. Das Online-Archiv und die Webseite des Projektes umfassen mehr als 1.000 Seiten mit Fotos und kann online genutzt werden.

Aktuell werden die Fotos in 161 Forschungsprojekten verwendet. Über die Veröffentlichung der Fotos sagte Bewley: „Der Sinn der Fotos ist, dass Menschen sie in der Zukunft verwenden“.

Selbst in Zeiten von kostenlosen Satellitenbilder werden in den Luftbildern immer noch neue, archäologisch interessante Stätten gefunden.